
Autor von "Tschick" - Wolfgang Herrndorf ist tot
Nach jahrelangem Kampf gegen einen bösartigen Hirntumor ist der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf in der Nacht zum Dienstag in Berlin gestorben. Bekannt war er vor allem durch seinen Bestseller "Tschick", einen Roman über zwei jugendliche Ausreißer.
Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf ist tot. Der Autor des Bestsellers "Tschick" starb in der Nacht zum Dienstag nach langer Krankheit mit 48 Jahren in Berlin, wie der Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg mitteilte. Bei Herrndorf war vor mehr als drei Jahren ein unheilbarer Hirntumor festgestellt worden.
Gestorben ist er aber möglicherweise nicht an der Krebserkrankung, sondern durch eigene Hand. Das schreibt zumindest die Schriftstellerin Kathrin Passig, eine Kollegin und Weggefährtin Herrndorfs, auf Twitter: "Wolfgang Herrndorf starb nicht am Krebs. Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen." Am Abend stand eine entsprechende Meldung auch auf Herrndorfs Homepage. Diese war allerdings nur zeitweise aufrufbar.
Die Polizei wollte Passigs Darstellung nicht bestätigen. Eine Sprecherin des Rowohlt Verlags sagte, man wisse nichts über die Todesumstände.
"Keiner konnte, was Herrndorf konnte"
Der gebürtige Hamburger (Jahrgang 1965) stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Er studierte zunächst Malerei in Nürnberg. Anschließend zog er nach Berlin um und arbeitete als Autor und auch Illustrator - unter anderem für "Titanic". Die Satirezeitschrift würdigte ihn als "höchst genialen Zeichner und Illustrator". "Keiner konnte, was Herrndorf konnte. Wir trauern."
Herrndorf war ein später literarischer Debütant. Erst mit 37 Jahren veröffentlichte er 2002 seinen ersten Roman "In Plüschgewittern". 2004 gewann er für seinen Text "Jenseits des Van-Allen-Gürtels" den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Unter demselben Titel veröffentlichte er drei Jahre später eine Sammlung von Kurzgeschichten. Doch auch mit diesem Buch blieb er ein Insider-Tipp. In einer Mischung aus Resignation und Humor hat Herrndorf einmal erzählt, dass er seine Bücher in Buchhandlungen eigenhändig auf den Stapel von Daniel Kehlmann lege, damit sie endlich einmal wahrgenommen würden.
Der große Erfolg kam unverhofft weitere drei Jahre später. 2010 landete er mit seiner anrührenden Ausreißer-Geschichte "Tschick" einen Überraschungserfolg. Zwei Jugendliche machen sich darin in einem alten Lada auf den Weg in die "Walachei". Inzwischen hat sich das Buch mehr als eine Million mal verkauft und wurde in 24 Sprachen übersetzt.
2012 erhielt Herrndorf für seinen Agentenroman "Sand" den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse. Schon damals konnte er die Auszeichnung nicht mehr persönlich entgegennehmen. Im Februar 2010, wenige Monate vor der Veröffentlichung von "Tschick", war bei ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert worden. Mehrfach musste er sich operieren lassen. Über seinen Kampf gegen den Tumor, über Begegnungen mit Ärzten und seinen Umgang mit den Diagnosen, über Ausfallerscheinungen und Sprachverlust und Sterbehilfe, schrieb er eindrücklich in dem Internetblog "Arbeit und Struktur" Auskunft.
Aber nicht nur um seine Krankheit ging es darin, sondern auch um seine Arbeit an "Tschick" und an seinem "Wüstenroman", der später als "Sand" erscheinen sollte, um die Freuden des Fußballspielens, des Schwimmens im Plötzensee und um den Segen der Freundschaft in schweren Zeiten.
In den letzten Einträgen berichtete der Autor, wie seine Kräfte immer mehr schwinden. "Beim Aufstehen am Morgen drei oder vier Meter rückwärts durchs Zimmer getaumelt und mit Kopf und Nacken gegen die Tischkante geknallt", schrieb er am 15. Juli. "Befund schlecht wie erwartet. Avastin ohne Wirkung, Glioblastom (bösartiger Hirntumor) beiderseits progressiv. Ende der Chemo. OP sinnlos. Ich weiß, was das bedeutet." Am 11. August notierte er: "August, September, Oktober, November, Dezember, Schnee. Jeder Morgen, jeder Abend. Ich bin sehr zu viel."
Beitrag mit Informationen von Steffen Brück




