Filmfestival Cottbus 2013: Spielstätte "Staatstheater Cottbus" (Quelle: Filmfestval Cottbus)

5. bis 10. November 2013 - Filmschätze von nebenan: Das Filmfestival Cottbus

Einmal im Jahr wird Cottbus zum Zentrum des osteuropäischen Films, der ansonsten kaum den Weg ins deutsche Kino findet. Am Dienstagabend hat die 23. Auflage des Filmfestivals begonnen. Schwerpunkt in diesem Jahr sind Filme der Sinti und Roma. Eine neue Sektion beleuchtet außerdem eine Minderheit innerhalb Deutschlands, deren Filme bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen. Von Knut Elstermann

Jedes Jahr macht sich das Filmfestival Cottbus an die große Aufgabe, die filmische Region Osteuropa, ein riesiges, kaum zu überschauendes Gebiet, dem Publikum zu präsentieren – in der ganzen Vielfalt. Hier laufen Filme, die vor allem eines gemeinsam haben: Sie sind in unseren Kinos sonst nicht zu finden. Cottbus durchbricht unbeirrt Jahr für Jahr die westliche Ignoranz und holt die besten Arbeiten osteuropäischer Regisseure in die Stadt, keineswegs nur die hohe, cineastische Kunst, sondern auch Publikums-Hits. Wer wissen will, wie unsere Nachbarn denken und fühlen, wie ihre Gesellschaften funktionieren oder in welchen Krisen sie stecken, wer erfahren will, wie die Filmemacher dort ihre Welt sehen, kommt an Cottbus nicht vorbei.

Grafik "23. Filmfestival Cottbus, 5.-10.11.2013" (Grafik: Film Festival Cottbus)
Logo des 23. Filmfestivals Cottbus

Rund 700 Beiträge wurden eingereicht, 21 davon haben es in die Wettbewerbe geschafft, darunter elf aus 13 Ländern allein im Spielfilmwettbewerb. Er bietet zehn deutsche und eine Weltpremiere. Auf den Hauptpreisträger warten 20.000 Euro und die wunderschöne, gläserne Skulptur der Lubina, die ihren zehnten Geburtstag feiert.

Auf einen Nenner bringen lässt sich der Wettbewerb nicht, zu unterschiedlich sind die Lebenswelten, die Erfahrungen, die Handschriften.

Wie schon in den vergangenen Jahren zeigen Produktionen aus den ehemaligen jugoslawischen Republiken, wie sehr die Wunden des Krieges noch immer schmerzen, wie wenig die Traumata aufgearbeitet sind, wie "Für die, die keine Geschichten erzählen können". In ihrem berührenden neuen, sehr persönlichen Film gibt die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic (Goldener Bär der Berlinale 2010 für "Esmas Geheimnis") den Verfolgten und Ermordeten des Balkan-Krieges, den stummen Zeugen eine Stimme. Mit der australischen Tänzerin Kym Vercoe, auf deren Performance der Film basiert, fahren wir nach Visegrad, in die Stadt des Nobelpreisträgers  Ivo Andric, mit ihr entdecken wir die Spuren der verdrängten Bluttaten und fragen nach Verantwortung und Sühne. Ein ebenso bewegender wie poetischer Film.

Ebenfalls im Wettbewerb läuft der Film "Die Kinder des Priesters" von Vinco Bresan. Er ist wahrlich kein Unbekannter in Cottbus, 1997 gewann der Kroate hier den Hauptpreis für seine Tragi-Groteske "Wie der Krieg auf meine Insel kam". Seinem Stil ist er treu geblieben, dieser unnachahmlichen Mischung aus Komik und Tragik. In seinem neuen Film will ein Priester der sinkenden Geburtenrate auf seiner idyllischen Ferieninsel wieder aufhelfen, indem er Kondome unauffällig perforiert. Was als ausgelassene Komödie beginnt, wird zunehmend düsterer und bitterer. Vor allem aber entlarvt der Film eine bigotte Doppelmoral, die nicht nur auf dieser Insel Menschen in den Wahnsinn treibt.

