Sie sind das Kapital des Suhrkamp-Verlags und melden sich nun zu Wort: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren haben dem Miteigentümer Hans Barlach mit ihrem Ausstieg gedroht, sollte er weiterhin "maßgeblichen Einfluss" auf das Haus ausüben. Die Autorin Sybille Lewitscharoff wirft Barlach konkret mangelndes Interesse am Verlag vor und fürchtet um das Haus.
Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren haben dem Miteigentümer Hans Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag gedroht, sollte er weiter "maßgeblichen Einfluss" auf das Haus ausüben.
Zu den Unterzeichnern gehört die Autorin Sybille Lewitscharoff. Sie hält dem Suhrkamp-Miteigentümer Hans Barlach mangelndes Interesse am Verlag vor. Barlach wolle nur alte Bestände vermarkten, sagte sie am Freitag dem rbb: "Herr Barlach hat überhaupt kein Interesse, Bücher zu verlegen." Er interessiere sich nicht für lebende Autoren. "Das ist der Tod des besten Verlages, den Deutschland je hatte."
Lewitscharoff selbst hat kürzlich bei neuen Verträgen mit Suhrkamp darauf bestanden, eine Rücktrittsklausel zu bekommen, wenn sich an dem Verlagsbesitz etwas ändern sollte. Zu Barlach hat sie eine ganz konkrete Meinung: "Ich kenne keinen einzigen Suhrkamp-Autor, der sich den Barlach je gewünscht hätte. Da muss man als Autor schon sehr verrückt sein, um dieses Prozedere zu mögen."
Autoren hoffen auf Lösung durch Insolvenzplan
In ihrem Appell rufen die Schriftsteller die Suhrkamp-Gläubiger auf, den vorliegenden Insolvenzplan zu unterstützen. "Wie betrachten die Intention des nun vorliegenden Insolvenzplans als Chance für den Verlag, sich aus der Drangsal zu befreien und sich endlich wieder ganz der eigentlichen Arbeit zuzuwenden", heißt es in dem Autorenaufruf.
Seit Jahren bekämpfen sich im renommierten Suhrkamp-Verlag Minderheitsgesellschafter Hans Barlach und die Familienstiftung von Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz erbittert. Wegen Verletzung der Treuepflicht wollen sie sich vor Gericht gegenseitig als Gesellschafter ausschließen lassen.
Eine Entscheidung um den wechselseitig beantragten Ausschluss will das Landgericht Frankfurt (Main) am 13. November verkünden. "Das Ergebnis ist für mich völlig offen", sagte der Vorsitzende Richter der 3. Handelskammer, Norbert Höhne, am Mittwoch nach zweistündiger Verhandlung.
Die Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwitz (Quelle: dpa)
Keine Annährung in Sicht
Die Handelskammer hatte bei einem ersten Termin im Februar beiden Seiten Zeit gelassen, sich bis zum 25. September außergerichtlich zu einigen. "Es gibt keine Anzeichen, dass die Protagonisten anfangen, Geschmack aneinander zu finden", stellte Höhne am Mittwoch fest.
Die Familienstiftung hält 61 Prozent, Barlachs Medienholding 39 Prozent. Die Verlagschefin hat in Berlin unterdessen in Insolvenzverfahren in die Wege geleitet, um den Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln.
Chronologie: Der Kampf um den Suhrkamp-Verlag
Die Kontrahenten
Ulla Unseld-Berkéwicz
Geboren 1951 (nach anderen Angaben 1948) als Ursula Schmidt in Gießen (Hessen), macht dieTochter eines Arztes und einer Schauspielerinzunächst am Theater unter Regisseuren wie August Everding, Claus Peymann und Peter Zadek Karriere.
Später verlegt sie sich auf die Schriftstellerei. Ihr Erzähldebüt "Josef stirbt" (1982) wird viel gelobt. Als Suhrkamp-Autorin lernt sie nach einer ersten Ehe mit dem Regisseur Wilfried Minks den 25 Jahre älteren Verleger Siegfried Unseld kennen.
Dieser verlässt 1985 seine Frau Hilde und heiratet 1990 Berkéwicz. Nach Unselds Tod 2002 brechen im Verlag Machtkämpfe aus. 2003 übernimmt Berkéwicz die Geschäftsführung. 2010 setzt sie gegen viele Widerstände den Umzug des Verlags vom Traditionssitz Frankfurt am Main nach Berlin durch.
Hans Barlach
Barlach wird 1955 in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) als Enkel des Bildhauers Ernst Barlach geboren, bricht mit 17 die Schule ab und macht zunächst eine Lehre als chemotechnischer Assistent.
Mit der Gründung mehrerer Galerien betätigt er sich fast 20 Jahre lang im Kunsthandel, daneben auch in Immobilienprojekten.
Nach der gescheiterten Rettung der "Hamburger Rundschau" kauft er von 1999 an nach und nach die angeschlagene "Hamburger Morgenpost", die er zeitweise auch redaktionell leitet.
