
Pascale Hugues erzählt Geschichten aus der Nachbarschaft - "Eine ruhige Straße in guter Wohnlage"
Eine typische Berliner Wohnstraße mit geflickten Fassaden und viel Alltag- und mit immer demselben Namen seit ihrer Entstehung. Im Bayerischen Viertel in Schöneberg hat die Wahlberlinerin Pascale Hugues bei ihren Nachbarn eine Schablone für Schicksale gefunden. Von Vanessa Loewel
Auch nach zwanzig Jahren kann sich die französische Journalistin Pascale Hugues noch wundern über ihre Wahlheimat und das ist ein Glück für uns Berliner Leser. Mit französischem Charme beschreibt sie unseren Alltag und das nicht nur in ihren Zeitungskolumnen, sondern auch in ihren Büchern.
Über die Friedrichstraße hätte sie doch schreiben können, über den Kurfürstendamm oder die Karl-Marx-Allee. Aber die französische Journalistin hat sich ausgerechnet die Straße ausgesucht, in der sie wohnt - eine kleine, unbedeutende Sackgasse im Bayerischen Viertel. Hier wurden keine Revolutionen angezettelt, keine Republik ausgerufen, keine Stars flanierten hier.
"Sie ist mehr oder weniger austauschbar. Sie trägt übrigens seit ihrer Entstehung ganz zu Beginn des letzten Jahrhunderts denselben Namen. Nicht einmal 1945 war es nötig, sie umzubenennen. Meine Straße trägt einen so nichtssagenden Namen, dass er kaum der Erwähnung wert ist. Ihr Schicksal ist eine Schablone, die man auf viele andere aufdrücken könnte."

Was ist in der Nachbarschaft geschehen?
Eine typische Berliner Wohnstraße eben, mit einer geflickten Fassade, wo sich die stuckverzierten Gründerzeithäuser mit den schmucklosen Nachkriegsbauten abwechseln. Der Berliner Alltag ist hier zuhause und genau dem ist Pascale Hugues auf der Spur, vom Entstehen der Straße 1905 bis heute.
So beginnt sie eine aufwendige Recherche: Sie durchforstet Akten, sucht weltweit ehemalige Bewohner per Zeitungsannonce. Sie fragt ihre Nachbarn, hört zu und bleibt stehen. Welche Schicksale verbergen sich hinter den Namen, die in die Stolpersteine eingraviert sind? 106 Juden wurden aus ihrer Straße deportiert. Was ist mit ihnen geschehen?
Lilli Ernsthaft war eine von ihnen. Ihr Mann Heinrich, ein ehemaliger Operettensänger und erfolgreicher Brauereibesitzer, war der erste Mieter dieser Straße. 1942 wurde das Ehepaar aus seiner Wohnung vertrieben und ins Jüdische Krankenhaus gebracht, das während des Nationalsozialismus in ein Ghetto umgewandelt wurde. Beide überleben - und sind zurückgekehrt in ihre alte Wohnung . 79 Jahre hat Lilli Ernsthaft hier gelebt. Fast 100 Jahre ist sie alt, als Pascale Hugues sie kurz vor ihrem Tod besucht.
Ein ganzes Jahrhundert im Viertel
In der Wohnung der Lilli Ernsthaft schien seit den Zwanziger Jahren die Zeit stehen geblieben zu sein, erzählt Hugues. Die Jugendstilscheiben der Loggia, die eingebauten Wandschränke mit Perlenleiste im Herrenzimmer, die Chippendale-Stühle und der kleine wacklige Rauchtisch. "Selbst der Geruch war antiquiert. In den Schränken überdauerte die Garderobe eines früheren Lebens: Cocktailkleider, Sommerkleider, Zwischensaisonkleider."
Es sind berührende und faszinierende Schicksale Lebensgeschichten, die Pascale Hugues wie eine Goldgräberin aus dem Berliner Alltag schürft. Dabei erzählt sie ein ganzes Jahrhundert - und das so anschaulich, das man das Gefühl hat, eine Zeitlang hier gewohnt zu haben, in dieser "ruhigen Straße in guter Wohnlage."




