Marcel Reich-Ranicki während der SWR-Sendung Literatur im Foyer (Quelle: imago)
Video: Arndt Breitfeld und Ulli Zelle, Abendschau | 18.09.2013

Im Alter von 93 Jahren verstorben - Trauer um Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki

Sein Tod bewegt ganz Deutschland: Weggefährten und Politiker haben mit großer Anteilnahme auf den Tod von Marcel Reich-Ranicki reagiert. Der berühmte Kritiker und Intellektuelle, der über Jahrzehnte hinweg die literarischen Debatten der Nachkriegszeit prägte, starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. Seine Jugend vor dem Zweiten Weltkrieg verbrachte Reich-Ranicki in Berlin.

"Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Tod Marcel Reich-Ranickis. "Ich werde diesen leidenschaftlichen und brillanten Mann vermissen." Nicht einmal der mörderische Hass der Nazis habe ihm seine Liebe zu den deutschen Dichtern austreiben können.

"Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barberei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen", würdige Bundespräsident Joachim Gauck den Verstorbenen.

"Deutschland verliert mit Marcel Reich-Ranicki eine Stimme, die weit über das literarische Leben hinaus von Gewicht war", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

Marcel Reich-Ranicki spricht am 27. 1. 2012 vor dem Deutschen Bundestag (Foto: dpa)
Reich-Ranicki spricht anlässlich des Jahrestags der Auschwitz-Befreiung im Deutschen Bundestag.

Tod nach längerer Krankheit

Der Literaturkritiker und Publizist Marcel Reich-Ranicki war am Mittwoch im Alter von 93 Jahren nach längerer Krankheit in Frankfurt (Main) verstorben.

Der aus einer deutsch-polnischen Familie stammende Reich-Ranicki leitete viele Jahre lang die ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" und wurde mit seinen Buchkritiken in der FAZ einem großen Publikum bekannt. In Erinnerung bleiben auch seine öffentlichen Auseinandersetzungen mit den beiden Schriftstellern Martin Walser und Günter Grass, die er aus verschiedenen Gründen zum Teil scharf kritisierte.

In den Medien wurde der am 2. Juni 1920 geborene Journalist gerne als "Literaturpapst" tituliert. Seine Autobiografie "Mein Leben" über seine Jugend im Warschauer Ghetto und seinen Werdegang in Deutschland wurde von der ARD verfilmt. Zu seinem reichhaltigen Lebenswerk zählen auch die vielbändige "Frankfurter Anthologie", die größte Lyriksammlung der Welt, und die fünfteilige Ausgabe "Der Kanon. Die deutsche Literatur". Anfang 2013 hatte Reich-Ranicki mitgeteilt, dass er an Krebs erkrankt sei.

Kindheit in Berlin

Reich-Ranicki wurde 1920 im polnischen Włocławek (Leslau) als Kind jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war der polnische Fabrikant David Reich; seine Mutter Helene stammte aus Deutschland und wollte schon früh nach Berlin zurückkehren.

Nach der Insolvenz der väterlichen Firma im Jahr 1928 schickten Reich-Ranickis Eltern ihren Sohn zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin. Seit 1929 lebte Reich-Ranicki zunächst in Berlin-Charlottenburg, dann im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg. Dort besuchte er das Werner-Siemens-Realgymnasium, nach dessen Auflösung 1935 das Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf.

Deportation nach Polen

Aufgrund seiner jüdischen Herkunft geriet Reich-Ranicki während der 30er-Jahre in Berlin immer mehr unter Druck. Zwar konnte er noch sein Abitur machen, seine Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde im April 1938 aber abgelehnt. Wenig später wurde er nach kurzer Haft mit rund 17.000 anderen aus Polen stammenden Juden nach Polen abgeschoben.

1940 wurde Reich-Ranicki zur Übersiedlung ins Warschauer Ghetto gezwungen, wo er unter dramatischen Umständen seine Frau Teofila kennenlernte, mit der er bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 verheiratet war. Den Holcaust überlebte das Ehepaar in mehreren Verstecken.

Das Literarische Quartett: Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek, Ulrich Greiner und Marcel Reich-Ranicki (von links nach rechts)
Das Literarische Quartett: Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek, Ulrich Greiner und Marcel Reich-Ranicki (von links nach rechts)

Rückkehr nach Deutschland

Seit 1958 lebte die Familie wieder in Deutschland. Von 1960 bis 1973 war Reich-Ranicki zunächst Literaturkritiker bei der "Zeit" in Hamburg und schließlich bis 1988 Literaturchef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im Jahr 1999 legte er unter dem Titel "Mein Leben" seine vielbeachteten Memoiren vor.

Am 25. März 1988 wurde im ZDF "Das Literarische Quartett" mit Reich-Ranicki an der Spitze aus der Taufe gehoben: Neben Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler, auf die später Iris Radisch folgte, nahm jeweils ein weiterer prominenter Literaturkritiker teil. Nach 13 Jahren, 77 Sendungen und etwa 400 Buchbesprechungen war am 14. Dezember 2001 "der Vorhang (endgültig) zu, und alle Fragen offen".

Reich-Ranicki, der unter den Nazis nicht studieren durfte, erhielt für seine Arbeit zahlreiche Ehrungen und neun Ehrendoktorwürden - zuletzt von der Humboldt-Universität Berlin und Universität Tel Aviv.

"Immer ehrlich und authentisch"

Marcel Reich-Ranicki sei gefürchtet und geliebt worden, sagte die Literaturjournalistin Iris Radisch - von 2000 bis 2001 Kritikerin beim "Literarischen Quartett" - dem rbb. Er habe nie ein Blatt vor den Mund genommen und sei immer authentisch gewesen. "Es gab nicht zwei Reich-Ranickis", erinnert sie sich. "Das hat mich immer besonders für ihn eingenommen. Er drehte nicht auf, wenn die Kamera anging, und fiel in sich zusammen, wenn sie ausging. Er war ein Mensch, der aus seiner Eigentlichkeit, seiner Authentizität heraus lebte. Und das ist es, was alle Menschen an ihm geliebt haben: Dass er so echt war."

Mehr dazu im rbb

Iris Radisch, Literaturkritikerin der «Zeit», diskutiert während der live - Sendung "Das Literarische Quartett" am Freitag abend (18.08.2000) im Salzburger ORF-Studio, Foto: dpa
18.09.2013 | Inforadio

Im Gespräch

Die Literaturkritikerin Iris Radisch über MRR: "Es gab keine zwei Reich-Ranickis. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit: Er lebte immer aus seiner Authentizität heraus."