Der Schauspieler Otto Sander 2012 in Schwerin als Gast bei einer Pressekonferenz des Filmkunstfestes (Quelle: dpa)

Nachruf auf Otto Sander - "Er wird überall schreckliche Lücken hinterlassen"

Abschied von einem großen Charakterdarsteller: Der Schauspieler Otto Sander ist tot. Der 1941 in Hannover geborene Sander galt als einer der großen Darsteller des deutschsprachigen Theaters. Unverwechselbar war seine sonore, raue Stimme. Von Inge Bongers

Es wäre ungerecht, ihn auf seine Stimme zu reduzieren, aber das markanteste an dem schmalen, leicht spitznasigen Mann mit dem Schnauzbart, den roten Haaren und dem strahlendblauen Blick war sicher die raue, unverwechselbare Stimme.  Es soll Frauen gegeben haben, die schon beseelt lächelten, wenn Otto Sander sich nur hinter der Bühne räusperte.

Er war eine Berliner Institution und wie so viele Berliner Originale ein Zuggereister: 1941 in Hannover geboren, in Kassel Abitur gemacht, in München zur Schauspielschule gegangen, kam Otto Sander 1968 an die Freie Volksbühne und gehörte dann zu Peter Steins neugegründeten, bald legendären Ensemble der Schaubühne. Dank des Fernsehens und der Aufzeichnungen fürs Kino kennt man seine schönsten Theaterrollen auch bundesweit. Er spielte in Ibsens Per Gynt, in Handkes Ritt über den Bodensee und in Labischs Sparschwein. Im Prinzen von Homburg, in den Sommergästen und den drei Schwestern. Und er war Schauspieler des Jahres in Robert Wilsons erster Theaterinszenierung in Deutschland: "Death, Destruction & Detroit II".

Aber von Anfang an nutzte Otto Sander auch die Möglichkeiten und die Popularitätschancen bei Film und Fernsehen. Ganz gegen die Gepflogenheiten des Schaubühnenkollektivs nahm er früh Angebote für Krimis und harmlose Unterhaltung an, ging später sogar auf das Traumschiff, wo man sich den Freund und Kollegen Bruno Ganz nie hätte vorstellen können.

Aber er spielte auch bei Erik Romer die Marquise von O., in Schlöndorffs oscar-gekrönter Blechtrommel und in Wolfgang Petersens "Das Boot". Wim Wenders Kultfilm "Der Himmel über Berlin" mit Bruno Ganz und Otto Sander als sehr irdischen Engeln Daniel und Cassiel erlebte nicht nur eine Fortsetzung im mauerlosen Berlin, sondern eine vielbeachtete Wiederaufführung nach 20 Jahren.

Seine Wandlungsfähigkeit war bestechend

Die Liste von Otto Sanders Theater, Film- und Fernseharbeiten ist endlos lang. Dabei hat er noch Hörspiele und Lesungen gemacht, Hörbücher gesprochen, Dokumentarfilme aus dem Off begleitet. Seine Triebfeder war seine ungebrochene Neugier. Und er wollte immer allen gefallen, ein Überbleibsel aus der Zeit, in der man den rothaarigen Knaben gehänselt hat.

Seine Wandlungsfähigkeit war bestechend. Er konnte sanft sein und komisch, geheimnisvoll und abgründig, mal eiskalter Machtmensch, mal armer Tropf, herzerfrischend rabaukig und unheimlich anrührend. Er wird überall schreckliche Lücken hinterlassen. Auf den Bühnen, im Kino, am Bildschirm- und nicht zuletzt an seinen Berliner Stammtischen in der Paris Bar und am Tresen der Bar jeder Vernunft.

Beitrag von Inge Bongers