Blick in eine Zelle in der Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam (Bild: dpa)

50 Biografien und Rauputz an den Wänden - Ein unbequemer Ort mit dunkler Geschichte

"Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?" heißt das Motto in diesem Jahr, wenn Besucher wieder deutschlandweit Baudenkmälern und historische Orten näher kommen. Ein Ort mit düsterer Geschichte ist das das Gebäude in der Potsdamer  Leistikowstraße. Hier war bis in die achtziger Jahre ein sowjetisches Untersuchungsgefängnis. Von Anna Pataczek

So unbequem dieser Ort mit seiner dunklen Geschichte ist, so heiter ist die Umgebung. Am Fuße des Potsdamer Pfingstbergs gelegen, ist das ehemalige KGB-Gefängnis umringt von Stadtvillen und Schulen. Von den Pausenhöfen schallt fröhliches Kinderrufen hinüber zu dem grau-braunen Haus mit seinen zum Teil schwer vergitterten Fenstern. Das Gebäude war nicht von Anfang an eine Haftanstalt sondern Sitz der Evangelischen Frauenhilfe und Pfarrhaus. Noch immer sind die Spuren aus dieser Zeit im Inneren sichtbar: Schmucke Deckenbalken, alte Kachelöfen und sogar Parkettboden in mancher Zelle sind erhalten. Aber auch metallbeschlagene Türen, Vergitterungen oder eine besonders enge Zelle mit grobem Rauputz sind zu sehen. Hier war nicht möglich, was für ein Gefängnis immer wichtig ist, erzählt Gedenkstätten-Leiterin Ines Reich. Keiner konnte hier an die Wand klopfen ohne sich blutige Hände zu holen und verboten war es sowieso.  "Es sind mit dem Klopf-Alphabet ja wichtige Nachrichten von Wand zu Wand weitergegeben worden. Das konnte man hier nicht tun."

1.200 Inschriften und jede Menge Striche an den Wänden...

Von 1945 bis Mitte der achtziger Jahre hat der Sowjetische Geheimdienst hier Männer und Frauen festgehaltenund sie zum Teil monatelang verhört und misshandelt. Wie viele es waren, ist bis heute unklar. Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass allein in der Frühphase bis 1950 mindestens 1.500 Menschen inhaftiert waren. Viele wurden hier zum Tode verurteilt oder in einen Gulag in die Sowjetunion geschickt. Ines Reich sagt, in dieser Zeit hätten kleine Dinge, die angeblich nebulös waren, gereicht, um in die Fänge des Geheimdienstes zu geraten. "Nichtsdestotrotz gibt es auch Beispiele für Leute, die tatsächlich Spionage betrieben haben. Da muss man wirklich jeden Einzelfall wirklich genau anschauen, was sind die Hintergründe."

Die Quellenlage ist jedoch dürftig. Die meisten Hinweise finden die Wissenschaftler im Haus selbst. So konnten sie im Keller zum Beispiel 1.200 Inschriften entziffern. Häftlinge haben Zählstriche eingeritzt, das Porträt ihres Geliebten und Namen.

Ein Journalist besichtigt am Mittwoch (18.04.2012) die Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam. (Bild dpa)
Mit 50 Biografien können sich die Besucher vertraut machen.

Seit dem vergangenem Jahr erzählt eine Dauerstellung die Geschichte des Hauses. Noch in der Konzeptionsphase hatten Opferverbände und -initiativen heftig kritisiert, dass zu wenig auf die Schicksale der Inhaftierten eingegangen würde. Ines Reich kann das nicht nachvollziehen: "Im Haus sind 50 Biografien präsentiert, dahinter stehen 50 Familien, die uns unterstützt haben, die sich hier wiederfinden. Insofern gibt es immer unterschiedliche Sichtweisen auf einen Ort, das ist völlig klar. Das, was das aber auch das Besucherbuch spiegelt an positiven Eindrücken durch Besucher, steht da auch für sich."

Schulklassen, Potsdamer Nachbarn und Angehörige ehemaliger Gefangener schreiben in dieses Buch. Tief betroffen und bewegt, das sind die Worte, die beim Durchblättern am häufigsten ins Auge fallen.

Beitrag von Anna Pataczek

Frontseite der Karl-Marx-Allee (KMA) 38 - 44 (Foto: rbb/Tim von Klitzing)

Die Platte als Denkmal-Star - Jenseits des Guten und Schönen

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KGB-Gefängnis Leistikowstraße: Gefängniszelle für drei Häftlinge mit sehr kurzem Podest - Quelle: kgb-gefaengnis.de

Inforadio | 05.09.2013 - Gedenkstätte Leistikowstraße in Potsdam

Der Beitrag von Anna Pataczek zum Nachhören.