
Neue Folgen von "Weissensee" - Diese Serie bringt Betonköpfe zum Nachdenken
Große Gefühle, große Geschichte: Die ersten Folgen der preisgekrönten ARD-Serie "Weissensee" um die Familien Kupfer und Hausmann in der DDR der 80er Jahre hatten 2010 das Zeug zum Straßenfeger. Am Dienstagabend startete im Ersten nun die zweite Staffel. Und das Einschalten lohnt sich auch diesmal wieder, findet Ulf Drechsel.
Fernsehserien haben für die Zuschauer sehr viel Quälendes. Über einen Zeitraum von meist mehreren Wochen soll man immer zur selben Zeit vor dem Bildschirm sitzen, um den Fortgang einer Geschichte lückenlos zu verfolgen. Diverse Online-Portale bieten dem unbekannten Wesen, genannt Zuschauer, zwar die Chance, seinen TV-Zeitplan individuell zu gestalten, aber am Kantinentisch möchte man am nächsten Tag ja mitreden können und sich dort vor allem nicht schon anhören müssen, welche mehr oder weniger logische Wendung das Drehbuch bereitgehalten hat. Im Zweifelsfall unterdrückt man den Einschaltimpuls lieber ganz und lässt die Serie Serie sein.

Im Falle der in der ARD ausgestrahlten Serie "Weissensee" war das etwas anders. Kaum jemand, der von Anfang an dabei war, wollte nicht so schnell wie möglich wissen, welchen Lauf die Geschichte um die Familien Kupfer und Hausmann nimmt. Den Begriff des "Straßenfegers" nutzt man im Zusammenhang mit Fernsehsendungen aus guten Gründen kaum noch, aber die ersten sechs Folgen hatten das Zeug dazu.
Charaktere mit Zwischentönen
DDR und die Staatssicherheit. Ausgelatschte Themen. Alles gesagt, alles gezeigt, alles schon gesehen. Aber noch nie so wie in "Weissensee". Hier bekommt das politische und ideologische System der DDR Gesichter. Hier stehen hinter zutiefst zu verachtenden Verhaltenweisen differenzierte Charaktere der handelnden Personen. Zynisches, Menschenverachtendes wird nie beschönigt, nie auch nur in die Nähe einer Komödie gerückt, aber es wird in seinem Ursprung plausibel gemacht. Niemand ist nur gut, niemand nur böse. Jeder menschliche Charakter hat Zwischentöne. Dass denen in "Weissensee" Raum gegeben wird, ist einer der großen Vorzüge der Serie, die auf einer Idee und dem Drehbuch von Annette Hess basiert.
Hess ist eine großartige Beobachterin, sie ist - aufgewachsen in Hannover - tief eingestiegen in die Psyche der Menschen jenes deutschen Staates, den es nicht mehr gibt. Wir sehen einen historischen Stoff, dessen filmische Aufarbeitung jeden in schwarz-weiß denkenden Betonkopf nachdenklich machen muss und auch jenen, die die DDR hautnah erlebten und ihr Urteil über sie längst gefällt haben, neue Denkanstöße gibt. Mehr kann ein Fernsehfilm, eine Serie nicht leisten. Der enorme Zuspruch, den die erste Staffel vor etwa anderthalb Jahren bekam, ist nicht falsch zu interpretieren.
Erfolg ist freilich verführerisch. Schnell noch etwas nachgeschoben - eine Fortsetzung, einen zweiten Teil, eine zweite Staffel - solange die Lunte des Interesses noch glimmt. Das ist gefährlich. Die meisten Fortsetzungen sind schwächer, langweiliger, weniger originell als der Anfang. Das ist in Hollywood nicht anders als in München, Potsdam oder Berlin.

Warum werden Menschen zu dem, was sie sind?
Nun also die zweite Staffel "Weissensee", sechs weitere Folgen, die sich um die Stasi-Familie Kupfer ranken und um die durch Auftrittsverbot stumm geschaltete Sängerin Dunja Hausmann und ihre Tochter Julia. Auch diese sechs Folgen sind ein Glücksfall für das öffentlich-rechtliche Fernsehen, denn der hohe Anspruch an die Erzählstränge wird gehalten. Die handelnden Figuren bekommen neue Facetten, ihr Denken und Handeln ändert sich, so wie sich die politische Situation in der DDR in den letzten zwei, drei Jahren ihrer Existenz geändert hat. Die einen werden noch dogmatischer, die anderen suchen nach einer menschlichen Perspektive, weil sie immer mehr begreifen, dass sie nicht Subjekt sondern Objekt ideologischer Machtspiele sind. Warum werden Menschen zu dem, was sie sind? "Weissensee" gibt keine endgültige Antwort, entwirft aber auf spannende, sensible und emotionale Weise am Beispiel zweier – im Grunde – Familientragödien ein lebendiges Geschichtsbild.
