
Zwischenbilanz vom Filmfestival - Von wegen schwer und düster: Osteuropäische Filme in Cottbus
Noch bis Sonntag ist Cottbus das Zentrum des osteuropäischen Films. Die 23. Ausgabe des Filmfestivals hat bereits bewiesen, dass das osteuropäische Kino so vielfältig ist wie seine einzelnen Länder. rbb-Filmexperte Knut Elstermann zieht eine Zwischenbilanz und verrät seine Wettbewerbs-Favoriten, die Chancen auf den Hauptpreis haben könnten, der am Samstag vergeben wird.
Filmische Werke aus Osteuropa haben eines gemeinsam: Sie sind in unseren Kinos eher selten zu finden. Deshalb holt das Filmfestival in Cottbus unbeirrt Jahr für Jahr die besten Arbeiten osteuropäischer Regisseure in die Stadt. Noch bis Sonntag sind Filme zu sehen, die zeigen, wie die Gesellschaften Osteuropas funktionieren, welche Krisen sie bewältigen müssen und welches Lebensgefühl sie ausstrahlen.
Am Samstagabend werden die Preise für die besten Produktionen vergeben. Welche Filme liegen in diesem Jahr vorn im Rennen um die "Lubina", den Hauptpreis des Festivals? Knut Elstermann gibt seine Tipps ab und schildert, wie vielfältig das osteuropäische Kino mittlerweile geworden ist.

Wie läuft der Wettbewerb bisher? Sind die Filme wirklich alle nur schwer und ernst?
Knut Elstermann: Das denkt man immer über das Kino aus Osteuropa. Zugegeben, es ist ein Festivaljahrgang mit sehr ernsthaften Themen und Filmen, die soziale Härten schildern. So geht es zum Beispiel in dem Film "Der Major" um knallharte Polizeikorruption in ganz brutaler Weise. Ein sehr gut gemachter Thriller aus Russland.
Aber es gibt durchaus auch andere Filme. Auch aus Russland stammt der Film "Der Geograph, der den Globus austrank", der auf einem erfolgreichen Roman basiert und an alte Werke von Wassili Schukschin erinnert. Darin geht es um einen Geografielehrer, den die Schüler sehr mögen, der aber ständig betrunken ist. Eine warmherzige und kauzige Geschichte und gleichzeitig ein Buddy-Movie, das mir rundum gefallen hat. Und ich könnte mir vorstellen, dass auch die Jury den Film mag.
Und abgesehen von Russland?
Das filmische Spektrum ist groß. Es gibt bei diesem Festival eine ganze Reihe von Filmen, die uns wirklich mitnehmen in diese Länder, uns Einsichten ermöglichen, die wir sonst nicht bekommen.
So auch "Der untere Rand des Himmels" von Regisseur Igor Cobileanski aus Moldawien, der hoffentlich einen Preis erhält. Eine ganz kleine Geschichte, wunderbar erzählt und von den Schauspielern ganz natürlich gespielt - die Authentizität hat mich manchmal an den Stil von Andreas Dresen erinnert. Cobileanski gibt uns einen Einblick in dieses Land, der mich sehr fasziniert hat - hoffentlich auch die Jury.
Sind die Filme aus Osteuropa in der Normalität angekommen?
Das kann man so sagen. Das Klischee, das wir immer vor Augen haben, das stimmt absolut nicht mehr. Nicht nur im Wettbewerb, auch in den anderen Sektionen gibt es Unterhaltungsfilme, Kriminalgeschichten oder Filme mit Musicalcharakter. Das ist eben die große Stärke von Cottbus, dass hier die ganze Bandbreite der Produktionen präsentiert wir. Das sind immerhin 150 Filme in nur fünf Tagen.
Zu dieser Vielfalt trägt auch der Dreiteiler "Der brennende Dornbusch" von der international bekannten Regisseurin Agnieszka Holland bei. Sie zeigt anhand der Studentenproteste von 1968 und dem Einmarsch der Russen die Schatten der Vergangenheit in Tschechien auf. Der Film erzählt von der juristischen Aufarbeitung dieser Ereignisse.
Welche Entdeckungen lassen sich darüber hinaus in Cottbus machen?
Zu den Entdeckungen zählt ein Film in der Sektion "Polnische Horizonte", der am Donnerstag lief: "Schwimmende Wolkenkratzer" von Tomasz Wasilewski erzählt eine schwule Liebesgeschichte, die mich ein bisschen an "Freier Fall" erinnert hat. Der in entsättigten, grauen Farben gedrehte Film erzählt von einem Leistungsschwimmer im heutigen Warschau, der sich unsterblich in einen Mann verliebt und damit in tiefe Gewissenskonflikte gerät.
Ein sehr harter Film, der das Thema Homophobie in Polen aufgreift und zum Beispiel in Russland gar nicht gezeigt werden könnte - der würde dort wegen dem "Homosexuellen Propaganda"-Gesetz sofort verboten werden. In Deutschland hat der Film glücklicherweise bereits einen Verleiher gefunden.
Und genau dafür ist ja Cottbus da: Ich hoffe immer wieder, dass Verleiher hier sind, die
das Risiko dann doch mal eingehen und einen Film einkaufen, so dass diese Filme aus Osteuropa doch den Weg in unsere Kinos
finden.



