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Martin Scorsese, 2000 (Foto: Paramount Pictures / Touchstone Pictures)

Bis 12. Mai 2013

Weltweit erste Scorsese-Ausstellung in Berlin

Er ist einer der innovativsten und leidenschaftlichsten Filmemacher der USA. Zu seinem 70. Geburtstag im November öffnete Martin Scorsese sein persönliches Archiv und ließ seine Schätze nach Berlin bringen - für die weltweit erste Martin-Scorsese-Ausstellung.

Für jeden Filmfan wird die Schau zu dem erstaunlichen Lebenswerk Martin Scorseses eine Reise in die eigene, filmische Erlebniswelt sein, denn die Arbeit dieses Regisseurs ist so stilprägend und vielfältig, dass wohl jeder Kinogänger im Verlauf der Jahrzehnte seine ganz persönlichen Erfahrungen damit gemacht hat.

Die sehr persönliche Ausstellung in der Deutschen Kinemathek, dem Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz, verzichtet auf eine biografische Chronologie. Sie will, wie Kurator Nils Warnecke betont, "eine thematische Orientierung ermöglichen, entwickelt entlang des filmischen Materials."

Der 1942 in New York geborene Sohn einer italienischen Einwanderer-Familie wuchs in Little Italy auf. New York, dieser Hexenkessel aus Gewalt und Glanz, dieser Kampfplatz der Kulturen und Nationen, dieser Schauplatz von Verbrechen und Kreativität, von Hoffnung und Scheitern, wurde zum zentralen Ort seiner Arbeit, zur Scorsese-Stadt schlechthin.

In seinen Filmen, von "Taxi Driver" bis zu den "Gangs of New York", ist die Metropole eine Bühne des brutalen, unverstellten Lebens und der blutigen Geschichte. Die wichtigen Themen seiner Kunst sind hier autobiografisch vorgeprägt worden: die Allmacht familiärer Strukturen, die schreckliche Gewalt in einer Gesellschaft, deren Zivilisation noch immer jung und ungefestigt erscheint.

Ein anschauliches Stadtmodell in der Ausstellung macht den Lebensraum New York deutlich, die ungeheure Bedeutung dieser Stadt, die nicht nur Handlungsort vieler seiner Filme ist, sondern zugleich Inspiration, Quelle von Geschichten, Erfahrungen und Einsichten.

Zeugnisse einer amerikanisch-italienischen Kindheit

Die Drehorte der Scorsese-Filme sind auf diesem Modell gekennzeichnet worden. Beginnend im unmittelbaren Umfeld von Little Italy "dehnen sich die filmischen Aktivitäten in der Stadt in konzentrischen Kreisen aus", erläutert Warnecke. Er konnte zusammen mit seiner Kollegin Kristina Jasper die Exponate in New York persönlich auswählen, darunter so anrührende Stücke wie die Bilderwand aus der Wohnung von Scorseses Eltern und ein Wohnzimmertisch - Zeugnisse einer amerikanisch-italienischen Kindheit, die sichtbare Spuren im Werk Scorseses hinterlassen haben.

Immer wieder taucht die Familie in seinen Filmen in verschiedenen Wandlungen auf. Die Ausstellung spürt in den einzelnen Kapiteln solchen wiederkehrenden Konstellationen nach: der Familie, den einsamen Scorsese-Helden, den gegensätzlichen Brüdern.

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Fotos, Skizzen und Robert De Niros blutiges Hemd

Raumgreifende Videoinstallationen lassen den Zuschauer in die Scorsese-Welt eintauchen, Fotos, Skizzen, Drehbuchentwürfe, vom Regisseur selbst gezeichnete Storyboards und viele Dokumente ermöglichen einen Einblick in die Arbeitsweise, die akribisch in der Vorbereitung und fantasievoll in der Ausführung ist.

Viele, der noch heute verblüffenden, revolutionären visuellen Lösungen fand Scorsese in Zusammenarbeit mit dem deutschen Kameramann Michael Ballhaus, dessen großen Anteil am Werk in der Berliner Ausstellung gewürdigt wird. Scorsese und sein Kameramann Ballhaus, der auch selbst zur Eröffnung in Berlin ist, führen auf dem Audioguide durch die Ausstellung, natürlich gibt es auch eine deutsche Übersetzung.

Viele Freunde und Kollegen öffneten ihre Archive und steuerten einige der insgesamt 600 Exponate bei. Als besonders aufschlussreich erweist sich der Briefwechsel mit Robert de Niro, Star vieler Scorsese-Filme wie "Casino" und "Goodfellas". Mit großem Verantwortungsgefühl loten die beiden, die eine geradezu symbiotische Beziehung verband, alle Nuancen der Figuren aus, suchen in den Tiefen der Charaktere nach Wahrhaftigkeit und den vollkommenen Ausdruck dafür.

De Niros blutiges Hemd aus "Kap der Angst" und seine Boxerhandschuhe aus "Wie ein wilder Stier" werden sicher zu den meist bestaunten Exponaten dieser Ausstellung gehören, die sehr genau zwischen fesselndem Schauwert und analytischer Schärfe ausbalanciert ist - und damit dem Geist der Filme gerecht wird.

Warmherzige Videobotschaft

Ein besonders sympathischer Zug an dem Cineasten Scorsese ist übrigens seine Liebe zu den Filmen der Ahnen. Auch sie wird in der Ausstellung gewürdigt. In einer sehr warmherzigen Videobotschaft zeigt sich Scorsese sehr stolz, nun im Berliner Filmmuseum vertreten zu sein, wo das Erbe von Fritz Lang und Marlene Dietrich gepflegt wird. Seine lebenslange Begeisterung für das Kino werde hier sichtbar.

Scorsese brennt für die Schätze der Filmgeschichte, seine eigenen visuellen Meisterwerke sind wohl nur aus der genauen Kenntnis der Vorgänger zu erklären. Wie kaum ein anderer seiner Kollegen sorgt sich Scorsese um den Erhalt der Klassiker, um Filmbewahrung und Restaurierung. Sein jüngster Film "Hugo Cabret" ist eine liebevolle Hommage an den Stummfilm-Pionier Georges Melies, diesen frühen Magier des Kinos, von dem viele Menschen sicher durch Scorsese zum ersten Mal gehört haben. Auch Requisiten dieses 3D-Films sind in Berlin zu sehen, aber auch Teile der privaten Platten-Kollektion des musikliebenden Regisseurs bedeutender Dokumentarfilme über Rockgrößen wie "The Stones" und "The Band".

Leider konnte Scorsese nicht selbst zur Eröffnung dieser Schau kommen. Der immer schnell und voller Begeisterung sprechende Mann, dessen Energie offensichtlich unerschöpflich ist, dreht gerade mit Leonardo DiCaprio seinen neuen Film "The Wolf of Wall Street". Diese fünfte Zusammenarbeit der beiden wird ein Thriller über die Abgründe der Finanzwelt, ein höchst aktuelles Thema. Vielleicht entsteht da in New York gerade ein neuer Scorsese-Klassiker.


Knut Elstermann

Infos im WWW

10. Januar bis 12. Mai 2013

Martin Scorsese-Ausstellung

Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen
Potsdamer Str. 2
10785 Berlin-Tiergarten

Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr, Sa, So 10-18 Uhr
Do 10-20 Uhr
(während der Berlinale auch am Montag, 11. Februar)

Eintritt:
5 Euro, ermäßigt 4 Euro [deutsche-kinemathek.de]

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