Abstimmung Ende Oktober -
Stiftung von Suhrkamp-Chefin darf Insolvenzplan zustimmen
Im Streit um die Zukunft von Suhrkamp kann die Familienstiftung von Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz dem Insolvenzplan zustimmen. Das Oberlandesgericht Frankfurt setzte ein zuvor erlassenes Verbot vorläufig aus. Die Gläubiger sollen am 22. Oktober über das Schicksal des Suhrkamp-Verlags entscheiden.
Die Familienstiftung von Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz kann bei der anstehenden Gläubigerversammlung dem Insolvenzplan zustimmen. Das Oberlandesgericht (OLG) Frankfurt hat nach Mitteilung vom Mittwoch ein zuvor vom Landgericht Frankfurt erlassenes Verbot vorläufig ausgesetzt.
Die Chefin des Suhrkamp-Verlags, die Verleger-Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz hält 61 Prozent am Verlag. Sie will das Unternehmen mit dem Insolvenzplan von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Der mit ihr verfeindete Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, der die anderen 39 Prozent am Verlag hält, würde dadurch weitreichende Mitspracherechte verlieren.
Barlach lehnt das Konzept daher ab. Im September hatte das Landgericht Frankfurt auf Antrag von Barlach der Familienstiftung per einstweiliger Verfügung untersagt, dem Sanierungsplan auf der Gläubigerversammlung zuzustimmen. Der Plan sei einseitig auf die Belange ihrer Familienstiftung ausgerichtet, sie habe damit ihre "Treuepflicht" gegenüber Barlach verletzt, befand die Richterin vor drei Wochen.
Dagegen hatte die Stiftung von Unseld-Berkéwicz Berufung beim Oberlandesgericht eingelegt. Für die Verhandlung gibt es noch keinen Termin. Das OLG stellte jetzt jedoch gegen eine Sicherheitsleistung in Höhe von 100.000 Euro die Zwangsvollstreckung der einstweiligen Verfügung vorläufig ein.
Die Gläubiger sind für eine Fortsetzung des bisherigen Insolvenzverfahrens.
Entscheidung bei der Gläubigerversammlung am 22. Oktober
Die Gläubiger des insolventen Suhrkamp-Verlags entscheiden am 22. Oktober über das weitere Schicksal des Traditionshauses. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat diesen Termin für die Abstimmung über den Insolvenzplan festgelegt.
Bei einer ersten, nicht-öffentlichen Gläubigerversammlung am Dienstag votierten die Berechtigten weitgehend einvernehmlich für eine Fortsetzung des bisherigen Insolvenzverfahrens, wie der gerichtlich bestellte Sachwalter Rolf Rattunde sagte. "Das lief alles relativ harmonisch."
Bei der Gläubigerversammlung waren mehrere hundert Berechtigte vertreten, darunter alle Großgläubiger wie Unseld-Berkéwicz' Familienstiftung, Barlachs Medienholding und vor allem der Pensionssicherungsfonds. Viele Autoren hätten sich gemeinsam durch Anwälte vertreten lassen.
Eine Gegenstimme von Seiten Barlachs gab es laut Rattunde bei der Frage, ob die Insolvenz weiter in Eigenverwaltung geführt werden soll. Bei der Bestätigung des Sachwalters und der Besetzung des Gläubigerausschusses habe sich Barlachs Vertreter der Stimme enthalten, alle übrigen unterstützten die Entscheidung, so Rattunde.
Chronologie: Der Kampf um den Suhrkamp-Verlag
Die Kontrahenten
Ulla Unseld-Berkéwicz
Geboren 1951 (nach anderen Angaben 1948) als Ursula Schmidt in Gießen (Hessen), macht dieTochter eines Arztes und einer Schauspielerinzunächst am Theater unter Regisseuren wie August Everding, Claus Peymann und Peter Zadek Karriere.
Später verlegt sie sich auf die Schriftstellerei. Ihr Erzähldebüt "Josef stirbt" (1982) wird viel gelobt. Als Suhrkamp-Autorin lernt sie nach einer ersten Ehe mit dem Regisseur Wilfried Minks den 25 Jahre älteren Verleger Siegfried Unseld kennen.
Dieser verlässt 1985 seine Frau Hilde und heiratet 1990 Berkéwicz. Nach Unselds Tod 2002 brechen im Verlag Machtkämpfe aus. 2003 übernimmt Berkéwicz die Geschäftsführung. 2010 setzt sie gegen viele Widerstände den Umzug des Verlags vom Traditionssitz Frankfurt am Main nach Berlin durch.
Hans Barlach
Barlach wird 1955 in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) als Enkel des Bildhauers Ernst Barlach geboren, bricht mit 17 die Schule ab und macht zunächst eine Lehre als chemotechnischer Assistent.
Mit der Gründung mehrerer Galerien betätigt er sich fast 20 Jahre lang im Kunsthandel, daneben auch in Immobilienprojekten.
Nach der gescheiterten Rettung der "Hamburger Rundschau" kauft er von 1999 an nach und nach die angeschlagene "Hamburger Morgenpost", die er zeitweise auch redaktionell leitet.
