"Angriff auf die Moderne" in Frankfurt (Oder) - Verbannte Meisterwerke auf Museumstour
Über 100 Meisterwerke aus der Rostocker Sammlung "Entartete Kunst" sind seit Sonntag zum ersten Mal außerhalb der Hansestadt zu sehen. Das Museum "Junge Kunst" in Frankfurt (Oder) zeigt unter dem Titel "Angriff auf die Moderne" Werke, die von den Nationalsozialisten ab 1937 systematisch aus den deutschen Museen verbannt wurden. Von Bärbel Kiele
Otto Dix' "Streichholzhändler", eine schwarz-weiße Arbeit auf Papier, zeigt einen verstümmelten Kriegsversehrten nach dem 1. Weltkrieg. Er ist erblindet, die Arme und Beine amputiert. Mit schräg nach oben gedrehtem Kopf bietet er den vor ihm fliehenden Passanten Streichhölzer zum Kauf an. Mit diesem Bild wirbt das Museum "Junge Kunst" in Frankfurt (Oder) für seine Schau von mehr als 100 Meisterwerken aus der Rostocker Sammlung "Entartete Kunst", die seit Sonntag zum ersten Mal außerhalb der Hansestadt zu sehen sind.
Die Kuratorin der Ausstellung "Angriff auf die Moderne", Brigitte Rieger-Jähner, hat dieses Bild als ein wesentliches Dokument der so genannten Entarteten Kunst für die Frankfurter Ausstellung ausgewählt - weil es die damalige Zeit schonungslos so darstellt, wie sie wirklich war.
"Das passte natürlich nicht in einen Staat, der gerade einen neuen Krieg vorbereiten und ihn idealisieren will", erklärt Rieger-Jähner. "Dix zeigt nicht den "Neuen Menschen", sondern er zeigt Menschen in ihrer Zerrissenheit, in ihrem Schmerz, in ihrer Bösartigkeit auch – so wie sie eben sind."
136 Arbeiten hat die Kunsthistorikerin Rieger-Jähner aus den über 600 Gemälden, Plastiken, Aquarellen und Arbeiten auf Papier aus der Sammlung des Kulturhistorischen Museums Rostock in die Oderstadt geholt. Die Meisterwerke sind nun stilistisch geordnet und nach Motiven gehängt. Das Konzept sei, den Besuchern einen Rundgang durch die Stilgeschichte der Moderne zu ermöglichen, so Brigitte Rieger-Jähner. "Man erkennt so recht gut, was sich bis in die 30er Jahre in der Kunstgeschichte abgespielt hat."
Brigitte Rieger-Jähner betont den künstlerischen Wert der von ihr ausgewählten Ausstellungsstücke - zugleich sei die Ausstellung aber auch eine Dokumentation der Kulturbarbarei der Nationalsozialisten. Alle Bilder und Werke sind neben ihrem Entstehungsjahr auch mit dem Herkunftsmuseum bezeichnet. Außerdem erklären große Zeittafeln im Eingangsbereich des Museums die Geschichte des Nationalsozialismus und dessen verheerende Kulturpolitik. Zum besseren Verständnis der Bilder können Besucher in jeder Abteilung auch Biografie und Werkverzeichnung des Künstlers einsehen.

Unter den nun im Frankfurter Museum "Junge Kunst" gezeigten Werken sind Handzeichnungen und Druckgrafiken von Lionel Feininger, Franz Marc, Oskar Kokoschka und auch Emil Noldes Motiv "Mutter und Kind". Letzteres zeige eine Sicht, mit der es 1937 erst einmal vorbei war, sagt Brigitte Rieger-Jähner – und das, obwohl einige Künstler, wie Nolde, sogar Mitglied der NSDAP waren. "Sie stellten den Übermenschen eben nicht in der Form dar, wie es die Nazis sehen wollten."
Die Bilder der in Frankfurt (Oder) ausgestellten Künstler stammen aus dem Nachlass des Kunsthändlers Bernhard Böhmer. Er lebte Güstrow in der Nähe von Rostock und arbeitete für den Bildhauer Ernst Barlach. Böhmer verkaufte ab 1938 mit drei weiteren Kunsthändlern im Auftrag der Nazis 8.700 Arbeiten aus den beschlagnahmten Werken der Klassischen Moderne. 613 davon befinden sich seit 1947 in Rostock, sind aber erst vor wenigen Jahren in den Besitz des Kulturhistorischen Museums dort übergegangen. Die Sammlung sollte dort aber eben nicht nur verwahrt, sondern auch wieder für Besucher zugänglich gemacht werden – eine Aufgabe, der sich nun auch das Museum "Junge Kunst" in Frankfurt (Oder) stellt.


