Antje Kruska (li) und Judith Keil - Quelle: indifilm.de

Dokumentarfilm "Land in Sicht" - Wenn Welten aufeinander treffen

Wie soll man als Flüchtling ohne gesicherten Aufenthalt ein neues Leben in Deutschland beginnen? Welche Hindernisse und Zweifel lauern auf dem Weg? Antje Kruska und Judith Keil gehen diesen Fragen in ihrem Dokumentarfilm "Land in Sicht" nach, der vom rbb mit produziert wurde. Über Idee und Entstehung sprachen die Filmemacherinnen mit rbb online.

Farid Sahimi aus dem Iran, Brian Ngopan aus Kamerun und Abdul Nasser Jarada aus dem Jemen. Gelandet in Brandenburg, genauer: in Bad Belzig im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Alle drei hoffen auf die Chance, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können. Die Aussicht darauf ist ungewiss, denn ihr Aufenthaltsstatus ist nicht gesichert. Trotzdem gehen sie schon mal los und suchen dieses neue Leben - tatkräftig unterstützt von der Sozialarbeiterin Rose Dittfurth.

Begleitet werden sie dabei von der Kamera: Antje Kruska und Judith Keil erzählen die Geschichte der drei Flüchtlinge in ihrem Dokumentarfilm "Land in Sicht“, der vom rbb mit produziert wurde. Die beiden Filmemacherinnen drehten ein Jahr lang in Bad Belzig, Werder und Berlin, filmten ihre Protagonisten auf ihrer Suche nach dem Eingang in die deutsche Gesellschaft.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen?

Keil: Wir hatten bereits einen 15-minütigen Film im Rahmen des rbb-Projekts "20x Brandenburg" gemacht, und uns dafür ein Asylbewerberheim ausgesucht. Mit dieser Thematik ist man ja in den Medien viel konfrontiert, die Orte sucht man für gewöhnlich aber nicht auf - zumal die in Brandenburg oft auch sehr abgeschieden sind. Das war dann auch genau so ein Heim, ein alter Plattenbau in Garzau. Entstanden ist eine Momentaufnahme mit einem sehr charismatischen Protagonisten, aber es war klar, dass sich allein in diesem Heim viel mehr Geschichten finden lassen. Und da haben wir – zum Glück mit dem rbb im Rücken –  entschieden, das Projekt in einem Langfilm zu vertiefen.

Warum sind Sie mit diesem Projekt dann in Bad Belzig gelandet?

Kruska: Wir haben uns - außer in Garzau - in vielen Heimen umgeschaut, waren in Henningsdorf, in Luckenwalde, in verschiedensten Orten in Brandenburg. Und haben teilweise ziemlich triste, beklemmende Orte vorgefunden. Da gab es kein Zentrum, wo man mal hätte anklopfen können. Das war in Bad Belzig anders. Da sind die Büros des Sozialarbeiter-Teams und des Heimleiters in dem Heim, so dass sie auch täglich für die Bewohner ansprechbar sind. Das ist nicht überall so. In dem Flüchtlingsheim in Garzau zum Beispiel war eine Frau, die hatte ein sieben Tage altes Baby, und sie hat dann uns gefragt,  wo es einen Arzt gibt, wo sie das Baby vorstellen kann. Da dachte ich: Manche Leute sind schon sehr, sehr alleingelassen.

Warum ist unter den Protagonisten in Ihrem Film keine Frau?

Keil:  Es gab viele tolle, charismatische Frauen, die wir gern mit einbezogen hätten. Aber sie wollten ihr Gesicht nicht vor der Kamera zeigen. Sie waren alle aus irgendeiner Unterdrückung geflohen, viele mit Gewalterfahrungen, und hatten extreme Angst, dass sie gefunden werden. Außerdem waren sie alle noch im Asylverfahren, und da war immer die große Sorge, man könnte vielleicht irgendwas Falsches sagen, das sich negativ auf das Verfahren auswirkt. Und dann haben wir nicht weiter insistiert, sondern gesagt: OK, wir haben jetzt drei tolle Protagonisten, und außerdem eine weibliche Kraft in dem Film, das ist die Rose, die macht auch mit und gibt das ihre darein.

