Der Kameramann Michael Ballhaus im kulturradio-Studio; Foto: Carsten Kampf

Kameramann Michael Ballhaus stellt seine Biografie vor - Besessen von Farbe, Licht und Bewegung

Als er als junger Mann dem Regisseur Max Ophüls bei dessen Film "Lola Montez" assistieren darf, beschließt Michael Ballhaus Kameramann zu werden - der Beginn einer großen Karriere, die ihn in engen Kontakt zu den ganz Großen des Filmgeschäfts bringen sollte. Im Buch "Bilder im Kopf" erzählt er jetzt erstmals die Geschichte seines Lebens. Im Gespräch mit Kulturradio-Moderator Peter Claus spricht Ballhaus über seine Arbeit und seine Faszination für Licht und Farbe.

Herr Ballhaus, Ihr Buch heißt "Bilder im Kopf" – von den vielen Filmen, die Sie gedreht haben, welches Bild fällt Ihnen als Erstes ein?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten – ich habe so viele Bilder im Kopf, so viele Sachen gemacht. Vielleicht ist es das erste Bild, was ich mit Rainer Werner Fassbinder gedreht habe, bei "Whity". Es war eine Totale, die wir in Almería gedreht haben, in einem verlassenen Westerndorf. Es war eine Totale von dem Dorf mit einem Schwenk auf den Saloon. Das war sehr eindrucksvoll, das erste, was ich da gesehen habe.

Schwenks, Bewegungen, kreisende Aufnahmen sind ein Markenzeichen von Ihnen, Sie lieben die bewegte Kamera.

Ja, das tue ich. Die Vorliebe für diese Kreisfahrt ist bei dem Film "Martha" entstanden. Das war ein besonderer Moment, und diese Kreisfahrt hat sich dann in meiner Karriere ja auch fortgesetzt.

Sie sind ein Kameramann, der dafür berühmt ist, dass er die Frauen so schön aussehen lässt, wie sie in der Realität selten aussehen. Wie machen Sie das?

Es ist Teil meines Jobs, dass die so schön aussehen. Zum anderen ist es natürlich auch Job des Maskenbildners, der ein bisschen mit dazu beiträgt – alles kann ich nicht machen. Aber ich kann mit Licht und mit Filtern eine Menge tun und was ich nicht machen kann, das macht der Maskenbildner.

Eine der Frauen, die Sie vor der Kamera hatten, war Michelle Pfeiffer, vor einem Vierteljahrhundert in "Die fabelhaften Baker Boys". Diese berühmt-berüchtigte Szene, in der sie im roten Kleid lasziv auf einem Flügel liegt. Was war das Besondere dieser Aufnahme?

Es war eine besondere Szene und ich habe schon beim Lesen des Drehbuchs gesagt, das ist der Moment, in dem wir um sie herumfahren müssen. Das ist einfach der Höhepunkt ihrer Karriere und es ist auch ein Höhepunkt in diesem Film. Dann habe ich das dem Regisseur, Steven Kloves, vorgeschlagen und er war sofort begeistert. Bei diesem Film konnte ich sowieso alles machen, was ich wollte und dann haben wir das natürlich probiert. Sie wurde choreographiert und wir haben das auch mit der kleinen Videokamera ein paar Mal probiert. Dann haben wir es gedreht und es war eine große Freude. Ich hab darauf bestanden, dass ich das selber schwenke, obwohl ich auch einen Schwenker hatte, aber das konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Michelle Pfeiffer ist eine großartige Schauspielerin – konnten Sie beide eine besondere Beziehung aufbauen?

Natürlich tut man das, vor allem, weil ich mich sehr darum gekümmert habe, dass sie mal anders aussieht als in den Filmen, die sie vorher gemacht hat. Wir haben mit Make-up und Licht eine Menge gemacht und das bedeutet dann auch, dass sie Vertrauen hat, weil sie weiß, dass sie mal einen anderen Look bekommt als den, den sie hatte.