Einer der stärksten Filme zum diesjährigen Roma-Schwerpunkt des Festivals kommt aus Polen: "Papusza". Er erzählt in erlesen schönen schwarz-weißen Bildern vom Leben der Dichterin Papusza, die als erste Roma ihre Gedichte veröffentlichte. Die Kritik rühmte die natürliche Kraft, das Authentische ihrer Dichtung, aber die Lyrikerin wurde aus der eigenen Gemeinschaft angefeindet, weil sie Roma-Geheimnisse an die weiße Gesellschaft verraten habe. Der einfühlsame Wettbewerbsfilm von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze führt uns nicht nur das harte Leben von Papusza vor Augen, er erinnert auch eindringlich an die Diskriminierung und grausame Verfolgung der Roma im 20. Jahrhundert.

Roma-Musik auf der Leinwand und im Club

Ein vorurteilsfreier Blick auf die Lage der Sinti und Roma in Osteuropa wird bei diesem Festival durch viele Filme möglich, im Fokus "Lasst uns hinschauen!", der sich jenseits der Klischees und gefälliger Folklore bewegt, auch weil hier Arbeiten aus der Gemeinschaft selbst zu sehen sind, Spielfilme, Dokumentationen und Magazinbeiträge. Mitglieder der "International Romani Film Commission", einer weltweit agierenden Lobbyorganisation der Roma-Filmemacher, werden nach Cottbus reisen, über ihre Arbeit berichten und ihre Filme zeigen.

Mit Hari Stojka kommt einer der berühmtesten Roma-Musiker der Welt nach Cottbus, um den Film "Gypsy Spirit: Harri Stojka – Eine Reise" zu präsentieren.  Der Österreicher begab sich auf die Suche nach den Wurzeln seiner Kunst. Er reiste nach Indien, wo er die Ursprünge der Roma-Musik vermutet. In diesem sehr lebendigen Film, der erfreulicherweise viel Raum für mitreißendes Musizieren lässt, werden wir Zeugen vieler Begegnungen von Stojka mit seinen indischen Kollegen. Wir erleben gemeinsame Konzerte, immer sind es respektvolle Treffen von Meistern, die sich und uns viel über das Wesen ihrer Kunst zu sagen haben: Und am Freitagabend spielt Stojka dann live in Cottbus, im Festivalclub Scandale.

Regisseur Rolf Peter Kahl (re.) und Knut Elstermann beim RadioEins Berlinale Nighttalk (Quelle: imago)
Regisseur R.P. Kahl im Gespräch mit Knut Elstermann

Neue Sektion mit sorbischen Filmen

Aber nicht nur Minderheiten im Ausland werden bei diesem Festival beleuchtet. Eine neue Sektion spiegelt das sorbische Filmschaffen in Deutschland, erzählt von Heimat und Verlust, etwa durch Abbaggerungen, ein Thema, das auch in den Vorjahren beim Filmfestival Cottbus immer wichtiger wurden. Der bekannte Berliner Regisseur und Schauspieler R.P. Kahl, der in Cottbus geboren wurde, zeigt in der Reihe "Specials: Heimat/ Domownja"  seinen Dokumentarfilm "Elsbeth Maschke in Crashland" als deutsche Uraufführung. Kahls Familie lebt in Drekbau und dessen Umgebung, er erzählt von seiner Großmutter und den direkten Auswirkungen Braunkohleabbaus. R.P. Kahl und die Schauspielerin Laura Tonke, mit der er dieses Projekt verwirklicht hat, werden nach Cottbus kommen.

Es gibt viele Gründe, diese sechs Tage in Cottbus zu erleben, neben dem exzellenten Spiel- und Kurzfilmwettbewerb sind es die Kinderprogramme, Konzerte, Partys, die spannende Retrospektive über Kindheit im gesellschaftlichen Wandel, Ausstellungen und Lesungen. Vor allem aber ist es diese einzigartige Stimmung, die während des Festivals in der gastfreundlichen Stadt herrscht, diese spürbare Herzlichkeit, Offenheit, diese Lust auf filmische Entdeckungen, die man nur in Cottbus machen kann.

Beitrag von Knut Elstermann

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