Man erfährt recht wenig über die Hintergründe Ihrer Protagonisten... ist das Absicht?

Kruska: Uns war es wichtig, dass der Hintergrund nicht so ein Übergewicht bekommt, damit der Zuschauer nicht sagt: Na, also der hat ja eigentlich gar nicht so große Probleme gehabt, der muss ja keinen Aufenthalt bekommen, aber der, meine Güte, was der erfahren hat, der muss natürlich bleiben. Diese Wertung wollten wir vermeiden, wir wollten die Protagonisten nicht in so ein Rennen schicken. Deshalb haben wir versucht,  die Hintergründe nur zu umreißen. Wir wollten ja zeigen, wie es ist, wenn sie hier sind: Wie fühlt man sich hier, wie geht man als Fremder in dieses Deutschland, also erst mal in diesen kleinen Ort Bad Belzig, und was hat man da für Begegnungen? Dass wir zum Beispiel solche Szenen bekommen wie die in dem Fitnessstudio oder dieses Stadtfest.

Szene aus dem Film

Wie ist Ihr Eindruck - wie kommen die Flüchtlinge bei der Bevölkerung in Bad Belzig an?

Kruska: Grundsätzlich ganz gut. Klar, nicht alle haben da enge Freundschaften. Aber die meisten Flüchtlinge bewegen sich sehr frei und sind präsent im Stadtbild. Wir haben tatsächlich keine Anfeindungen direkt miterlebt, haben aber Geschichten gehört, gerade von den Sozialarbeitern. Die haben natürlich im Laufe der Jahre einiges erlebt, und es gibt wohl auch eine kleine rechte Szene, der wir aber nicht begegnet sind.   

Rose hat aber auch tolle Sachen organisiert, sie hat zum Beispiel die örtliche Polizei mit Flüchtlingen zusammengebracht. Und hat damit einen Austausch geschaffen, wo die Flüchtlinge erzählen konnten warum sie Angst haben, oder was sie erschreckt.

Hatten Sie Probleme mit Drehgenehmigungen bei den Behörden? 

Keil: Bei der Ausländerbehörde ging absolut nichts. Wir haben während der gesamten Drehzeit, also länger als ein Jahr, immer wieder versucht, da reinzukommen. Weil wir es wichtig fanden, die Ausländerbehörde mit im Film zu haben, die ja eine große Rolle spielt im Leben aller Asylbewerber: als Machtinstanz oder Angstobjekt, und natürlich auch Hoffnungsträger.  Aber sie haben bei allen Protagonisten immer Argumente gefunden, warum die jetzt nicht gedreht werden dürfen. Auch die  Redakteure vom rbb haben sich nochmal bemüht, aber es ging nicht.

Beim Arbeitsamt hat es ja offenbar geklappt.

Kruska: Das hatte auch einen irren Vorlauf, aber hat am Ende doch geklappt. Wir mussten eine Sachbearbeiterin oder einen Sachbearbeiter finden, der sich drehen lässt. Und dann hat sich netterweise Frau Hartung bereit erklärt. Als sich dann herausstellte, dass es mit Abdul ein etwas komplizierterer Fall sein würde, wäre sie fast noch ausgestiegen, da mussten wir noch Überzeugungsarbeit leisten. Ich fand es toll, dass sie mitgemacht hat, und dass sie dann auch so hinter dem Film stand, dass sie nach Leipzig (zum Dokumentarfilm-Festival) mitgereist ist, um ihn mit zu präsentieren.

Ihr Film behandelt ein ernstes Thema, hat aber auch eine ganze Reihe komischer Momente. Wie funktioniert diese Gratwanderung?

