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Einst sollte das Kunst- und Kulturfestival das Image eines verrufenen Stadtbezirks aufpolieren, inzwischen existiert "48 Stunden Neukölln" bereits in seiner 14. Auflage. Bildende Kunst, Tanz, Theater, Performances, Lesungen und Führungen: An diesem Wochenende warten wieder mehr als 600 Veranstaltungen an rund 340 Orten darauf, von den Besuchern entdeckt zu werden.
"Endstation Neukölln", so lautete 1997 die Überschrift eines Artikels im "Spiegel" über den sozialen Niedergang des Bezirks im Süden Berlins. Schießereien auf offener Straße, Diebesbanden wohin man blickt und Straßenkinder mit dem Messer im Anschlag: ein Besuch in Neukölln bedeute Gefahr für Leib und Leben, vermittelten dieser und andere Beiträge. Zu zeigen, dass diese Darstellung nur eine Seite der Medaille und der Bezirk für viele seiner Bewohner durchaus lebenswert ist, war das Anliegen des Kulturnetzwerks Neukölln e.V., einem Zusammenschluss von öffentlichen Einrichtungen, privaten Trägern, Vereinen und Initiativen. Und so wurde 1999 die Idee zu "48 Stunden Neukölln" geboren.
Das Festival war ursprünglich als einwöchige Leistungsschau der Neuköllner Kultur- und Kunstszene angedacht, wurde aber schon im gleichen Jahr auf die namensgebenden 48 Stunden begrenzt. 100 Veranstaltungen an Spielorten zeigten im ersten Jahr seines Bestehens einen weltoffenen, kreativen und experimentierfreudigen Stadtteil.
Gentrifizierung statt Gewalt
In den vergangenen Jahren ist viel passiert in Neukölln. Einzelne Gebiete des Bezirks haben sich mittlerweile zu richtigen Szenenkiezen entwickelt, so beispielsweise der Reuterkiez, die Region um den Richardplatz, die Weser- und die Boddinstraße. Der Zuzug von Studenten und Künstlern aus aller Welt prägte die neue Wahrnehmung des gesamten Stadtteils. Schlagworte wie Verwahrlosung, Gewalt und Bildungsarmut rückten in der Diskussion den Hintergrund, stattdessen macht man sich in Neukölln aufgrund gestiegener Immobilienpreise nun plötzlich Gedanken um Gentrifizierung.
Bestehende Probleme aufzeigen, zugleich aber die ebenso vielfältig bestehenden Lösungsansätze im Bildungs- und Kulturbereich aufzuführen, ist weiterhin ein Hauptanliegen von "48 Stunden Neukölln". Das Besondere dabei: keine Jury, kein Kurator bestimmt über die Teilnahme, sondern lediglich die Eigeninitiative von Künstlern und Gruppen, die sich präsentieren wollen. Entlang der Karl-Marx-Straße haben sich mittlerweile Häuser wie der Heimathafen Neukölln oder die Neuköllner Oper als feste Größe in der Berliner Kulturlandschaft etabliert und öffnen natürlich auch an diesem Wochenende mit einem umfangreichen Programm: Während des Festivals lassen sich rund um Schillerpromenade, Rathaus Neukölln und Hermannplatz in Hinterhöfen, Treppenaufgängen und Privatwohnungen aber auch viele kleinere, temporäre Orte entdecken. Abseitiges statt Hochkultur, es gibt keine Unterscheidung zwischen "guter" und "schlechter" Kunst, die meisten Veranstaltungen lassen sich kostenlos besuchen.
Zwischen Aufbruch und zur Ruhe kommen
"Neukölln ist total kreativ, inspirierend und irgendwie bekloppt auf eine wahnsinnig schöne Art", sagt Regisseurin Yasemin Şamdereli ("Almanya – Willkommen in Deutschland"), die seit fast sechs Jahren im Viertel wohnt und in diesem Jahr die Schirmherrin des Festivals ist, in einem Interview "Aber es wäre total realitätsfremd, es so hochzustilisieren, dass man nicht sieht, welche Menschen um einen herum leben. Hier gibt es doch sehr viele Menschen, die harte Zeiten durchleben."
Was für die einen das Versprechen eines Aufbruchs ist, ist für andere der tägliche Kampf um würdige Lebensbedingungen. Das diesjährige Motto "Endstation Paradies" – angelehnt an die alte "Spiegel"-Schlagzeile - versucht diese Widersprüche aufzugreifen. "Endstation bedeutet eigentlich Schluss, ohne dass der Gedanke an ein Paradies aufkommen will", schreibt Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky in seinem Vorwort zur Veranstaltung. "Und doch kann 'Endstation' auch ausdrücken, dass ein Reisender sein Ziel erreicht hat und zur Ruhe kommt."
Blick in die Geschichte der Zuwanderung
Die Themen Zuwanderung und interkulturelles Zusammenleben stehen im Mittelpunkt des Festivals. Dabei spannen die Veranstalter einen weiten historischen Bogen: Die Grundlage für den wiederkehrenden Prozess der Zuwanderung nach Neukölln wurde bereits vor 275 Jahren mit der Ansiedlung böhmischer Glaubensflüchtlinge in Rixdorf gelegt. Ihre Integration verlief nicht konfliktfrei, ebensowenig wie das Zusammenleben der Menschen aus über 160 Nationen, die heute das Bild des Stadtbezirks prägen. Und doch zeigt ein Blick in die Geschichte, dass dieser Prozess immer wieder auch erfolgreich von statten ging. Eine Frage lautet: Ist es den unterschiedlichen Generationen der immer wieder neu nach Neukölln Kommenden gelungen, hier ihr Glück, ihr "Paradies", zu finden?
Im biografischen Projekt "Heimat Asyl" bietet zum Beispiel das Theater- und Performancekollektiv ON-11 einen performativen Spazierganz durch die Straßen von Neukölln an. In kleinen Gruppen begegnen die Teilnehmer an verschiedenen Stationen Asylbewerbern und kommen mit ihnen in unterschiedlichen Kontexten ins Gespräch. Die Künstlerin Celia Caturelli zeigt in der St. Christopherus-Gemeinde verschiedene Filme, die sich unter anderem damit auseinander setzen, was es bedeutet, in einer fremden Sprache zu leben, zu arbeiten und zu lernen.
Aus einer Befragung von Migranten entlang der Karl-Marx-Straße hat die Architektin und Künstlerin Katharina Rohde zusammen mit Studierenden des Master-Studiengangs Urban Management der TU Berlin die Ideen und Visionen der Bewohner in drei Interventionen "Beiträge zum Paradies" verarbeitet. Wer einen tieferen Einblick in den Bezirk bekommen möchte, kann sich den "Neukölln Safaris" anschließen, thematischen Führungen unter anderem aus den Bereichen Geschichte, Kunst und Bildung. Entlang der Karl-Marx-Straße verbinden am Samstag von 14 bis 22 Uhr Rikscha-Shuttles die verschiedenen Stationen.
Karin Losert
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/kultur/beitraege/48_stunden_neukoelln.html