Die Schriftstellerin Taiye Selasi (Quelle: imago)

Taiye Selasis Auftakt beim Literaturfestival - "Afrikanische Literatur gibt es nicht"

Beim Literaturfestival in Berlin sind 160 Autoren aus 50 Ländern zu Gast, der Eröffnungsvortrag kommt vom Shooting Star der internationalen Literaturszene, Taiye Selasi. Eine echte "Afropolitan" mit einem Metronom im Kopf.

Taiye Selasi ist jung, schön und sehr gut ausgebildet. In den großen Städten der westlichen Welt bewegt sich die 33-Jährige mit Leichtigkeit. Das Lebensgefühl der in London geborenen und in den USA aufgewachsenen Tochter eines ghanaisch-nigerianischen Arztehepaares hat viel mit Hipness und Coolness zu tun. Doch sie gehört wie viele ihrer Generation auch zu den "verlorenen Kindern", die nirgendwo wirklich zuhause sind, schon gar nicht im Afrika ihrer Vorväter.

Vor sieben Jahren prägte die an den Eliteuniversitäten Oxford und Harvard ausgebildete Autorin für sich und ihresgleichen den Begriff "Afropolitan". Dieser Begriff umfasst für sie den "unverbrüchlichen" Bezug zu Afrika gemischt mit dem globalen Verständnis und hybrider Selbstwahrnehmung. "Da stehst Du vor vier verschiedenen Türen: Eine führt nach Ghana, eine nach Nigeria, eine andere in die Staaten, die nächste nach England. Jeder, der entweder in Afrika geboren wurde und den Kontinent dann verlassen hat, oder als Kind afrikanischer Eltern woanders geboren wurde oder sogar in Afrika geblieben ist, aber im Widerspruch zu den dortigen Traditionen lebt, hat eine ähnliche Erfahrung gemacht."

Ein sanftes Metronom im Kopf

Wie intensiv ihre Verbindung zum afrikanischen Kontinent ist, hat Taiye Selasi in ihrem eigenwilligen Romandebüt "Diese Dinge geschehen nicht einfach so" deutlich gemacht. Darin findet eine in Boston, London und Ghana verstreut lebende Familie nach dem Tod des Vaters in Afrika wieder zusammen. Das auf Deutsch im Fischer Verlag erschienene Buch wurde als "literarische Sensation" und völlig neuer Blick auf Familienstrukturen gepriesen. Tatsächlich entwickelt Selasi darin einen ganz eigenen Slang. Beim Schreiben hat sie die sanften Schläge eines Metronoms im Kopf, trainiert durch Cello- und Klavierstunden. Aber auch die sprechenden Trommeln der Yoruba spielen eine Rolle bei ihrem Schreiben. "Genauso wie die Jahre, in denen ich Latein gelernt oder Gedichte übersetzt habe. Und ich höre imnmer wieder Tschaikowsky, Chopin und Rachmaninoff und ich höre etwas ganz eigenes und das ist die Melange aus allem."

Taiye Selasi, die selbst in kein Raster passt, eröffnet das Literaturfestival mit einem Vortrag mit dem provonkaten Titel "Afrikanische Literatur gibt es nicht!". Sie will die Schriftsteller des Kontinents nicht über einen Kamm scheren. Viele seien nicht in Afrika aufgewachsen, sondern Kinder von Afrikanern in Europa oder Amerika. "Sie bedienen ganz unterschiedliche Genre. Aber es gibt auch keine europäische, südamerikanische, nordamerikanische oder asiatische Literatur. Schreiben ist eines, wenn nicht das kreativste menschliche Unterfangen, das man nicht auf Grundlage von Nationalität oder kontinentaler Identität verstehen kann," sagt Selasi.

Beitrag von Ute Büsing, Inforadio