
Rasend und revolutionär - Sir Simon Rattle dirigiert den "Ring" an der Deutschen Oper
Erstmals steht der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker am Pult der Deutschen Oper und beschert den Wagnerianern, die aus aller Welt zum Berliner Ringzyklus angereist sind, ein einzigartiges Erlebnis. Am Ende von "Rheingold" und "Walküre" gab es eine halbe Stunde Standing Ovations für Sir Simon Rattle, die Musiker, die Sänger - und eine knapp 30 Jahre alte Inszenierung von Götz Friedrich. Von Maria Ossowski
Es glitzert, es strahlt, es rast, es tobt, es säuselt und es glänzt aus dem Orchestergraben der Deutschen Oper, dass es eine wahre Freude ist. Die Walküren in schwarzen Lederklamotten räkeln sich an Stangen auf der Bühne. Kein Huster, kein Laut ist im Publikum zu hören. Welch ein Unterschied zur Premiere vor 29 Jahren, als Dirigent Lopes Cobos abbrechen musste, weil sich die Wagnerianer im Publikum mit Buhs die Kehle heiser geschrien haben. Kollossale Katastrophe für die konservative Clique: Walküren in Sadomasoklamotten? Damals war das eine Provokation, heute ist es nur noch eine Sensation, und zwar musikalisch.

Sir Simon Rattle, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, dirigiert zum ersten Mal das Orchester der Deutschen Oper. "Eigentlich", sagte er kürzlich, "habe ich immer weniger Lust, Wagner zu dirigieren, je mehr ich über ihn lese". Mit "Rheingold" und "Walküre" hat er das Gegenteil bewiesen, schiere Lust leuchtet aus dem Orchestergraben und - nicht zu vergessen - es gab auch ein Versprechen. "Wir schreiben das Jahr 2007. Zwei britische Dirigenten sitzen im Park in London", erzählt Dietmar Schwarz, der Intendant der Deutschen Oper. "Der eine, Donald Runnicles, fragt, ob er an die Deutsche Oper als Chefdirigent gehen soll. Der andere, Simon Rattle, rät ihm zu. Und Runnicles sagt: 'Ok, ich mach das, aber nur, wenn du bei mir den Ring dirigierst.'"
Rattle ist also ein Gastgeschenk des Generalmusikdirektors Runnicles. Eines, dass das Publikum aus aller Welt begeistert. Wagnerianer aus Australien, aus den USA, aus Japan und Korea sind extra für diesen hoffnungslos ausverkauften Ringzyklus nach Berlin gereist. Unter ihnen: die Witwe des Regisseurs, Karan Armstrong. Götz Friedrich hat Wagners Tetralogie vor knapp 30 Jahren in einen riesigen, nach hinten gekippten Tunnel transportiert. Kammersängerin Armstrong, einst selbst weltweit als Strauss und Wagnersängerin gefeiert, ist wie alle entzückt und gerührt: "Ich bin total überrascht und sehr, sehr glücklich, das hier mit Sir Simon Rattle zu hören - diese wunderschönen schnellen Tempi und diesen wunderschönen jungen Leute, die hier singen. Ich denke, Götzchen lächelt von oben auf uns herab und freut sich, dass wir das hier genießen dürfen."
Auch wenn beim Rheingold der Wasserwellenplastikvorhang nicht mehr so ganz frisch hin und her wogt: Was an dieser hanebüchnen Mord und Totschlags-, Liebes und Entsagungs-Heldenstory noch immer zieht, das ist die Idee. Ein überdimensionierter Tunnelschacht und der Washingtoner U-Bahn nachempfunden, lässt Raum und Zeit verschwinden. Das Publikum liebt diese sehr aufwändige, der Bühnentechnik alles abfordernde Inszenierung. "Es ist gerade die Zeitlosigkeit mit dem Mythos umzugehen, die der Tunnel symbolisiert. Am Anfang ist schon das Ende und das Ende ist der Anfang", interpretiert Intendant Dietmar Schwarz das Bühnenbild. "Der Ring spielt nicht in irgendwelchen nordischen Zeiten, nicht in der futuristischen Zeit, sondern er spielt auf dem Theater, auf dem Musiktheater, und das finde ich eine Interpretation des Rings, die es sonst nirgends gibt."

Wenn Spitzensänger in Berlin antreten, wie bei diesem Zyklus mit Eva-Maria Westbroek, Simon O'Neill und Evelyn Herlitzius sozusagen die Wagnerweltelite, dann funktioniert diese Inszenierung noch immer in ihrer zeitlosen Schönheit. 30 Jahre Erfolg mit einem Bühnenbild, das ist noch möglich - aber nicht mehr lange. "Es steht technisch wortwörtlich auf der Kippe. Diese berühmte Kippe, die auch Menschen fassen muss, müsste für viel Geld überarbeitet werden", erklärt Schwarz. "Und wir sind nicht dafür da, dass wir Dinge rekonstruieren, sondern Neues anbieten. Dafür werden wir subventioniert."
Der Berliner Ring wird im Januar und in der nächsten Spielzeit noch einmal die Wagnerwelt beglücken, danach ist Schluss. Der Rattle-Zyklus in diesem Herbst wird allerdings in die Annalen der Operngeschichte eingehen.