2004 übernimmt er als Eigentümer und Herausgeber zudem die Fernsehzeitschrift "TV Today". Beide Blätter verkauft er 2006 wieder. Im selben Jahr erwirbt er Anteile am Suhrkamp Verlag - gegen den erklärten Willen von Unseld-Berkéwicz.
Der Verlag
1933 - 1950
Auf Drängen von Schriftsteller Herman Hesse gründet Peter Suhrkamp einen Verlag und benannt ihn nach sich selbst - nicht zum ersten Mal.
Suhrkamp war 1933 in den S. Fischer Verlag nach Berlin gerufen worden, taufte ihn drei Jahre später in "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer" um. 1942 wird er von der Gestapo verhaftet, zum Tode verurteilt und in ein Konzentrationslager deportiert. Doch er überlebt.
Nach dem Krieg trennen sich die Verlage, ein Großteil der Autoren wechselt zu Suhrkamp.
1950
Suhrkamp beginnt von vorn mit Werken von Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, T.S. Eliot und Bernard Shaw. Und von Bertolt Brecht, der einst schrieb: "Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten."
Die 50er Jahre
Die Reihe "Bibliothek Suhrkamp" wird 1951 ins Leben gerufen, schon bald eine der wichtigsten Buchserien in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie enthält einen Großteil der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
1952 tritt Siegfried Unseld in den Verlag ein. 1957 wird er Gesellschafter und 1959, nach dem Tod Peter Suhrkamps, der alleinige Verleger.
Die 60er Jahre
1963 übernimmt Suhrkamp den Insel Verlag. Im selben Jahr wird die Reihe "edition suhrkamp" gegründet. Sie ist die Avantgarde des Suhrkamp-Programms: Literatur und Essays spiegeln die politische Situation in einer sich verändernden Welt.
"Bibliothek Suhrkamp und edition suhrkamp bilden zusammen die wichtigste deutsche Büchersammlung unserer Zeit", schrieb der Germanist Reinhold Grimm.
1969 zieht der Verlag in das Suhrkamp Haus in der Lindenstraße 29-35 in Frankfurt am Main.
Die 70er Jahre
1971 entsteht die Reihe "suhrkamp taschenbuch". Die erfolgreichsten Titel sind mit je über zwei Millionen verkauften Exemplaren Max Frischs "Homo Faber" und "Andorra" sowie Hermann Hesses "Der Steppenwolf" und "Siddhartha" mit je 1,5 Millionen verkauften Exemplaren.
Die Suhrkamp-Werke sind so präsent in den Bücherregalen der Deutschen, dass Kulturkritiker den Begriff "Suhrkamp-Kultur" prägen.
Die 90er Jahre
1990 übernimmt Suhrkamp den Jüdischen Verlag. Acht Jahre später wird die "Suhrkamp BasisBibliothek" ins Leben gerufen. Sie enthält edierte und kommentierte Hauptwerke aller Epochen und Gattungen. Dazu erscheint umfangreiches Material für den Schulunterricht.
2002
Nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung, geleitet von seiner Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart.
2003
Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.
2006
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den Anteil des Schweizer Investors gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
2009
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding.
2010
Suhrkamp verlegt seinen Sitz von Frankfurt/Main nach Berlin.
2011
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter zu fragen.
2012
5. Dezember 2012
Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt/Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
10. Dezember
Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus soll sie Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.
17. Dezember
Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.
30. Dezember
Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.
2013
4. Januar 2013
Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
10. Januar
In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.
13. Februar
Das Landgericht Frankfurt/Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.
20. März
Das Landgericht verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familien-Stiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.
27. Mai
Der Verlag will seinen Bestand mit einem sogenannten Schutzschirmverfahren sichern. Es soll verhindern, dass der Gewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Barlach kündigt rechtliche Schritte an. Kurz darauf meldet der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag Insolvenz an.
6. August
Das Insolvenzverfahren wird als letzter Akt des Dramas offiziell eröffnet. Damit behält die Geschäftsleitung die volle Kontrolle, ein so genannter Sachwalter übernimt eine Aufsichtsfunktion- bestellt wird er vom Unternehmer. Suhrkamp plant nun, seine Rechtsform in eine Aktiengesellschaft zu ändern.
1. Oktober
Nach dem Willen des Amtsgerichts Berlin-Charlottenburg sollen die Gläubiger des Verlags am 22. Oktober 2013 über den Insolvenzplan von Suhrkamp entscheiden. Bestandteil des Plans ist die Umwandlung von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft, wodurch Minderheitsgesellschafter Barlach einen Großteil seiner Mitspracherechte verlieren würde. Barlach lehnt den Insolvenzplan ab, weil er aus seiner Sicht einseitig auf die Belange der Familienstiftung von Ulla Unseld-Berkéwicz ausgerichtet ist.
Sie sind das Kapital des Suhrkamp-Verlags und melden sich nun zu Wort: Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren haben dem Miteigentümer Hans Barlach mit ihrem Ausstieg gedroht, sollte er weiterhin "maßgeblichen Einfluss" auf das Haus ausüben. Die Autorin Sybille Lewitscharoff wirft Barlach konkret mangelndes Interesse am Verlag vor und fürchtet um das Haus.