Langer Streit um Traditionsverlag -
Suhrkamp hofft auf Befreiungsschlag durch Insolvenz
Der seit Monaten hart geführte Streit um den Suhrkamp Verlag hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Doch dieser Schritt soll den Verlag retten. Hintergrund ist die Dauerfehde der beiden Gesellschafter.
Für den traditionsreichen Suhrkamp-Verlag ist das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Die zuständige Richterin vom Amtsgericht Berlin Charlottenburg bestätigte der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch einen entsprechenden Bericht der Zeitung "Die Welt". Demnach läuft das Verfahren bereits seit Dienstag. Als Insolvenzgründe wurden Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung genannt.
Ein neues Gesetz ermöglicht allerdings, dass die Geschäftsführung im Amt bleibt. Der Sprecher des Amtgerichts sagte dem rbb: "Der Unterschied zum bisherigen Insolvenzverfahren besteht darin, dass jetzt kein Insolvenzverwalter von Außen hineinkommt, sondern dass die Geschäftsführung von einem Sachwalter begleitet und überwacht wird."
Als Sachwalter wurde Rolf Rattunde bestellt, der zudem bereits einen Insolvenzplan vorgelegt hat. Mit ihm soll die Zukunft des Unternehmens gesichert werden.
Der Plan sieht die Umwandlung von einer Kommanditgesellschaft in eine Aktiengesellschaft vor. Damit würde der Minderheitsgesellschafter Hans Barlach seine zahlreichen Sonderrechte verlieren. Nach Angaben von Suhrkamp würde die Rechtsform der Aktiengesellschaft Existenz und Handlungsfähigkeit des Verlags sichern. Der Gesellschafterstreit, der die Insolvenz ausgelöst habe, würde das operative Geschäft dann nicht länger beeinträchtigen können.
Hintergrund
rbb SPEZIAL I 07.08.2013
rbb SPEZIAL: Suhrkamp und kein Ende?
Der erbitterte Gesellschafterstreit um den traditionsreichen Suhrkamp Verlag geht in die nächste Runde. Das Amtsgericht Charlottenburg eröffnete am Dienstag das Insolvenzverfahren.
Abendschau I 07.08.2013 - Suhrkamp hofft auf Neuanfang
Der Suhrkamp-Verlag hat Insolvenz angemeldet. Dies soll jedoch nach dem Willen des Unternehmens nicht das Ende bedeuten, sondern einen Neuanfang.
Machtkampf zwischen den Gesellschaftern
In dem renommierten Verlag, der Anfang 2010 von Frankfurt nach Berlin umzog, tobt seit Jahren ein Machtkampf zwischen den beiden Gesellschaftern. Suhrkamp-Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz hält über die Familienstiftung 61 Prozent des Verlags, Hans Barlach über seine Medienholding AG 39 Prozent.
Erst im Juli hatte das Landgericht Frankfurt am Main entschieden, dass die Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz ihre eigenen Gewinnforderungen für 2010 und 2011 nicht fällig stellen darf - das heißt zu einem bestimmten Termin offiziell einfordern.
Suhrkamp hatte aufgrund eines Streits unter den Eigentümern Ende Mai ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg beantragt. Danach haben die Beteiligten bis zu drei Monate Zeit, Sanierungsvorschläge zu unterbreiten.
Hintergrund dieses Schrittes war ein Gerichtsurteil, wonach der Verlag 2,2 Millionen Euro als Gewinnausschüttung an den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach auszahlen sollte. Mit dem Schutzschirm war diese Auszahlungspflicht zunächst ausgesetzt worden. Barlach hatte zwar vorübergehend auf eine Ausschüttung verzichtet, allerdings nur für eine begrenzte Zeit.
Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz
Bei Insel nun eine "echte" Insolvenz
Im Streit um den Suhrkamp Verlag hatte im Vormonat bereits der zum Traditionshaus gehörende Insel Verlag Insolvenz angemeldet. Der Schritt sei eine rechtlich zwingende Folge des Antrags, den Suhrkamp Ende Mai gestellt hatte, sagte Verlagssprecherin Tanja Postpischil damals.
Suhrkamp und Insel seien eng verflochten, so dass der Insolvenzantrag in Eigenverwaltung für den Insel Verlag unausweichlich gewesen sei. Das Geschäft des Insel Verlags, in dem die Werke vieler Klassiker sowie von Suhrkamp-Autoren veröffentlicht werden, laufe allerdings normal weiter. Und der Verlag versicherte damals, für Insel sei durch das Verfahren keine Geschäftsgefahr entstanden.
Auch die Mitarbeiter von Suhrkamp reagierten am Mittwoch gelassen. Ebenso hofft der Publizist Michael Naumann, der immer wieder als Vermittler aufgetreten war, auf ein gutes Ende für den Verlag. "Das ist der hoffentlich letzte Schritt, um den ewig langen Konflikt endlich zu bereinigen", so Naumann im rbb.
Chronologie: Der Kampf um den Suhrkamp-Verlag
Die Kontrahenten
Ulla Unseld-Berkéwicz
Geboren 1951 (nach anderen Angaben 1948) als Ursula Schmidt in Gießen (Hessen), macht dieTochter eines Arztes und einer Schauspielerinzunächst am Theater unter Regisseuren wie August Everding, Claus Peymann und Peter Zadek Karriere.
Später verlegt sie sich auf die Schriftstellerei. Ihr Erzähldebüt "Josef stirbt" (1982) wird viel gelobt. Als Suhrkamp-Autorin lernt sie nach einer ersten Ehe mit dem Regisseur Wilfried Minks den 25 Jahre älteren Verleger Siegfried Unseld kennen.
