
Nach geplatztem Umzugstermin - c/o-Galerie geht auf die Straße
Die renommierte c/o-Galerie sollte im Herbst von Mitte ins Amerikahaus am Bahnhof Zoo ziehen. Nun aber verzögert sich der Umzug bis 2014. Doch auch wenn die Galerie derzeit keine Räume hat, zeigt sie ab kommenden Wochenende eine neue Ausstellung - open air vor ihrem neuen Domizil.
Wenn sie schon nicht die Räume im Inneren nutzen können, dann stellen die Macher halt davor aus. Das Amerikahaus soll bald zum neuen Domizil der c/o Galerie werden. Derzeit wird das Haus renoviert. Trotzdem gibt es an dem traditionsreichen Ort bald Kunst zu sehen - wenn auch nicht drinnen.
Unter dem Titel "Bourgeoisie, Swing und Molotow-Cocktails" sind ab Freitag rund 120 historische und zeitgenössische Fotografien auf Säulen zu sehen - vor dem blau eingerüsteten Gebäude. Die Bilder sollen die Geschichte des sagenumwobenen Ortes erzählen. Sie zeigen Momentaufnahmen der Besuche von Robert Kennedy, Richard Nixon und Willy Brandt, sowie Fotografien von namhaften Künstlern wie Lyonel Feininger, Robert Rauschenberg und Gordon Parks.
Amerikahaus galt als Aushängeschild in der "Frontstadt" Berlin
Das Amerikahaus an der Hardenbergstraße erzählt auf besondere Weise die Zeitgeschichte des lange geteilten Berlins. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ein Ort zur "Umerziehung" der Deutschen vom Ungeist der Nazi-Diktatur, in den 60er Jahren entzündete sich hier der Protest gegen den "Kulturimperialismus" der USA. 1966 steuert die erste Anti-Vietnamkriegs-Demo gezielt das Gebäude an. Erstmals fliegen Eier auf die Fassade, später Steine und Wurfbrandsätze, wie die Ausstellungschronologie verzeichnet.
Insgesamt 27 Amerika-Häuser gründeten die Amerikaner nach dem Krieg im Westen Deutschlands, um freiheitliche Kultur zu vermitteln. Das Aushängeschild in der "Frontstadt" Berlin galt angesichts des heraufziehenden Kalten Kriegs als besonders wichtig. Unzählige Berliner kamen hier erstmals wieder mit Kunst und Literatur in Berührung, die unter den Nazis verboten war. Später lockten amerikanische Bücher, Zeitungen und Filme.
"Die Deutschen sollten lernen, dass Demokratie besser ist als Diktatur, Freiheit besser als Obrigkeitsdenken, Individualismus besser als Volksgemeinschaft", schreibt Kurator Hans Georg Hiller von Gaertringen in seinem Begleittext zur Open-Air-Ausstellung. "Zugleich sollten sie begreifen, dass Amerika für mehr steht als Wolkenkratzer, Bubble Gum und Coca Cola."
Nach zwei Provisorien wählten die Amerikaner Anfang der 50er Jahre bewusst das brachliegende Gelände am Bahnhof Zoo für einen Neubau. Dort hatten die Nationalsozialisten im Garten einer barocken Villa einst die "Berliner Kunsthalle" betrieben, die sich ausschließlich der NS-Kunst widmete. Das neue US-Kultur- und Informationszentrum, vom Berliner Architekten Bruno Grimmek gebaut, sollte ein demonstrativer Gegenpol dazu werden.
1957 öffnete das Haus mit der bunten Mosaik-Fassade seine Pforten. Mit Filmen, Theateraufführungen, Konzerten und Englisch-Kursen wurde es bald ein wichtiger kultureller Treffpunkt. Doch im Zuge der Proteste gegen den Vietnam-Krieg schlug die Stimmung in den 68er Jahren um. Spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 glich das Haus einer Festung, scharf bewacht und kaum mehr zugänglich. Nach der Eröffnung der US-Botschaft am Brandenburger Tor übergaben die Amerikaner das Haus 2006 jedoch an das Land Berlin.
Neuer Ausstellungsort ist ein Glücksgriff für die Galerie
Im Herbst sollte nun die weltweit für Fotokunst bekannte c/o Galerie hier einziehen. Doch der Umzugstermin platzte. Die Gespräche mit den Architekten hätten ergeben, dass für eine gründliche Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes mehr Zeit nötig sei, sagte Sprecher Mirko Nowak am Dienstag. "Dieses Haus ist ein Kleinod. Deshalb wollen wir es richtig machen - zumal unser Mietvertrag ja 16 Jahre läuft."
Doch auch wenn die Galerie erst im Frühjahr 2014 ins Amerikahaus ziehen kann: Der neue Ausstellungsort ist ein Glücksgriff für die Galerie, auch in Hinsicht auf den langfristigen Mietvertrag. An ihrem alten Standort im ehemaligen Postfuhramt in Berlin-Mitte hatten die Macher monatelang Querelen mit dem neuen Investor, der ihnen letztlich kündigte. Und das obwohl die Galerie eine Kulturinstitution ist. Mit Ausstellungen von Fotos von Annie Leibovitz, James Nachtwey, Pierre et Gilles, Karl Lagerfeld oder Peter Lindbergh wurden bis zu 200.000 Besucher im Jahr angezogen. Der Senatskulturverwaltung zufolge zählt die c/o-Galerie zusammen mit dem Martin Gropius Bau zu den beliebtesten Ausstellungshäusern der Stadt.
Nun also der Neustart: Im alten Berliner Westen soll gemeinsam mit dem nahe gelegenen Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung ein neues Zentrum für Bildkunst entstehen. Bis es soweit ist, zeigt die Galerie ihre Bilder eben draußen. Bis zum 15. September soll die Freiluft-Schau laufen. Sie dürfte nicht die letzte Open-Air-Ausstellung sein.
