Viktoria, die Katze von Autorin Angelika Schrobsdorff (Foto Maria Ossowski)
Audio: Maria Ossowski, Kulturradio | 07.08.2013

Katzenliebe zwischen Jerusalem und Berlin - Frau Schrobsdorffs Gespür für Fell

Die Welt feiert Katzen: Am Donnerstag beging der globale Fanclub der Sanftpfoten den Weltkatzentag - eigentlich eine Erfindung des anonymen Internets, aber seitdem sehr real. Vor allem die Liebe vieler Schriftsteller zu diesen Tieren ist gut dokumentiert: Baudelaire, Marc Twain, Emile Zola, Heinrich Heine, Monika Maron, Katja Lange-Müller. Genauso wie eine ganz besondere, sehr zurückgezogen lebende Berliner Autorin: Angelika Schrobsdorff. Es ist fast unmöglich geworden, sie zu treffen – aber weil Maria Ossowski über Katzen reden möchte, öffnet sie die Tür.

Nein, erklärt die Dame vom Verlag, Angelika Schrobsdorff gibt schon seit Jahren keine Interviews mehr.

Aber vielleicht möchte sie über Katzen sprechen?

Ja, lässt die 87-Jährige ausrichten, über Katzen schon. Über Menschen nicht.

Die große alte Dame, vom Publikum geliebt, vom Feuilleton zu Unrecht oft verachtet, ist vor sieben Jahren von Jerusalem in ihre Heimatstadt Berlin gezogen. Hier war sie einst als behütete Tochter eines preußischen Junkers und einer jüdischen Mutter im Westend aufgewachsen, hierhin wollte sie im hohen Alter zurückkehren.

Das Klingelschild zur Wohnung von Autorin Angelika Schrobsdorff (Foto Maria Ossowski)
Die Schriftstellerin war viele Jahre mit Claude Lanzmann verheiratet.

"Lanzmann-Schrobsdorff" lese ich auf dem Klingelschild. Sie waren ein großes Liebespaar, der Pariser Intellektuelle und Filmemacher Claude Lanzmann und die wohl schönste Frau ihrer Zeit, wie Lanzmann die Schrobsdorff in seinen Memoiren beschrieben hat. Und in der Tat konnte das Alter dieser Schönheit nichts anhaben, die großen Augen blicken wach und melancholisch, das Haar ist noch immer streng gescheitelt, eine weiße Bluse mit Lochstickerei betont den dunklen Teint.

Angelika Schrobsdorff

Die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff (Quelle: Imago)

Geboren am 24. Dez. 1927 in Freiburg im Breisgau

Kindheit in Berlin-Grunewald und Wannsee

1938: Flucht vor den Nazis nach Sofia, Bulgarien, 1947 Rückkehr nach Deutschland

1983 Emigration nach Israel

2006 Rückkehr nach Berlin

Werke (Auszug):

"Die Herren" (1961),

"Die Reise nach Sofia" (83)

"Das Haus im Niemandsland oder Jerusalem war immer eine schwere Adresse" (1989)

"Du bist nicht so wie andre Mütter" (1992)

Um ihre Beine streicht Viktoria, eine israelisch-palästinensische Straßenkatze, die letzte, die von den 18 Katzen ihrer Jerusalemer Dachterrasse übrig geblieben ist. Ein ziemliches freches rotes Riesenvieh mit erheblichem Selbstbewusstsein. Die Herrin im Rollstuhl ist ihr verfallen. "Vicky geht es immer gut. Das ist eine sehr egoistische Katze und sie nimmt sich, was sie braucht."

Vicky ist im Gegensatz zu Angelika Schrobsdorff sehr beweglich, was die Schriftstellerin mit Genugtuung erfüllt. "Sie schaut nicht rechts und nichts links, die hört überhaupt nicht auf mich. Sie tut genau das, was ihr einfällt."

Durch alle Bücher von Angelika Schrobsdorff zieht sich ihre Katzenliebe: im Roman "Die Herren", Anfang der 60er ein Skandal in Deutschland; in ihrem größten Erfolg "Du bist nicht so wie andere Mütter"; in ihren Jerusalembüchern oder in ihren Erinnerungen an Bulgarien. Immer haben sie Katzen auch literarisch begleitet.

Auch als Claude Lanzmann sein Holocaustepos Shoah drehte und ihre eigene Familiengeschichte sie quälte (die mütterlichen Verwandten sind größtenteils umgekommen, die Mutter hat die Emigration nicht verkraftet), als sie sich schließlich von Lanzmann trennte und an der politischen Lage im Nahen Osten verzweifelte: Immer wieder flüchtete Schrobsdorff in eine tiefe Melancholie. Und fand, so erzählt sie selbst, Trost bei  diesen rätselhaften Fellpersönlichkeiten.

"Das Fell. Das warme, weiche Fell. Ich bin verrückt nach Fell. Ich tauche meine Hände hinein und ich bin im Siebenten. Himmel. Fragen sie mich nicht nach einer Erklärung, ich habe keine."

Eine Katze posiert für eine Fotografin in Jerusalem (Bild Sebastian Schöbel)
Die wahren Stars der Jerusalemer Altstadt: Katzen.

Die Katzenstories auf ihrer Jerusalemer Dachterrasse hat Schrobsdorff hinreißend beschrieben. Dino, ihr alter Kater, ein israelischer Hegemonialherrscher, musste vier palästinensische Terrorkätzchen aushalten. Alle freundeten sich zum Schluss an. Der stärkste Kater der Truppe, General Schwartzkopf, sorgte für Ruhe.

Die vier Katzen, die mit ihren winzigen Gesichtern, kurzen, stämmigen Beinchen und langhaarigen, kühn gemusterten Pelzen Fabelwesen glichen, schwirrten mit zuckenden Schweifen, tänzerischen Schrittchen und kleinen Schreien durcheinander. Es sah aus, als hätte ein Windstoß einen Haufen Schnee und trockenes Laub aufgewirbelt. Gib ihnen zu essen, sagte ich. Katzen sind das einzig Lohnende auf der Welt.

Angelika Schrobsdorff

Heute schwirrt nur noch Viktoria, "Vicky", um sie herum. Und es scheint, als erkenne die Katze trotz ihres egoistischen Wesens die Bedürfnisse der Schriftstellerin. Verzweifelt Angelika Schrobsdorff an den Malaisen des Alters, springt Vicky auf ihren Schoß, rollt sich ein und wartet auf die Hände.

Und den Siebten Himmel.

Beitrag von Maria Ossowski

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