
Vorwurf: Gedenken an die Toten entwertet - Stolpersteine jetzt auch für Überlebende
Am Ku'damm erinnern jetzt auch Stolpersteine an die jüdische Familie Grünberg, die den Holocaust überlebte. Die Stolperstein-Initiative will damit nicht mehr nur an Todesopfer der NS-Zeit erinnern. Dies gilt als Paradigmenwechsel im Gedenken an die Verfolgten des dritten Reichs, aber nicht allen gefällt das. Kritik kommt wegen einer "Inflationierung des Gedenkens" aus der Stolperstein-Initiative selbst.
Ab sofort sind am Berliner Kurfürstendamm 174 drei Stolpersteine in den Gehweg eingelassen. Sie erinnern an die jüdische Familie Grünberg, die 1933 vor den Nazis floh und sich schließlich in Chile niederließ. Bisher wurden die Steine ausschließlich vor ehemaligen Wohnhäusern von Menschen angebracht, die von den Nazis ermordet wurden.

Stolperstein-Erfinder und Künstler Gunter Demnig versenkte die goldfarbenen Steine in Charlottenburg, weil die Grünbergs einer jahrelangen Odysee ausgesetzt waren, ehe sie sich im November 1939 in Chile sicher niederlassen konnten.
Ehemalige Nachbarn nicht vergessen
Der Vater Hans Max, der seine Anwaltskanzlei am Ku'damm betrieb, dessen Frau Käte und ihre zweijährige Tochter Ruth Clara flohen 1933 über Belgien, Spanien, die Schweiz und Italien.
Bei der Verlegung der Steine sagte der Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf Rainhard Naumann (SPD), dass die ehemaligen Nachbarn nicht vergessen sind. 50 Schüler der Klassen 4 bis 6 der nahegelegenen Heinz-Galinski-Schule sangen anschließend Lieder und trugen Gedichte vor.
Stolperstein-Erfinder droht mit Ausstieg aus dem Projekt
Nach einem Bericht der "Berliner Zeitung" stößt das Verlegen der Stolpersteine für Überlebende auch auf Kritik. Der Chef der Initiative selbst in Charlottenburg-Wilmersdorf, Helmut Lölhöffel, sagte dem Blatt "Es gibt Hinterbliebene, die sagen, das Gedenken werde entwertet, wenn man auch die Überlebenden mit reinnimmt". Der Einzelfall dokumentiere zwar das frühere jüdische Leben am Ku'damm und sei daher berechtigt. Mehr Überlebende sollten es aber nicht werden. Mitstreiter warnten vor einer "Inflationierung des Gedenkens", so Lölhöffel, der ehemaliger Senatssprecher ist.
Gunter Demnig als Kopf der Stolperstein-Initiative kann die Kritik nicht nachvollziehen. Er ist sogar "stinksauer auf die konservativen und provinziellen Berliner". Die Stolpersteine seien seine Idee, so Demnig weiter: "Wenn man das Projekt nicht erweitert, mache ich Schluss".


