Archivbild: Der Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler auf der Frankfurter Buchmesse 1996 (Quelle: dpa)
Stilbruch | 28.11.2013 | Beitrag von Birgit Wolske

Zum Tod des Verlegers - Wolf Jobst Siedler gestorben

Eine der wichtigsten deutschen Verlegerpersönlichkeiten ist tot: Wolf Jobst Siedler starb am Mittwoch im Alter von 87 Jahren. Sein Vater sei "nach langer Krankheit friedlich im Kreis seiner Familie eingeschlafen", sagte sein Sohn Wolf Jobst Siedler junior. Siedler hatte als Chef des "Tagesspiegel"-Feuilletons begonnen, fast 20 Jahre den Ullstein- und den Propyläenverlag geleitet und 1980 seinen eigenen Verlag gegründet. Von Maria Ossowski

Seine Autoren brachte er hin und wieder in Verlegenheit, schlicht, weil er besser geschrieben hat als sie. Der Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler war ein "homme de lettre", ein Mann des Geistes. Verlegt hat er allerdings nicht die große Belletristik. Von der glaubte er, sie sei vergangen oder sie käme noch, und Kleist sei eigentlich der radikal Moderne. Und er fragte sich, "ob wir wirklich in einer Epoche großer geistig-künstlerischer Produktivität leben – oder ob wir nicht sozusagen Atem holen für irgendwann, wenn es wieder los geht."

In der Philosophie, der Geistesgeschichte und der Theologie fühlte er sich zu Hause – und sah darin auch die Stärken seiner Epoche. "Und so habe ich mein Programm nach der Einschätzung der Epoche und der eigenen Möglichkeiten ausgerichtet."

Aus der Kriegsgefangenschaft ins zerstörte Berlin

Der Sohn eines kaiserlichen Diplomaten, der den Bildhauer Schadow und den Musiker Zelter in seiner Ahnenreihe wusste, hat das Geistesleben in Deutschland mit geprägt. Geboren in jener Stadt, von der er später einmal sagte, sie sei die Quelle seiner Kraft. In einem Reihenhaus in Berlin-Dahlem hat er von Kindsbeinen an bis ins hohe Alter gelebt.

Mit 17 Jahren ist er als Flakhelfer zusammen mit dem Sohn von Ernst Jünger wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt worden, musste sich, wie es hieß, an der Front bewähren und kam in Kriegsgefangenschaft. "Ich bin Ende 1947 mit Anfang 20 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekommen und kam in eine vollkommen zerstörte Stadt, die ich mit 17 als heile Stadt verlassen hatte", sagte Siedler später. Das alte Berlin, durch das er auf seinen Wegen entlang der Friedrichstraße, der Wilhelmstraße und Unter den Linden ging, war eine ausgebrannte Stadt mit "rauchgeschwärzten Fassaden".

Ein Konservativer mit Sympathien für die Sozialdemokratie

Die Stadt war da und sie verschwand. Berlins Zerstörung durch den Wiederaufbau war immer wieder Siedlers Thema. Er schrieb darüber als Feuilletonchef beim "Tagesspiegel" und als Autor der Streitschrift "Die gemordete Stadt". Er hat gekämpft für eine lebenswerte Stadt. Als die Rekonstruktion des Schlosses beschlossen wurde, hat für ihn die Stadt über die Architektur gesiegt.

Wolf Jobst Siedler hat mit Joachim Fest zusammen den intellektuellen Grundstein für diesen Wiederaufbau gelegt. Ein konservativer Denker, dessen Maßstab aber nicht die Wertedebatte alleine war, sondern ihr geschichtlicher Kontext. Und der hat auch scheinbare Widersprüche zugelassen. "Für mich als eher Konservativer ist die Sozialdemokratie eine der großen, vielleicht die große staatstragende Partei der deutschen Geschichte. Sie hat in den letzten Jahrhunderten an den entscheidenden Gelenkstellen immer auf der Seite gestanden, auf der ich, wenn ich zurückdenke, gern gestanden hätte. Die bürgerlichen Parteien haben wirklich zwei Weltkriege gebraucht, zwei Zusammenbrüche, zwei Revolutionen, den Verlust des Reiches, den Untergang des Nationalstaates, um ihrer politischen Selbstdarstellung zu einer ähnlichen Soldität und Seriosität zu kommen, die die Sozialdemokratie wirklich gehabt hat."

Siedler hat für die Ullsteingruppe den Proppyläenverlag geleitet und 1980 seinen eigenen Verlag gegründet, der heute bei Randomhouse angesiedelt ist. Ein Forum für politisch und historisch interessierte Leser, Richard von Weizsäcker war dort Autor, auch Peter Glotz, nur radikalsozialistische Ideen lehnte Siedler ab: "Ich bin dann eher der Verleger von Helmut Schmidt oder Brand, oder auch Hans-Jochen Vogel und Peter Glotz. Ich muss ja nun nicht gerade auf meine alten Tage noch Jungsozialist werden."

Mit Wolf Jobst Siedler ist ein preußischer, moderner, zeitloser Zeuge des 20. Jahrhunderts gestorben, ein Verleger, dem vor allem die Hauptstadt viel verdankt.