Die Berliner Philharmonie ist 50 - Das Klangwunder in den Weinbergterrassen
Jahrelang zogen die Berliner Philharmoniker - damals schon eines der besten Orchester der Welt - in der Nachkriegszeit durch Kirchen und Kinos, bis sie 1963 wieder eine Heimstätte erhielten. Der Bau war Vorreiter einer ganz neuen Konzertsaal-Architektur, die heute von der ganzen Welt imitiert wird. Jetzt hat die Berliner Philharmonie 50. Geburtstag gefeiert. Von Judith Kochendörfer
Kunsthistoriker Ralf Wollheim und seine Kollegen führen jeden Tag Touristen durch die Philharmonie. Die Berliner wissen gar nicht, wie geliebt und bewundert ihre Philharmonie wird von der Welt, sagt Wollheim. Für manche sei das Gebäude nurmehr ein undefinierbarer, verwirrender 50er-Jahre-Klotz, ein bisschen Eisberg, ein bisschen Zirkuszelt. Die Berliner gaben dem Gebäude daher den Spitznamen "Zirkus Karajani", in Anlehnung an Herbert von Karajan, den damaligen Chefdirigenten der Philharmoniker.
"Wenn man verstanden hat, dass alle Räume - Foyer, Garderoben, Musikerbereich - unter den Saal gepackt sind, dann hat man das Gesamtkonzept verstanden und dann verläuft man sich nicht mehr", sagte Kunsthistoriker Wollheim. Er meint die Treppen und Gänge verschiedenster Größe, die scheinbar labyrinthisch in alle Richtungen führen. Und den Konzertsaal selbst: Das Publikum sitzt nicht in einem Foyer und einem Rang, sondern in unzähligen Blöcken und Balkons vor, neben und hinter der Bühne.
Zuschauer sitzen auf "Weinbergterrassen"
Tief gerührt bedankte sich der Architekt Hans Scharoun bei der Eröffnungsfeier am 15.Oktober 1963 dafür, dass er das Haus nach seinen Vorstellungen errichten konnte: "Möge die neue Philharmonie sich als der rechte Ort erweisen zum Erleben der Musik in Gemeinschaft." Scharoun war nicht der Einzige, der sich bei seinem Entwurf, den er zum Architekturwettbewerb um die Philharmonie vorlegte, für eine neue Anordnung von Orchester und Zuschauerbereich aussprach.
Bis dato waren die meisten Konzertsäle "Schuhkartons": ein rechtwinkliger Saal mit dem Orchester an der Stirnseite. Scharouns Entwurf stellte jedoch als einziger das Orchester direkt in die Mitte. Zu allen Seiten, auch hinter der Bühne, recken sich die Zuschauerblöcke ähnlich wie Weinbergterrassen nach oben. Dieses Konzept des "Weinbergs", wie es die Akustiker nennen, wird bis heute auf der ganzen Welt übernommen. Los Angeles, Kopenhagen und Rom haben ebenfalls "Weinberge", die Elbphilharmonie und eine neue Philharmonie in Paris werden die nächsten sein.
In der Ehrenloge will eigentlich niemand sitzen
Durch den Platz des Orchesters in der Mitte des Saals ist Musik von allen Seiten aus erlebbar. Für die hochgelobte Akustik sorgen Segel aus Draht und Plastik, die über der Bühne von der Decke hängen und den Schall zu allen Musikern auf der Bühne sowie zum gesamten Publikum gleichermaßen zurückwerfen.
Es gibt keine strikte Trennung zwischen sehr guten und schlechten Sitzplätzen, im Foyer kommen alle Konzertbesucher zusammen. denn trotz anfänglicher Verwirrung ist Verlaufen tatsächlich unmöglich. Und wenn einmal Ehrengäste kommen, sitzen diese nicht in einer separaten Loge, sondern mitten im Publikum.
Es gibt zwar eine abgetrennte Ehrenloge, der Form halber, aber dort sind die Plätze am schlechtesten, da will eigentlich niemand sitzen. Konzerterlebnis in Gemeinschaft, das war Hans Scharouns Grundidee - und wenn die Queen beim Staatsbesuch in Block B, Reihe 1 sitzt, umringt von anderen Besuchern, bekommt sie diese Idee leibhaftig zu spüren.
Ein Symbol der deutschen Wiedervereinigung
Als die Philharmonie gebaut wurde, sollte sie eigentlich in Berlins Mitte stehen, für Besucher aus dem Westteil der Stadt genauso zugängig wie aus dem Ostteil. Doch zur Eröffnung stand bereits die Berliner Mauer - nur wenige Meter von der Philharmonie entfernt. Die Philharmonie fand sich auf einmal am Rande Westberlins wieder.
"Dieser Bau wurde geplant, bevor es die Mauer gab. Er ist den Mitbürgern im anderen Teil entgegengebaut. Und das wird sich erst recht als richtig erweisen, wenn die Mauer nicht mehr steht", sagte der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt bei der Eröffnungsfeier. Seine Zukunftsvision war damals kaum mehr als ein Wunschbild.
Auf Fotos aus der Zeit steht das Konzerthaus allein auf weiter Flur, von Feld und Wald umgeben. Nur die benachbarte Matthäikirche und die Mauer am Potsdamer Platz sind zu sehen. Der Haupteingang befand sich damals nur auf der westlichen Seite, zum Tiergarten hin.
Erst seit dem Fall der Mauer kommt das Publikum wieder vom Potsdamer Platz her, benutzt den nachträglich hinzugefügten Eingang auf der Ostseite - und fragt sich, warum der eigentliche Haupteingang auf der gefühlt "falschen" Seite liegt. Der frühere Hintereingang, seit ein paar Jahren erst zu einem größeren, offizielleren Eingang verschönert, hat die Philharmonie endgültig wieder nach Osten hin geöffnet - wie Willy Brandt es sich vor 50 Jahren gewünscht hatte.
Die Philharmonie ist heute nicht nur akustisch und architektonisch einzigartig, sie ist auch ein Symbol für die deutsche Wiedervereinigung.