Legendär ist auch Ihre Beziehung zu Rainer Werner Fassbinder. Sie haben viele Filme für ihn fotografiert, mit ihm erarbeitet. In einem Interview in der ZEIT konnten wir gerade lesen, dass er sie wahnsinnig gern ins Bett gezogen hätte, da haben Sie aber nicht mitgespielt – haben Sie das je bedauert?

Oh nein (lacht). Wirklich nicht! Sorry, ich bin nicht schwul.

Was war das für eine Beziehung, er hat Sie Sonja genannt?

Wir hatten alle Mädchennamen im Team von Fassbinder.

War Ihnen das nicht unangenehm?

Nein. Wenn einem das unangenehm gewesen wäre, dann hätte man gar nicht damit anfangen müssen, mit diesem Mann zu arbeiten.

War es ein spielerisches Arbeiten für Sie oder eher eine große Anstrengung?

Es war beides. Es konnte spielerisch sein, es konnte später, als wir uns dann etwas mehr kennengelernt hatten, auch Freude machen. Bei Filmen wie "Welt am Draht" waren wir ziemlich synchron und das war gut, das hat Freude gemacht, das sieht man diesem kleinen – oder großen – Fernsehfilm heute noch an. Und es gab Momente, in denen es grauenhaft war, in denen man eigentlich aussteigen wollte.

Kameramann Michael Ballhaus Foto:snapshot-photography
Michael Ballhaus mit seiner Frau Sherry Hormann auf der Berlinale. Die beiden arbeiten auch zusammen.

Ihre zweite Frau, Sherry Hormann, ist Regisseurin. Findet dann, wenn Sie zum Beispiel einen komplizierten Film wie "3096 Tage" drehen, einen Film über den Fall Natascha Kampusch, auch im Privatleben Auseinandersetzung über die Arbeit statt oder können Sie das trennen?

Das können wir nicht trennen, das wollen wir da auch gar nicht trennen. Ich wollte den Film erst gar nicht machen, ich habe mir gesagt, mein Gott, der arme Kameramann, der das drehen muss in einem Raum, der sieben Quadratmeter groß ist. Was fällt einem denn da noch an Bildern ein? Aber dann war es so, dass der Produzent Sherry gefragt hat, wer denn ihr Kameramann sei und sie sagte, das weiß ich noch nicht. Also meinte er, frag doch mal deinen Mann. Wir haben das dann lange diskutiert und uns dann entschlossen, dass wir das zusammen machen. Und es ging ausgezeichnet. Ich habe von Anfang an gesagt, sie ist der Boss und ich mache das, was sie möchte - so wie ich das mit anderen Regisseuren auch gemacht habe.

Können Sie sich leicht unterordnen?

Ja, ich kann mich leicht unterordnen, sonst hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, mit autoritären Regisseuren wie Martin Scorsese oder Fassbinder zu arbeiten. Man ordnet sich unter, wenn man das Gefühl hat, dass der andere besser ist. Und da ich nur Kameramann bin und nicht Regisseur, ist der Regisseur für mich immer die letzte Instanz.

Ein anderer ganz großer Regisseur soll prägend für Sie gewesen sein, Max Ophüls. Beim Film "Lola Montez" in den 50er Jahren konnten Sie als ganz junger Mensch zuschauen bei den Dreharbeiten.

Das war der Moment, in dem ich kapiert habe, was für einen Beruf ich ergreifen möchte. Ich hatte fotografiert, ich hatte sehr viel Theater erlebt und für mich war das die Vereinigung von Theater und Bilder machen. Und die Bilder haben sich bewegt. Das wusste ich, das ist es, was ich machen möchte.

Und die Bilder haben ihren Charakter gerade in "Lola Montez" durch die Farbe und das Licht bekommen. Sind Sie von Farbe und Licht besessen?

Ich bin von Farbe, Licht und von Bewegung besessen.

Das Gespräch führte Peter Claus für Kulturradio.