2004 übernimmt er als Eigentümer und Herausgeber zudem die Fernsehzeitschrift "TV Today". Beide Blätter verkauft er 2006 wieder. Im selben Jahr erwirbt er Anteile am Suhrkamp Verlag - gegen den erklärten Willen von Unseld-Berkéwicz.
Der Verlag
1933 - 1950
Auf Drängen von Schriftsteller Herman Hesse gründet Peter Suhrkamp einen Verlag und benannt ihn nach sich selbst - nicht zum ersten Mal.
Suhrkamp war 1933 in den S. Fischer Verlag nach Berlin gerufen worden, taufte ihn drei Jahre später in "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer" um. 1942 wird er von der Gestapo verhaftet, zum Tode verurteilt und in ein Konzentrationslager deportiert. Doch er überlebt.
Nach dem Krieg trennen sich die Verlage, ein Großteil der Autoren wechselt zu Suhrkamp.
1950
Suhrkamp beginnt von vorn mit Werken von Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, T.S. Eliot und Bernard Shaw. Und von Bertolt Brecht, der einst schrieb: "Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten."
Die 50er Jahre
Die Reihe "Bibliothek Suhrkamp" wird 1951 ins Leben gerufen, schon bald eine der wichtigsten Buchserien in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie enthält einen Großteil der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
1952 tritt Siegfried Unseld in den Verlag ein. 1957 wird er Gesellschafter und 1959, nach dem Tod Peter Suhrkamps, der alleinige Verleger.
Die 60er Jahre
1963 übernimmt Suhrkamp den Insel Verlag. Im selben Jahr wird die Reihe "edition suhrkamp" gegründet. Sie ist die Avantgarde des Suhrkamp-Programms: Literatur und Essays spiegeln die politische Situation in einer sich verändernden Welt.
"Bibliothek Suhrkamp und edition suhrkamp bilden zusammen die wichtigste deutsche Büchersammlung unserer Zeit", schrieb der Germanist Reinhold Grimm.
1969 zieht der Verlag in das Suhrkamp Haus in der Lindenstraße 29-35 in Frankfurt am Main.
Die 70er Jahre
1971 entsteht die Reihe "suhrkamp taschenbuch". Die erfolgreichsten Titel sind mit je über zwei Millionen verkauften Exemplaren Max Frischs "Homo Faber" und "Andorra" sowie Hermann Hesses "Der Steppenwolf" und "Siddhartha" mit je 1,5 Millionen verkauften Exemplaren.
Die Suhrkamp-Werke sind so präsent in den Bücherregalen der Deutschen, dass Kulturkritiker den Begriff "Suhrkamp-Kultur" prägen.
Die 90er Jahre
1990 übernimmt Suhrkamp den Jüdischen Verlag. Acht Jahre später wird die "Suhrkamp BasisBibliothek" ins Leben gerufen. Sie enthält edierte und kommentierte Hauptwerke aller Epochen und Gattungen. Dazu erscheint umfangreiches Material für den Schulunterricht.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung, geleitet von seiner Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart.
2003
Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den Anteil des Schweizer Investors gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding.
2010
Suhrkamp verlegt seinen Sitz von Frankfurt/Main nach Berlin.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter zu fragen.
2012
5. Dezember 2012
Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt/Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
10. Dezember
Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus soll sie Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.
17. Dezember
Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.
30. Dezember
Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.
2013
4. Januar 2013
Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
10. Januar
In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.
13. Februar
Das Landgericht Frankfurt/Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.
20. März
Das Landgericht verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familien-Stiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.
27. Mai
Der Verlag will seinen Bestand mit einem sogenannten Schutzschirmverfahren sichern. Es soll verhindern, dass der Gewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Barlach kündigt rechtliche Schritte an. Kurz darauf meldet der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag Insolvenz an.
6. August
Das Insolvenzverfahren wird als letzter Akt des Dramas offiziell eröffnet. Damit behält die Geschäftsleitung die volle Kontrolle, ein so genannter Sachwalter übernimt eine Aufsichtsfunktion- bestellt wird er vom Unternehmer. Suhrkamp plant nun, seine Rechtsform in eine Aktiengesellschaft zu ändern.
4. September
Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg lässt nach Angaben von Suhrkamp den Insolvenzplan für Suhrkamp zu. Damit soll das Unternehmen von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.
Im jahrelangen Streit um den renomierten Suhrkamp-Verlag bahnt sich nun ein vorläufiges Ende an. Das Landgericht Frankfurt (Main) will am 13. November über den gegenseitig beantragten Ausschluss der beiden Hauptgesellschafter entscheiden. Der Ausgang ist völlig offen.
Vergangene Woche ließ ein Berliner Gericht den Insolvenzplan des angeschlagenen Suhrkamp Verlags zu. Das Landgericht Frankfurt trat jetzt jedoch auf die Bremse: Es untersagte, dass die Familienstiftung von Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz auf der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zustimmt. Damit ist wieder offen, ob der Verlag in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden kann.