
20. Jüdisches Filmfestival in Berlin und Potsdam - Mehr als Holocaust und Schläfenlöckchen
Juden sind reich, Juden sind clever und Juden sind besonders religiös - das sind laut Festival-Leiterin Nicola Galliner die gängigen Vorurteile. Vielleicht lautet gerade deshalb das Motto des diesjährigen Jüdischen Filmfestivals in Berlin und Potsdam "Achtung gläubig - 20 Jahre Filme ohne Klischees". Im Mittelpunkt stehen bei der 20. Ausgabe Filme aus und über Polen.
Die 20. Ausgabe des Jüdischen Filmfestivals ist am Sonntag mit der Deutschland-Premiere von "Fading Gigolo" gestartet, dem neuen Film von John Turturro - eine schräge Komödie, in der ein Callboy eine chassidische Gemeinde in Aufruhr versetzt. "In dem Film spielt Turturro auch die Hauptrolle. Er kommt auch nach Potsdam zur Premiere. Ich kann mir eigentlich kaum ein besseres Geschenk zum 20. Jubiläum vorstellen", sagt Festivalleiterin Nicola Galliner. In John Turturros Spielfilm gehören Sharon Stone, Woody Allen und Vanessa Paradis zur prominenten Besetzung.
Nach der Premiere im Potsdamer Hans-Otto-Theater werden bis zum 13. April insgesamt 27 Filme und sechs Kurzfilme von jüdischen Filmemachern gezeigt. Neben dem Potsdamer Thalia Programmkino sind in Berlin das Eiszeit Kino, Kino Arsenal, Filmkunst 66 und das Kino Neues Off als Festival-Spielstätten beteiligt.
Stark verankerte Klischees
Dass die hartnäckigen Klischees über Juden und jüdisches Leben die Filme- und Festival-Macher auch heute noch umtreibt, zeigt nicht nur die Werbung für das Event: Mit den Slogans "Achtung Gläubig", "Achtung Reich" und "Achtung Schlau" wirbt das Jüdische Filmfestival für seine 20. Auflage. "Wir spielen ein bisschen mit den Klischees. Die Leute denken, die Juden sind reich, sie sind clever und sie sind religiös. Aber das trifft nicht immer zu", sagt Galliner.

Wie stark diese Klischees verankert sind, merken die Festival-Macher selbst. Zum Beispiel beim Thema Geld: "Dieses Klischee merken wir ganz oft, wenn gesagt wird: Also, es kann doch nicht so schwer sein, für so ein jüdisches Filmfestival das Geld zusammen zu bekommen, da gibt es doch genug", erzählt Geschäftsführerin Silke Azoulai. Mit einem Budget von knapp 200.000 Euro sei das Festival in diesem Jahr jedoch am untersten Rand seiner Möglichkeiten, so Azoulai. Ein Teil der Gelder - nämlich rund 24.000 Euro - kommen aus Lottomitteln vom Land Brandenburg.
Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) begleitet das Festival erstmals mit einem Beirat. Auch ihn ärgern diese Vorurteile. "Wir haben nicht nur das Holocaust-Klischee im Kopf, sondern denken auch immer an Jerusalem, wo die Strenggläubigen mit ihren Löckchen sitzen und die Heiligen Schriften lesen. Das ist unser Bild von Juden. Wenn man jedoch einmal in Tel Aviv war, weiß man, dass Israel ein total verrücktes und buntes Land ist", so Platzeck.
Jüdische Filmen aus und über Polen
Das Festival hat inzwischen einen festen Platz im Filmkalender von Berlin und Potsdam und gilt als Adresse für spannende Spielfilme und Dokumentationen aus der ganzen Welt. In diesem Jahr liegt einer der Schwerpunkte auf jüdischen Filmen aus und über Polen. Dazu zählt auch die Doku "We are here" von Francine Zuckerman, die am 8. April im Berliner Kino Arsenal zu Gast sein wird.
Die polnisch-kanadische Regisseurin Zuckerman widmet sich in ihrem Film der Frage, wie man seine jüdische Identität in einem Land lebt, von dessen einst drei Millionen Juden über 90 Prozent im Holocaust ermordet wurden? Sie folgt fünf jüdisch-polnischen Protagonisten zwischen 20 bis Ende 90 Jahren in Polen. Darunter ist die Optimistin Ania, die Burlesque tanzt und Postergirl einer Kampagne zur Wiederbelebung des Judentums ist. "Wenn Du dein Jüdischsein lebst, verleugnest du deine polnische Seite. Das muss nicht sein, du kannst beides sein, 200 Prozent sozusagen", sagt Ania im Film. Doch Zuckerman zeigt auch andere Erfahrungen: Leslaw, der meint, schwul sein sei in Polen schick, Jude sein aber ein Stigma. Oder Leslaws Mutter, die ihr Jüdischsein bis zu ihrem Tod verbergen will.
Der rabenschwarze Humor darf nicht fehlen
Ein weiterer Film mit Polen-Bezug ist "Aftermath" von Regisseur Wladyslaw Pasikowski, der das Pogrom von Jedwabne im Juli 1941 zum Thema hat, bei dem die Bauern eines Dorfes alle jüdischen Mitbewohner verbrannten. In dem Spielfilm kehrt Franciszek auf den elterlichen Hof zurück, wo nur noch sein Bruder lebt, der vom Rest des Dorfes angefeindet wird. Grund sind die jüdischen Grabsteine im Dorf, die überall im Dorf verbaut sind - als Türschwellen und Straßenbefestigung. Doch viel dringender für die Brüder ist die Frage: Wenn es überall im Dorf Grabsteine gibt, wo sind dann die Leichen?
Neben den Dokus und Spielfilmen mit Holocaust-Thematik fehlt aber auch nicht der "typisch jüdische", rabenschwarze Humor. In diese Kategorie fällt der israelische Thriller "Big bad wolves", den Kult-Regisseur Quentin Tarantino bereits als besten Film des vergangenen Jahres bezeichnet haben soll. Darin nimmt der Vater eines Mädchens, das grausam ermordet wurde, den vermeintlichen Mörder gefangen und foltert ihn in seinem Keller.
Festival-Besucher stimmen über Publikumspreis ab
Gezeigt werden zudem zahlreiche Filme junger israelischer Filmemacher, die in Berlin leben und neue Impulse in die deutsche Filmlandschaft bringen. Dazu zählen der Streifen "Anderswo", Spielfilmdebüt der aus Israel stammenden Regisseurin Esther Amrami, und "Schnee von gestern", mit dem sich die Filmemacherin Yeal Reuveny auf eine Spurensuche zu ihren jüdischen Wurzeln und der Geschichte ihrer Familie begibt. "Schnee von gestern" hat abseits vom Festival seinen Kinostart in Deutschland am 10. April.
Preise gibt es beim Jüdischen Filmfestival übrigens auch zu gewinnen: Den Preis für den besten Israelischen Film, einen Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm mit jüdischer Thematik und den Publikumspreis, über den alle Festival-Besucher abstimmen können. Die Preise sind insgesamt mit 7.000 Euro dotiert und der 1999 verstorbenen Berliner "Kinolegende" Gerhard Klein gewidmet.
Mit Informationen von Kirsten Dietrich und Dieter Schneider



