
Streit um mögliches NS-Raubgut - Expertenempfehlung zu Berliner Welfenschatz vertagt
Goldschmiedearbeiten, Reliquien, beschlagene Truhen: Mit dem Welfenschatz beherbergt das Berliner Kunstgewerbemuseum eine unschätzbare Sammlung. Doch die Erben jüdischer Kunsthändler fordern ihn seit Jahren zurück. Ist der 1935 verkaufte Welfenschatz NS-Raubkunst oder nicht? Darüber beriet am Mittwoch eine Expertenkommission, kam aber noch zu keinem Ergebnis.
Die Zukunft des Berliner Welfenschatzes ist weiter offen. Die von der ehemaligen Berliner Justizsenatorin Jutta Limbach geleitete Kommission zur NS-Raubkunst will sich erst später zur Forderung nach Rückgabe der Goldreliquien äußern. Das Gremium habe am Mittwoch in Berlin Vertreter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Erben von vier jüdischen Kunsthändlern gehört, sagte eine Sprecherin der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste am Mittwoch in Magdeburg. Mit einer Empfehlung zum Umgang mit dem Schatz sei erst in einigen Wochen zu rechnen.
Die Kommission soll seit Jahren immer wieder Konflikte über NS-Raubkunst schlichten - so auch im Fall des Welfenschatzes.
Konkret soll die Limbach-Kommission die Frage klären, ob der Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Welfenschatz nun zu Recht gehört oder nicht. Die Händler hatten die Goldreliquien aus dem Mittelalter 1935 dem preußischen Staat verkauft. Beim Streit geht es um die Frage, ob das Händlerkonsortium den Schatz frei verkaufte oder dabei von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt wurde.
Seit rund fünf Jahren schlägt sich die Stiftung schon mit dieser heiklen Frage herum - seitdem die Erben jüdischer Kunsthändler den Welfenschatz zurückfordern. Die Sammlung soll heute knapp 400 Millionen Euro wert sein, schätzen Experten.
Welfenschatz ging 1935 in den Besitz des preußischen Staates
Der Welfenschatz wurde für den Braunschweiger Dom zusammengetragen. Die Goldschmiedearbeiten aus dem 11. bis 15. Jahrhundert kamen 1671 in Besitz des Welfenhauses, des ältesten Adelsgeschlechts Europas. Jüdische Kunsthändler hatten den Welfenschatz dann 1929 für 7,5 Millionen Reichsmark der Welfen-Dynastie abgekauft. Die Adelsfamilie musste die Sammlung damals wegen akuter Geldnot abstoßen.
Die Kunsthändler machten sich nun daran, die wertvollen Kulturgüter weiter zu verkaufen. Durch die Weltwirtschaftskrise war das aber schwierig und so hatten sie bis 1931 erst 40 der insgesamt 82 Exponate an Private oder auch Museen in den USA verkauft.
Nach Angaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gab es nach 1933 mit dem Staat Preußen nur noch einen Kaufinteressenten für den zweiten, noch nicht veräußerten Teil des Welfenschatzes. Nach schwierigen Verkaufsverhandlungen erwarb 1935 der preußische Staat diesen Teil für 4,25 Millionen Reichsmark. Insgesamt hatten die Händler mit ihrem Verkauf somit ein Minus von rund 10 Prozent gemacht.
Stiftung: "Kaufpreis angemessen"
Aus Sicht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz handelt es sich bei diesem Geschäft nicht um einen Fall von NS-Raubkunst. Die Händler hätten einen fairen Preis erzielt und danach über den Betrag von 4,25 Millionen Reichsmark frei verfügen können, was Dokumente belegen würden, sagt die Stiftung. Außerdem habe sich der Welfenschatz seit 1930 in Amsterdam befunden, also im zumindest damals noch sicheren Ausland. Oder wie es die Stiftung formuliert: "Der Welfenschatz war zum Zeitpunkt seines Verkaufs nicht dem Zugriff des deutschen Staates ausgesetzt."
