
Beethoven in der Nasszelle - Oper geht baden: "Fidelio" im Stadtbad Steglitz
Singen Sie manchmal morgens unter der Dusche? Opernsänger des Berliner Club-Theaters machen das auch in größeren gekachelten Räumen: Immer wieder bespielen sie das Stadtbad Steglitz. Mittwochabend hatte dort Beethovens Oper Fidelio Premiere.
Alles ist noch da: Das Kassenhäuschen, die Beschriftungen "Nichtschwimmer/ Schwimmer", die türkisfarbenen Kacheln. Aber da, wo man früher seine Bahnen ziehen konnte, sitzt jetzt das Orchester im leeren Becken und ein Teil des Publikums. Der Rest verteilt sich auf umlaufenden Balkone am Beckenrand und sieht von dort zu, wie Leonore versucht, ihren Mann Florestan aus dem Gefängnis zu befreien. Der Geliebte ist Freiheitskämpfer und wurde von einem willkürlichen Machthaber weggesperrt. Leonore verkleidet sich als Mann, als Fidelio, und erreicht so das Vertrauen des Kerkermeisters.
Neue Blickwinkel in kleiner Besetzung
Ein besseres Bühnenbild als diese wunderschöne Jugendstil-Architektur kann man sich für die Inszenierung einer Oper nicht wünschen. Regisseur Stefan Neugebauer weiß sie voll zu nutzen. Er lässt die Ränge mit den schmiedeisernen Balustraden bespielen, die Nischen und die kuppelförmige Apsis. So ergeben sich immer wieder neue, schöne Blickwinkel mit Sängerinnen und Sängern, die offensichtlich großen Spaß am Schauspielen haben.
Beethovens Stoff wurde mit wenigen Details in die Gegenwart geholt. Florestan trägt einen orangefarbenen Sträflingsanzug wie man ihn von Bildern aus Guantanamo kennt, quasi als Stellvertreter für alle Inhaftierten, die heute unter rechtswidrigen Haftbedingungen leiden.
Kultur anstatt Sport
Das Orchester setzt sich aus zehn jungen Musikstudenten der Universität der Künste zusammen. Eine kleine Besetzung, die dennoch einen erstaunlich vollen Klang erzeugt. Auch wenn die Akustik eine Herausforderung für alle Beteiligten ist, wie eine Musikerin in der Pause erzählt: "Weil es einen sehr langen Nachhall hat und wir uns gegenseitig dadurch sehr schlecht hören. Da muss man sehr vorsichtig spielen."
Schwimmen kann man im Stadtbad Steglitz schon über zehn Jahre nicht mehr. Seit 2004 wird das Gebäude für Kulturveranstaltungen genutzt. Mit Erfolg: Der ungewöhnliche Ort mit seiner unverkrampften, familiären Atmosphäre lockt auch Leute an, die Opernhäuser eher selten besuchen.

