
"Poetische Protokollantin des Scheiterns und der Defizite" - Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für Marion Poschmann
Sie zählt für viele Kritiker zu den begabtesten Schreibtalenten in Deutschland - am Samstag wurde Marion Poschmann für ihren Roman "Die Sonnenposition" mit dem 30.000 Euro dotierten Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet.
Die Berliner Schriftstellerin Marion Poschmann ist am Samstag in Braunschweig mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis geehrt worden. Die 43-Jährige erhielt die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Roman "Die Sonnenposition". Niedersachsens Kulturministerin Heinen-Kljaji (Grüne) erklärte, Poschmann gelte als "poetische Protokollantin des Scheiterns und der Defizite".

"Mich interessieren einfach die Abgründe"
In dem Roman geht es um einen Rheinländer, der nach der Wiedervereinigung eine Stelle in einer psychiatrischen Anstalt in Ostdeutschland antritt. Seinen Patienten will er die "Sonnenposition" zeigen, einen Punkt, von dem Orientierung und Trost ausgehen, doch er gerät selbst in die Fänge einer Schattenwelt.
"Mich interessieren einfach die Abgründe der Seelen und die Abgründe der Geschichte." Selbst in der Psychiatrie habe sie aber nicht recherchiert. "Ich habe viel darüber gelesen."
Poschmann sei eine Meisterin der Spiegelung und Täuschung und des Wechsels von Sich-Zeigen und Verbergen, hieß es in der Begründung der Jury. Das Werk sei eine erzählerische Meditation über die Rück- und Abseiten der Dinge, über Schatten und Kontraste. Mit feinster Sorgfalt habe die in Essen geborene Autorin Motive und Anspielungen in Beziehung zueinander gesetzt. Dabei sei eine Prosa entstanden, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ihresgleichen suche.
"Wenderoman aus der Sicht eines Wessis"
Schon als kleines Mädchen hatte Marion Poschmann diesen Traum: "Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden, wusste aber nicht wie", sagte Poschmann der Deutschen Presse-Agentur.
So studierte die 1969 in Essen geborene Autorin erstmal Germanistik, Philosophie und Slawistik in Bonn und Berlin. 1994 lernte sie zusätzlich szenisches Schreiben an der Berliner Hochschule der Künste. "Ich hoffte einfach, durch die Beschäftigung mit Sprache und Literatur diesem Ziel näher zu kommen." 2002 machte die Wahlberlinerin gleich mit zwei Werken auf sich aufmerksam: Neben ihrem Gedichtband "Verschlossene Kammern" erschien auch ihr Debütroman "Baden bei Gewitter".
Ihr jetzt ausgezeichnetes Buch bezeichnet Poschmann als "eine Art Wenderoman aus der Sicht eines Wessis". Sie selbst kam 1990 nach Ost-Berlin. "Das war eine unglaublich brodelnde Zeit voller Umbrüche und Neuanfänge", sagte Poschmann, die bis heute in Berlin lebt. "Diese Zeit, als die Karten neu gemischt wurden, fasziniert immer noch."
Prominente Preisträger
Der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis erinnert an den gesellschaftskritischen Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831-1910), der in Eschershausen im Weserbergland geboren wurde und in Braunschweig starb.
Die Auszeichnung, die von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk ausgelobt wird, würdigt jährlich einen aktuellen, zeitgenössischen Roman. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann und Sibylle Lewitscharoff.




