
Streit in Berlin-Mitte - Ist das Kunst oder kann das weg?
Für den einen ist Kunst etwas möglichst Abstraktes. Andere mögen es vor allem ästhetisch. Um die Frage, was eigentlich Kunst ist, ist nun ein Streit im Berliner Bezirk Mitte entbrannt. Dort steht auf einem kleinen Platz die Nachbildung einer vom SED-Regime abgerissenen Kirche. Eigentlich temporär, doch Senat, Kirche und historische Vereine wollen sie dauerhaft stehen lassen. Der Bezirk ist dagegen. Sylvie Ahrens berichtet.
Den Bethlehemkirchplatz kennen nur wenige Berliner. Er liegt versteckt hinter der Friedrichstraße nahe dem Checkpoint Charlie. Der Platz ist klein, mit gut 30 Schritten hat man ihn in jede Richtung überquert. Hier stand bis 1963 eine Kirche - sie war einst böhmischen Religions-Flüchtlingen gebaut worden. Man kann ihre Umrisse gut erkennen, denn sie sind farbig in den Boden gepflastert worden. Darauf steht nun seit einiger Zeit auch eine Nachbildung des Gebäudes in Form eines Stahlgerippes. Bernd Krebs ist der Pfarrer der Bethlehemsgemeinde: "Diese Installation verweist natürlich auf die heutigen Fragen, was heute mit den Flüchtlingen geschieht. Wird den Flüchtlingen geholfen, ihre Identität zu erhalten, hier in diese Gesellschaft einzubringen? An welchen Orten machen sie das, haben sie ihre religiösen Orte, wo sie das tun können?"
Neben dem Stahlgerippe steht eine weitere Skulptur. Sie war schon vorher da. Und auch sie erinnert an die böhmischen Flüchtlinge. Der Ball des Künstlers Claes Oldenburg sieht aus wie ein geschnürtes Bündel der wenigen Habseligkeiten, die ein Flüchtling mit sich nehmen kann. Für die Kunstexperten des Bezirks Mitte nimmt das neue Stahlgerippe daneben zu viel Raum ein. Deswegen soll es wie geplant zum Monatsende abgebaut werden, sagt die Bezirksstadträtin für Kultur, Sabine Weißler von den Grünen: "Hier ist eine Skulptur für eine bestimmte Zeit genehmigt und akzeptiert worden und auch als Bereicherung empfunden worden, die aber auf Dauer den Stadtplatz sehr überformt und dominiert."
Im Moment steht das Gerippe noch auf unförmigen Betonklötzen. Viele Passanten empfinden die Installation trotzdem als Bereicherung.
Unterstützung kommt neben der Kirche von elf Berliner Geschichtsvereinen und inzwischen auch vom Senat. Sie allen möchten gerne erreichen, dass die Stahlkonstruktion des spanischen Künstlers Juan Garaizabal dauerhaft im Boden verankert wird. Die Kosten dafür wollen sie gemeinsam tragen, so Kulturstaatssekretär André Schmitz: "Das Geld für die dauerhafte Installierung könnte das Land Berlin zur Verfügung stellen, die Kirche würde die Pflege übernehmen - also die fachlichen Gründe gegen eine dauerhafte Installierung sind eigentlich ausgeräumt, und dann hoffe ich auf die Weisheit des Bezirks Mitte, zu dem Entschluss zu kommen, von dem viele Berlinerinnen und Berliner meinen, es täte der Stadt gut."
Zumindest bis Ende des Monats wird das Stahlgerippe noch auf dem Bethlehemkirchplatz stehen. Bis dahin muss der Bezirk entscheiden, wie es mit dem Kunstwerk weitergeht.