Die Händler selbst wohnten auch nicht mehr alle in Deutschland. Als der Kaufpreis gezahlt war, seien die 42 Teile des Schatzes Zug um Zug nach Berlin gekommen. Als dann 1957 die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegründet wurde, ging der Welfenschatz in ihren Besitz über.
Kein 'normales Geschäft' unter Gleichen
Die Nachfahren von Zacharias Max Hackenbroch, Isaac Rosenbaum, Saemy Rosenberg und Julius Goldschmidt argumentieren dagegen, die Kunsthändler seien nach 1933 wie alle Juden in Deutschland eingeschüchtert und entrechtet worden. Nach Dokumenten aus dem Archiv der Dresdner Bank, die als Vermittlerin bei dem Deal auftrat, habe der preußische Staat die schwierige Finanzlage der Händler ausgenutzt, um den Preis zu drücken.
Der Berliner Kunstrechtsexperte Peter Raue sieht den Welfenschatz hingegen nicht als Restitutionsfall an. Raue glaubt nicht, dass die Limbach-Kommission die Rückgabe empfehlen werde: "Der Schatz war nicht in Deutschland und der Erwerb ist mit freiem Handel durchgeführt worden", sagte Raue am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur.
Raue, der auch Vorsitzender des Vereins der Freunde der Nationalgalerie in Berlin ist, sprach angesichts der aktuellen Rückgabe-Forderungen von "starkem Tobak". Aus seiner Sicht habe sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bislang stets "mustergültig" verhalten, wenn es um Restitutionsansprüche gegangen sei.
Vertreten werden die Erben der Händler heute vom Marburger Rechtsanwalt Markus H. Stötzel und seinem New Yorker Kollegen Mel Urbach. "Der damalige Verkauf war kein 'normales Geschäft' unter Gleichen, sondern eine erzwungene, manipulierte und machtmissbräuchliche Transaktion, initiiert von Hermann Göring und dem NS-Staat", sagte Stötzel im vergangenen Jahr.
Die Anwälte verwiesen unter anderem auf den Einsatz von "Strohmännern" und das Engagement von Reichsmarschall Göring, um den Preis zu drücken. "Es handelt sich um einen klaren Fall von Machtmissbrauch - David gegen Goliath, der NS-Staat selbst gegen verfolgte Juden", so Rechtsanwalt Stötzel. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hingegen erklärte, dass es gar keine Dokumente gäbe, die die Beteiligung Görings an dem Geschäft belegen.

Entscheidung wird mit großer Spannung erwartet
Da es seit 2008 keine Lösung in dem Streit gibt, haben die Anwälte der Erben die Limbach-Kommission angerufen. Die Kommission beschäftigt sich seit 2003 mit Fragen der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz. Grundlage dafür ist die "Washingtoner Erklärung" von 1998, nach der sich die Bundesrepublik verpflichtet hatte, bei NS-Kunstraub nach "fairen und gerechten Lösungen" zu suchen.
In die Diskussion um den Welfenschatz hatte sich Ende 2013 sogar Israels Kulturministerin Limor Livnat eingemischt. Sie hatte einen Brief an Kulturstaatsminister Bernd Neumann geschrieben. Darin hob sie die große Bedeutung des Themas "für das israelische Volk allgemein und die Holocaust-Überlebenden im besonderen" hervor.
Ungeachtet des politschen Willens muss die Kommission jetzt klären, ob das Händlerkonsortium damals den Welfenschatz freiwillig an den preußischen Staat verkaufte oder ob es dabei von den Nationalsozialisten unter Druck gesetzt wurde. Die Entscheidung der Kommission wird mit großer Spannung erwartet. Doch es ist noch völlig offen, ob die Limbach-Kommission am Mittwoch überhaupt schon eine Empfehlung abgibt.



