Zwei Mädchen lesen auf einer Wiese in der Nähe des Berliner Teufelsbergs, im Hintergrund das Stadtpanorama. (Quelle: dpa)

Internationales Literaturfestival in Berlin - Viele Wege zur Freiheit

Die Lust am Lesen - aber auch die Botschaft von Büchern und Autoren, darum geht es  zwölf Tage lang im Haus der Berliner Festspiele. 160 Autoren aus 50 Ländern kommen nach zum Internationalen Literaturfestival in die Hauptstadt. Darunter sind große Namen, aber auch unbekanntere Schriftsteller. Von Maria Ossowski

Schier überwältigend ist das Angebot für Literaturfans in den  zwölf Tagen des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Bekannte Namen wie Salman Rushdie, J.M. Coetzee oder Ruth Klüger sind dabei und Newcomer wie der Literatur-Shooting-Star Taiye Selasi, die das Festival am Mittwoch eröffnete. Aber auch viele Namen, die wir noch nie gehört haben, finden sich unter den Gästen.

Programmleiter Thomas Böhm sagt, der Festivalleitung sei es wichtig, auch eher unbekannte Autorinnen und Autoren einzuladen. Manche hätten bereits mehrere Bücher geschrieben, und es ließe sich absehen, dass sie wichtige Stimmen der Gegenwartsliteratur seien: "Und dieses Zusammenspiel von großen Namen: Salman Rushdie und so weiter und unbekannten Namen ist für uns wichtig. Denn auch Salman Rushdie war mal ein unbekannter Name.“

J. M. Coetzee (Copyright: ilb2013)
Auch Literaturnobelpreisträger J-M. Coetzee kommt zum Festival nach Berlin

Literaturnobelpreisträger liest aus Briefen

J.M. Coetzee liest aus seinem Briefwechsel mit Paul Auster (10.09.). Drei Jahre haben die beiden einander geschrieben, seit 2008, über Familien, Leben, Sport, Filmfestivals, Philosophie, Weltwirtschaftskrise, Kunst und Liebe. Die Korrespondenz der beiden zeichnet ein intimes, witziges Portrait zweier herausragender Intellektueller. Wobei der südafrikanische Nobelpreisträger Coetzee zunächst ziemlich zurückhaltend war, was eine Teilnahme am internationalen Literaturfest Berlin anging, wie Festivalchef Ulrich Schreiber erzählt: "Unser erster E-Mail-Wechsel vor sieben, acht Jahren endete so: 'Dear Mr. Schreiber, I think, your festival is too ambitious for me.' Und dann hab ich mir gedacht: OK, dann ist es das eben. Dann wurde ich nach Perth eingeladen nach Australien zu einem Literaturfestival und flog danach nach Adelaide zu einem weiteren Literaturfestival, traf ihn dort mehrmals. Er hat mir dann zum Abschluss gesagt: Ich schau mal. Naja, und dann hat es nochmal drei Jahre gedauert, und jetzt hat er zugesagt."

Politische Einschätzungen zum Fundamentalismus

MIt Ahmed Rashid ist einer der profundesten Kenner Pakistans und Afghanistans beim Literaturfestival zu Gast (07.09). Der politische Journalist aus Pakistan hat schon Ende der 90er Jahre vor dem Fundamentalismus der Taliban und vor der Radikalisierung in Koranschulen gewarnt. Er brachte bereits vor dem 11. September 2001 das Standardwerk über die Taliban heraus, berät Regierungen und die United Nations.

Die Bilder vom Alter in der Literatur

Ein Schwerpunkt des Festivals sind die Kulturen des Alterns. Wie müssten unser Bilder vom Altern aussehen? Wie müssten wir sie ändern, um dem demografischen Wandel gerecht zu werden? Wo finden wir in den weltweiten Kulturen andere Ideen, das Alter zu gestalten? Die wichtigsten, prägendsten Bilder über alte Menschen hätten wir aus der Literatur, sagt Programmleiter Thomas Böhm:  "Der Nestor, der große alte Mann, der alles weiß, und die anderen Menschen berät, ist eine Figur in der Ilias. Methusalem, unsere Vorstellung vom besonders alt werdenden Menschen ist eine Figur aus der Bibel. Und alle anderen Formen, selbst die innige Verbundenheit von Großeltern mit ihren Enkelkindern, das sind alles Phänomene, Konstellationen, Bilder, die in der Literatur ausgeschmückt worden sind."

Festival für Kinder und Jugendliche

Auch 20.000 Kinder und Jugendliche nehmen dieses Jahr am Literaturfestival teil. Möglich wird das durch eine enge Kooperation zwischen Festival und Schulen der Stadt.

Die Allegro-Grundschule in Berlin-Tiergarten nimmt den Auftrag, Literatur zu leben, sehr ernst, und stoppt für eine Woche den Unterricht.  Christoph Peter, der Leiter "Internationale Kinder- und Jugendliteratur", findet das gut: "Die beschäftigen sich dann fünf volle Tage lang mit dem Buch, bauen verschiedene Sachen, die etwas mit dem Buch zu tun haben, stellen verschiedene Theaterstücke und Präsentationen auf die Beine, und am Ende der Festivalwoche kommt dann die Autorin. Die bekommt dann immer schon fast einen kleinen Herzinfarkt, weil von acht bis 14 Uhr wirklich Programm ist in dieser Schule, und zu ihrem Buch verschiedene Präsentationen stattfinden."

Das sei die bestmögliche Literaturvermittlung, die so ein Festival leisten könne, sagt Peter. In diesem Jahr ist die niederländische Autorin Joke van Leeuwen zu Gast auf dem Festival. Sie wurde gerade mit dem ersten internationalen James-Krüss-Preis für Kinder und Jugendliteratur ausgezeichnet und ist auch  für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Geworben wird für das Literaturfestival mit einer Metapher für die ewige Lust an der Literatur: Eine jüngere Dame, die älter wirkt, oder eine ältere Dame, die jünger wirkt, sitzt im Schattenriss auf einem Hocker und liest. Sie hängt plakatiert überall in der Stadt.

Programmleiter Thomas Böhm hat dieses starke Bild mit ausgesucht – für ihn strahlt es viel aus: "Die Körperhaltung beim Lesen, das Buch auf dem Schoß zu haben und da runter zu schauen, das hat alles seine eigene Poesie. Wer immer einem Menschen beim Lesen zuschaut, der wird das bestätigen: Lesende Menschen sind schön."

Beitrag von Maria Ossowski