Dieser verlässt 1985 seine Frau Hilde und heiratet 1990 Berkéwicz. Nach Unselds Tod 2002 brechen im Verlag Machtkämpfe aus. 2003 übernimmt Berkéwicz die Geschäftsführung. 2010 setzt sie gegen viele Widerstände den Umzug des Verlags vom Traditionssitz Frankfurt am Main nach Berlin durch.
Hans Barlach
Barlach wird 1955 in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) als Enkel des Bildhauers Ernst Barlach geboren, bricht mit 17 die Schule ab und macht zunächst eine Lehre als chemotechnischer Assistent.
Mit der Gründung mehrerer Galerien betätigt er sich fast 20 Jahre lang im Kunsthandel, daneben auch in Immobilienprojekten.
Nach der gescheiterten Rettung der "Hamburger Rundschau" kauft er von 1999 an nach und nach die angeschlagene "Hamburger Morgenpost", die er zeitweise auch redaktionell leitet.
2004 übernimmt er als Eigentümer und Herausgeber zudem die Fernsehzeitschrift "TV Today". Beide Blätter verkauft er 2006 wieder. Im selben Jahr erwirbt er Anteile am Suhrkamp Verlag - gegen den erklärten Willen von Unseld-Berkéwicz.
Der Verlag
1933 - 1950
Auf Drängen von Schriftsteller Herman Hesse gründet Peter Suhrkamp einen Verlag und benannt ihn nach sich selbst - nicht zum ersten Mal.
Suhrkamp war 1933 in den S. Fischer Verlag nach Berlin gerufen worden, taufte ihn drei Jahre später in "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer" um. 1942 wird er von der Gestapo verhaftet, zum Tode verurteilt und in ein Konzentrationslager deportiert. Doch er überlebt.
Nach dem Krieg trennen sich die Verlage, ein Großteil der Autoren wechselt zu Suhrkamp.
1950
Suhrkamp beginnt von vorn mit Werken von Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, T.S. Eliot und Bernard Shaw. Und von Bertolt Brecht, der einst schrieb: "Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten."
Die 50er Jahre
Die Reihe "Bibliothek Suhrkamp" wird 1951 ins Leben gerufen, schon bald eine der wichtigsten Buchserien in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie enthält einen Großteil der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
1952 tritt Siegfried Unseld in den Verlag ein. 1957 wird er Gesellschafter und 1959, nach dem Tod Peter Suhrkamps, der alleinige Verleger.
Die 60er Jahre
1963 übernimmt Suhrkamp den Insel Verlag. Im selben Jahr wird die Reihe "edition suhrkamp" gegründet. Sie ist die Avantgarde des Suhrkamp-Programms: Literatur und Essays spiegeln die politische Situation in einer sich verändernden Welt.
"Bibliothek Suhrkamp und edition suhrkamp bilden zusammen die wichtigste deutsche Büchersammlung unserer Zeit", schrieb der Germanist Reinhold Grimm.
1969 zieht der Verlag in das Suhrkamp Haus in der Lindenstraße 29-35 in Frankfurt am Main.
Die 70er Jahre
1971 entsteht die Reihe "suhrkamp taschenbuch". Die erfolgreichsten Titel sind mit je über zwei Millionen verkauften Exemplaren Max Frischs "Homo Faber" und "Andorra" sowie Hermann Hesses "Der Steppenwolf" und "Siddhartha" mit je 1,5 Millionen verkauften Exemplaren.
Die Suhrkamp-Werke sind so präsent in den Bücherregalen der Deutschen, dass Kulturkritiker den Begriff "Suhrkamp-Kultur" prägen.
Die 90er Jahre
1990 übernimmt Suhrkamp den Jüdischen Verlag. Acht Jahre später wird die "Suhrkamp BasisBibliothek" ins Leben gerufen. Sie enthält edierte und kommentierte Hauptwerke aller Epochen und Gattungen. Dazu erscheint umfangreiches Material für den Schulunterricht.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung, geleitet von seiner Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart.
2003
Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den Anteil des Schweizer Investors gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding.
2010
Suhrkamp verlegt seinen Sitz von Frankfurt/Main nach Berlin.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter zu fragen.
2012
5. Dezember 2012
Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt/Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
10. Dezember
Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus soll sie Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.
17. Dezember
Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.
30. Dezember
Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.
2013
4. Januar 2013
Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
10. Januar
In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.
13. Februar
Das Landgericht Frankfurt/Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.
20. März
Das Landgericht verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familien-Stiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.
27. Mai
Der Verlag will seinen Bestand mit einem sogenannten Schutzschirmverfahren sichern. Es soll verhindern, dass der Gewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Barlach kündigt rechtliche Schritte an. Kurz darauf meldet der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag Insolvenz an.
6. August
Das Insolvenzverfahren wird als letzter Akt des Dramas offiziell eröffnet. Damit behält die Geschäftsleitung die volle Kontrolle, ein so genannter Sachwalter übernimt eine Aufsichtsfunktion- bestellt wird er vom Unternehmer. Suhrkamp plant nun, seine Rechtsform in eine Aktiengesellschaft zu ändern.
Und noch eine Wende im Streit um den Suhrkamp Verlag: Die Familienstiftung von Verlagschefin Unseld-Berkéwicz darf vorerst nicht auf ihrer Gewinnforderung bestehen. Erst muss ein Berliner Gericht über das Insolvenz-Schutzschirmverfahren entscheiden.