U-Bahnhof Schloßstraße am Bierpinsel (Quelle: dpa)
Audio: Harald Asel interviewt Turit Fröbe, Inforadio | 06.09.2013

Tag des offenen Denkmals - Die Kunst der Bausünde

Jedes Jahr im Herbst am "Tag des Offenen Denkmals" ist der Ansturm gewaltig und das Interesse an geschichtsmächtigen Flächen der Vergangenheit ist groß. Am Wochenende stehen die ungeliebten Denkmäler im Mittelpunkt. Dazu gehören sicher auch Bauten wie der Bierpinsel in Berlin, den Turit Fröbe von der TU Berlin eine gute Bausünde nennt.

Anlässlich einer eigenartigen verwahrlosten Bauplastik in Bielefeld entstand in Turit Fröbe erstmals die Idee, Bausünden zusammenzutragen - und das Konzept zu einem Abriss-Kalender, in doppeltem Sinne. Inzwischen ist ihr Buch "Die Kunst der Bausünde" erschienen. Darin findet sich die Crème de la Crème der Bausünde, die Fröbe über zwölf Jahre hinweg gesucht hat.

Was macht ein Gebäude zur Bausünde? "Eine Bausünde macht wütend", sagt Fröbe im rbb-Interview. "Die erregt den Volkszorn", und das Urteil sei schneller gefällt als es bei guter Architektur der Fall ist. Doch würde man in der Fachwelt nie von Bausünden sprechen. Fröbe unterscheidet gute und böse Bausünden, wobei die Grenze zwischen guter Bausünde und guter Architektur relativ fließend sei. Manch ein Bauwerk sei schon als Bausünde auf die Welt gekommen, andere erst vom Zeitverlauf in diesen Stand versetzt worden, denn auch Architekturen kommen aus der Mode.

Der Zeitgeist ist launisch

In den 60er Jahren ist eine brutale Betonarchitektur beliebt gewesen, gefolgt von der Verspieltheit der 70er Jahre und der Verbunkerung im Zuge der Atom-Debatte in den 80er Jahren - so wird Zeitgeist sichtbar. Der Architekturgeschmack ist launisch, bestätigt Fröbe, nach 15 bis 20 Jahren muss man davon ausgehen, dass Architekturen nicht mehr gefallen.

Der Bierpinsel in Steglitz, eine der wenigen Zeugnisse für Pop-Art-Architektur in Deutschland sei eine gute Bausünde, für die der Volksmund auch schnell eine treffende Bezeichnung gefunden habe. Kurz nach seiner Erbauung habe dieses Gebäude Begeisterungsstürme hervorgerufen, heute sehe das anders aus. Obwohl es sich um gute skulpturale Architektur in diesem Ensemble handele, mit der Stadtautobahn im Hintergrund und der Vermittlung der unterschiedlichen Ebenen an einem Verkehrsknotenpunkt, so Fröbe. "Ich rufe ja insgesamt dazu auf, den Bausünden-Begriff ein wenig zu verschieben. Es sind gute Bausünden, die mit einem starken Gestaltungswillen und sehr viel Mut und Originalität verwirklich worden sind und die unbedingt stehen bleiben sollten, weil sie der Stadt Gesicht geben."

Das so genannte Ahornblatt [Imago]
So sah das Ahornblatt aus.

Es gibt gute und schlechte Bausünden

Fröbes Lieblingsbeispiel ist die so genannte Ahornblatt-Folgebebauung in Berlin. Da wurde im Namen der Stadterneuerung eine DDR-Ikone der Baukunst abgerissen und durch gesichtslose Architektur ersetzt. Schlechte monotone Bausünden dominieren Deutschland und Berlin, wobei es da ein paar Ausnahmen gibt wie zum Beispiel das Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz, das Fröbe als "gute Bausünde" klassifiziert.

Was die Berliner Humboldtbox angeht ist sich Fröbe sicher, dass die schon als Bausünde geplant worden sei, als Vorankündigung der nächsten Bausünde, des Schlossneubaus. "Hier muss etwas entstehen", mag man sich gedacht haben, "was wirklich den Bankrott der Moderne in sinnfälligster Weise illustrieren würde", spekuliert Fröbe.

Sie möchte mit ihrem Buch dazu anregen, nicht einfach nur reflexhaft wegzusehen, sondern die Sachen zu betrachten und zu erkennen, dass hinter diesen Dingen ein Gestaltungswille steckt, eine liebevolle Idee. Denn sich über Bausünden aufzuregen, sei so müßig wie der Ärger über schlechtes Wetter.

Blick in eine Zelle in der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam (Bild: dpa)

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Frontseite der Karl-Marx-Allee (KMA) 38 - 44 (Foto: rbb/Tim von Klitzing)

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