Schöneberg feiert 750 jähriges Jubiläum - Schwule Cafés und Westberlins letzter Kuhstall
Schöneberg gilt unter Berlinern und in allen Reiseführern als Schwulen-Mekka. Doch wie seine Geschichte zeigt, hat der freigeistige Bezirk viel mehr zu bieten: revolutionäres Theater, Industriedenkmäler und hohe Weltpolitik. Anlässlich seines 750. Geburtstags zeigt eine neue Fotoausstellung die bewegte Geschichte Schönebergs.
Bis ins Jahr 2000 gab es Schöneberg noch als eigenständigen Bezirk, doch infolge der Verwaltungsreform wurde es mit seinem östlichen Nachbarn zusammengelegt. Seitdem ist Tempelhof-Schöneberg mit mehr als 330.000 Einwohnern der zweitgrösste Bezirk Berlins. Und trotz der Fusion hat sich Schöneberg seinen eigenen Charakter erhalten - freigeistig und immer offen für Veränderungen.

Jetzt feiert der Bezirk sein 750-jähriges Jubiläum - mit einer historischen Ausstellung im Haus am Kleistpark. Mit dabei sind Aufnahmen des Berliner Fotografen André Kirchner, für den der Charme des Bezirks in seiner Gegensätzlichkeit besteht: "Schöneberg ist auf jeden Fall städtisch genug, um ein Großstadtgefühl zu transportieren und trotzdem so vertraut, dass man wirklich ein Heimatgefühl entwickeln kann", so Kirchner.
Eine Hommage an die Alltagshelden
Heimat bot Schöneberg für bekannte Persönlichkeiten zuhauf: Albert Einstein lebte 15 Jahre lang im Bayerischen Viertel, die Schriftstellerin Nelly Sachs wuchs in Schöneberg auf und auch Musiker David Bowie verbrachte hier seine Berliner Jahre.
Doch die neue Ausstellung übergeht die großen Stars und Sternchen und widmet sich den Alltagshelden, die die Stadt geprägt haben: Straßenbauer, Hausbesetzer und Hinterhof-Bauern. Mit insgesamt mehr als 160 Bildern aus Schöneberg und dem angrenzenden Friedenau von 1875 bis heute will "Kurt am Wittenbergplatz" die Geschichte und Entwicklung des Stadtteils nachzeichnen.

Namensgeber für die Schau ist ein realer "Kurt": Ein Aufnahme von 1906 zeigt einen Jungen grinsend vor einem Baum. Auf dem Foto steht "Kurt am Wittenbergplatz", der Fotograf ist unbekannt. Diese und andere anonyme Fotografen sind neben Bildern namhafter Fotografen wie Bernd und Ute Eickemeyer und Jürgen Henschel in der Ausstellung vertreten. Ergänzt werden sie durch Filmmaterial Neuprints und Postkarten, die aus dem Landesarchiv Berlin und dem Archiv der Museen Tempelhof-Schöneberg stammen.
Kiez mit harten Brüchen
Vor 750 Jahren wurde Schöneberg erstmalig erwähnt: 1264 war von der "Villa Sconenberch" die Rede, später von einer Stadt, schließlich einem Stadtbezirk und später einem Stadtteil.
Zu Schöneberg gehören neben seinen Menschen heute viele unterschiedliche Baudenkmäler wie der Gasometer, der Seite an Seite mit nüchternen Zweckbauten in der Torgauer Straße steht und unter anderem für Günter Jauchs Polit-Talkshow nachgenutzt wird. Oder das Schöneberger Rathaus, vor dessen Türen Weltpolitik gemacht wurde. Der einstige US-Präsident John F. Kennedy sprach 1963 hier seinen berühmten Satz: "Ich bin ein Berliner."
Und dabei war Schöneberg vor 100 Jahren noch ein Dorf, in dem Schöneberger Bauern durch Landverkäufe reich geworden sind. "Als Schöneberg zur Stadt wurde, haben die Bauern hier ihre einzelnen Villen hingestellt. Manche von den Villen sind noch da, weshalb hier noch so viele Lücken sind", erzählt André Kirchner, den die harten Brüche in seinem Kiez interessieren.
Einer der ältesten schwulen Bezirke Deutschlands
Auch Aufnahmen vom Beginn der Protestbewegung 1967 zeigt die Ausstellung - Schöneberger Geschichten, die eine ganze Gesellschaft verändert haben. In den 1980er Jahren prägten Hausbesetzer die Wohnlandschaft. Hausbesetzer in Schöneberg? Ja, die gab es. Einer von ihnen war André Kirchner. ""Neben unserem besetzten Haus war der letzte verbliebene Kuhstall in West-Berlin", erinnert sich Kirchner. Mit bizarren Gegensätzen kam Schöneberg schon immer spielend klar.
Heute ist von Hinterhof-Bauern nicht mehr viel zu sehen. Das schwule Leben mit seinen Clubs, Bars, Shops und Cafés rund um den Nollendorfplatz und die Motzstraße prägen den Stadtteil. "Dadurch, dass Schöneberg einer der ältesten schwulen Bezirke Deutschlands ist, ist er auf der einen Seite natürlich gewachsen, auf der anderen Seite aber auch sehr fest gewachsen", urteilt der Schöneberger und Modedesigner Peter Papenberg.
Und trotzdem kommen viele schwule Touristen vor allem aufgrund der ausgeprägten Szene nach Schöneberg. Und seines besonderen Charmes: Freigeistig, vielfältig und trotzdem traditionell.
Mit Informationen von Petra Dorrmann


