Fotoausstellung "Wände und Wende" - Wie es war und wie es ist

Es waren beinahe Ruinen: Die Häuser, die Klaus Bädicker in den 80er Jahren im Auftrag der Stadt in Berlin-Mitte fotografierte, waren oft marode Altbauten mit bröckelnden Stuckfassaden und Außentoiletten. Heute stehen an ihrer Stelle kernsanierte Wohnpaläste, bunt, schick und teuer. Klaus Bädicker hat den Wandel immer wieder dokumentiert. Bis 3. Mai zeigt die Volkshochschule Mitte Bädickers eindrucksvolle Schwarz-Weiß-Fotografien. Anja Goerz hat mit ihm über die Ausstellung gesprochen.

Wie geht es Ihnen denn, wenn Sie die Fotos jetzt sehen, die Sie in den 80ern gemacht haben – sind Sie verblüfft über die Veränderungen?

Ich bin immer wieder nachdenklich. Ich frage mich, warum das so kommen musste, warum das Existierende nicht erhalten werden konnte. Menschen mit Mut und Willen, etwas zu verändern, waren ja vorhanden. Nur die ökonomischen Mittel, wie wir jetzt wissen, haben nicht funktioniert.

Können Sie sich noch an konkrete Situationen erinnern, an Menschen, die Sie getroffen haben?

Immer, wenn ich ein Foto in die Hand nehme, ist es, als ob das Bild erst gestern entstanden wäre. Das geht mir bei jedem Bild so. Ich habe das wirklich fast bis auf die Sekunde genau im Hinterkopf.

Gibt es eine Geschichte, die Ihnen besonders im Kopf geblieben ist?

Es gibt zwei, drei prägnante Häuser, wo es entweder besonders traurig war oder besonders erfreulich. Zwei davon liegen sogar ziemlich dicht beieinander. Das eine war in der Joachimstaler Straße 5, leider durch in der DDR noch gesprengt worden - ein Haus, das mit Sicherheit aus dem Ende des 17., Anfang 18. Jahrhunderts stammte. Da steht heute ein Betonkasten. Und gleich schräg gegenüber ist die erste Blindenschule Deutschlands, in der Gipsstraße 11. Die hat der zuständige Baubetrieb damals in der DDR ruiniert, heute ist sie aber tadellos saniert.

Ihr Ziel war unter anderem, den Menschen, die nach 1990 dahin gezogen sind, zu zeigen wie es früher war. Wie reagieren denn Leute, die jetzt dahinkommen, Neu-Berliner, auf die von Häusern, in denen sie vielleicht selbst wohnen?

Immer mit relativ viel Erstaunen. Sie glauben oft nicht, dass die Gegend mal ganz anders ausgesehen hat, sehr viel grauer, nicht so cremig und pastellig wie heute. Es war ein völlig anderes Stadtbild: nicht so hip, wenig Geschäfte, kaum Verkehr. Auf den Fotos sieht man immer draußen wenig Autos, dafür aber Mülltonnen stehen – das wäre heute undenkbar.

Zum Teil kann man die Orte auf Ihren Bildern im direkten Vergleich sehen. Sind Sie für diese Spiegelungen noch einmal an all die alten Orte zurückgegangen?

Diese Vergleiche habe ich sowieso immer gezogen. Von 500 wichtigsten Orten, die ich irgendwann einmal als Auftragsarbeiten aufgenommen habe, war immer ein Vorher-Nachher geplant. 2011 bin ich außerdem noch einmal losgezogen und habe wirklich Haus für Haus abgeklappert und aus dem Gedächtnis heraus die Aufnahme wiederholt, damit ich den Vergleich habe. Das ist natürlich besonders faszinierend, weil man gleichzeitig sehen kann, so war es und so ist es.

Haben Sie ein Lieblingsfoto?

Ja, die Joachimstaler Straße 5. Dann gibt es noch ein paar, wo Menschen drauf sind, ich habe zum Beispiel in der Schendelgasse mal einen alten Mann fotografiert, Mitte der 80er Jahre, das ist eines meiner besten Fotos geworden.

Gibt es eine besondere Botschaft, die Sie mit Ihren Bildern vermitteln wollen?

Na mindestens die, dass man ohne Vergangenheit nicht leben kann. Das sage ich auch meinen Kindern immer: Erinnert euch daran, was euch die Alten erzählen, hört mal zu. Werdet mit Auge und Ohr aufmerksamer auf das, was gewesen ist. Das hat nichts mit Nostalgie oder alberner Rückbesinnung zu tun, sondern generell mit beobachten und die Augen überall offen haben. Das ist mir wichtig.

Das Gespräch führte Anja Goerz für Radioeins.

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