Keil: Es ist bei unseren Filmen grundsätzlich wichtig, dass sie einen Humor haben. Dass sie emotionale Kurven machen. Dass man auch mal mitleidet mit den Leuten und berührt ist, und dann auch mal lacht. Das sind alles Momente, in denen man eine Verbindung mit dem Protagonisten eingeht. Bei diesem Film war es uns grundsätzlich wichtig, dass wir aus dieser Betroffenheitsfalle rauskommen: Das sind die Opfer, und dann darf man gar nicht mal locker den Menschen betrachten, sondern man muss sie immer durch diese Brille „problematische Situation“ sehen. Das kann einem eine Begegnung auf Augenhöhe verbauen. Gleichzeitig ist es dann im Schnitt ein schwieriges Austarieren, denn es kann ja  nicht darum gehen, sich lustig zu machen über die Leute, oder den Ernst der Lage zu verlieren.

Trailer: "Land in Sicht"

 

Sind Sie Ihren Protagonisten nahegekommen?

Kruska: Ja klar. Bei Farid haben das auf jeden Fall mit durchlitten, dass er depressiv geworden ist durch dieses Warten. Brian hat sich uns dagegen trotz seiner Situation immer als starker und souveräner Mensch präsentiert. Er hat auch einen ganz starken Glauben, das gibt ihm viel Kraft und hält ihn aufrecht. Und bei Abdul haben wir uns manchmal ganz schön verstrickt, für den haben wir viel gemacht, und manchmal haben wir uns auch furchtbar geärgert. Natürlich sind wir da sehr emotional. Aber grundsätzlich ist es bei diesem Film nicht anders als bei denen, die wir davor gemacht haben: Dass wir und unsere Protagonisten eine Zeit lang  im Leben des jeweils anderen eine größere Rolle spielen, dass das dann aber auch wieder abklingt. Am Ende bleibt so eine Vertrautheit, wie man sie mit vielleicht einer Tante oder einem Onkel hat.

Hat sich Ihr Blick auf die Flüchtlingspolitik verändert?

Keil: Wir haben natürlich viel mehr Einblicke bekommen. Dass  im Leben unserer Protagonisten die größte Qual das lange Warten ist und dieses „auf Eis gelegt“ sein. Das macht die Leute total mürbe, und da fühlen die sich dann auch vergessen. Da dachten wir oft, es wäre gut, wenn es eine überschaubare, begrenzte Zeit gäbe. Wenn sie wüssten: Innerhalb eines halben Jahres weiß ich Bescheid. Solange richte ich mich hier ein und weiß, es ist eine Übergangsphase.

Kruska: Diese Leute haben eine unglaubliche Initiativbereitschaft , einen starken Motor oder Grund, ihre Heimat zu verlassen. Und dann werden sie komplett ausgebremst, kriegen knappe Antworten, die sie nicht verstehen, und werden so gar nicht als Mensch oder Gast wahrgenommen oder willkommen geheißen. Auch dieses „nicht Deutsch lernen dürfen“ ... dass es in Bad Belzig ehrenamtliche Lehrer und Lehrerinnen gibt, die Deutschkurse anbieten, sogar im Heim, ist ja die Ausnahme. In Garzau, wo wir den vorigen Film gedreht haben, war so etwas weit entfernt. Das tut weh, wenn man das so hautnah mitbekommt. Ohne dass wir für uns jemals formulieren konnten, was die Lösung der ganzen Geschichte ist. Aber man sollte versuchen, es menschlicher zu gestalten.

Das Gespräch führte Nele Haring

Hintergrund

  • Wie viele Flüchtlinge leben in Brandenburg?

  • Wie wird die Unterbringung der Flüchtlinge organisiert?

  • Wo sind die Flüchtlinge untergebracht?

  • Welche weiteren Heime sind geplant?

  • Für welchen Personenkreis gilt die Residenzpflicht?

  • Dürfen die Flüchtlinge arbeiten?

  • Wer trägt die Kosten für die Flüchtlinge?

  • Was sagen Anwohner zu den geplanten Heimen?

  • Wie viele Asylbewerber kommen 2014 zusätzlich nach Brandenburg?

  • Wie werden die Flüchtlinge auf die Bundesländer verteilt?

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