
"Geraubte Mitte" Berlins - "Mich und meine Familie besser verstehen"
Viele Grundstücke und Gebäude in der alten Mitte Berlins gehörten einst jüdischen Bürgern: Schöne Geschäfts- und Wohnhäuser, die zwischen Rotem Rathaus und Spree liegen. Doch die Nationalsozialisten nahmen den Berliner Juden ihren Besitz. Die Ausstellung "Geraubte Mitte" im Berliner Stadtmuseum zeigt noch bis Januar das Berlin von damals. Sie lockt neugierige Nachfahren der ehemaligen Eigentümer nach Berlin. Sylvia Tiegs hat eine von ihnen getroffen.
Dass von den 1.200 vorhandenen Grundstücken im historischen Stadtkern Berlins mindestens 225 in jüdischem Besitz gewesen sind, ist kaum bekannt. Schöne Geschäfts- und Wohnhäuser, die zwischen Rotem Rathaus und Spree liegen, wurden ab 1933 von den Nationalsozialisten einfach beschlagnahmt. Die Ausstellung "Geraube Mitte", die das Berliner Stadtmuseum bis zum 19.01.2014 zeigt, dokumentiert anhand der Verfolgungsgeschichten fünf jüdischer Familien den staatlichen Raubzug. Eine davon ist Familie Gadiel, die Vorfahrern der Amerikanerin Karey Solomon.

Tausende Kilometer, um die Familie kennenzulernen
Im dunklen Wollmantel, die rechte Hand auf einen Stock gestützt, steht die Amerikanerin Karey Solomon hinter der Eingangstür: Klein und rundlich, ungeschminkt, graue Haare bis zu den Schultern. Sie strahlt, obwohl sie eine ziemlich strapaziöse Reise hinter sich hat. Von ihrem kleinen Dorf im US-Bundesstaat New York hierher nach Berlin-Mitte – Start nahe New York, dann Detroit und Paris als Zwischenlandungen. Die 63-Jährige ist die Tausende von Kilometern gerne gereist. Sie will hier ihrem Berliner Urgroßvater nachspüren und ist ziemlich aufgeregt. Ihr Wunsch ist es, die Geschichte ihrer Familie herauszufinden. Viel weiß sie nicht darüber, erzählt Solomon. Die Ursachen dafür liegen in der Nazi-Zeit.
Ihr Urgroßvater Leopold Gadiel war Jude und in den 1930er Jahren einer der erfolgreichsten Textilhändler Berlins. Bis Adolf Hitler 1933 an die Macht kommt und das neue Reich alle Kraft daran setzt, die deutschen Juden "aus der Volksgemeinschaft auszuschließen" - wie es damals in der Nazi-Sprache hieß. Der Kaufmann Leopold Gadiel erkannte die Gefahr und flüchtete noch im Jahr 1933. Nach und nach folgten ihm weitere Teile der Familie und ließen sich später nieder in Belgien, England, Israel, Südafrika, Australien und in den USA. Eine Berliner Familie - zersprengt in buchstäblich alle Welt.
Verlorenes Erbe
Zurück blieben die Immobilien. Gadiel besaß mehrere Häuser, genau gegenüber dem Roten Rathaus in der Königstraße, wie die Rathausstraße damals hieß. Der Historiker Benedikt Goebel hat das Schicksal der Familie erforscht. Auf historischen Fotos zeigt er, wo die Gebäude lagen.
Drei miteinander verbundene Häuser waren es, Gadiels Warenhaus hieß "Handlung für große Größen". Damen betraten das Gebäude im mittleren Teil des Warenhauses, über vier Stockwerke konnten sie Textilien kaufen, erzählt Goebel.
Solomon staunt über die Dimensionen und bedauert, dass heute davon nichts mehr da ist. Geschäft und Wohnhaus ihres Ur-Großvaters wurden im Krieg zerstört oder zu DDR-Zeiten abgerissen. Für die Nachfahren blieb durch die Flucht auch an Fotos kaum etwas übrig. Nur Kleidung und etwas Geld nahm die Familie mit auf ihre "Reise": "Sie taten ja so, als würden sie nur in den Urlaub fahren".

Kein Wort über das "Geschäft für große Größen"
Die Flucht hat die ganze Familie traumatisiert, erzählt Solomon - bis weit nach dem Krieg. Von der alten Heimat wurde nicht mehr gesprochen, Urgroßvaters "Geschäft für große Größen" nie erwähnt. Solomon wurde zwar Ende der 90er Jahre vom wiedervereinigten Deutschland entschädigt, für die Enteignung und den Verlust des Grundstücks in Berlin-Mitte - doch dass ihr Urgroßvater ein Textil-Kaufhaus führte, erfuhr sie erst durch die Recherchen des Historikers Benedikt Goebel. Gerührt blickt die US-Bürgerin auf die alten Fotos. Ohne es zu wissen hat sie das Erbe ihres Berliner Urgroßvaters in Amerika fortgeführt. "Ich habe auch einen Laden, verkaufe Wolle und Garn."

Auch Benedikt Goebel ist berührt davon, wozu seine Nachforschungen geführt haben. Er kennt wie kaum ein Zweiter die Geschichte des alten Berliner Stadtkerns - und hat zuletzt mit einem Kollegen die Enteignungen der jüdischen Grundeigentümer in Mitte erforscht. Dazu kontaktierte Goebel auch die Nachfahren der Beraubten. Viele kamen daraufhin nach Berlin, reisten aus der ganzen Welt an so wie Karey Solomon. Ihre Reise habe ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Groß- und Urgroßeltern kennenzulernen und "meine Familie und mich besser zu verstehen", meint Solomon.
Für die Nachkommen geht die Suche weiter
Noch ist Solomons Reise in die Vergangenheit nicht zu Ende. Seit einiger Zeit hat sie Kontakt zu einem Cousin zweiten Grades, der sogar noch den Berliner Namen Gadiel trägt. Er lebt in Australien und ist im Besitz alter Filmaufnahmen der Familie aus den 30er Jahren. Solomon wird sich diese Filme in Berlin ansehen können und darauf zum ersten Mal ihren Urgroßvater erblicken. "Er sah ein bisschen aus wie Winston Churchill", lacht der Historiker, der die Filme bereits kennt. Für diesen Anblick hat sich der Weg hierher schon jetzt gelohnt: "Absolutly", bekräftigt Solomon.






