
Volker Schlöndorff zum 75. Geburtstag - "Eine Wurstfabrik muss es nicht werden"
Für Volker Schlöndorff war Film immer etwas Besonderes. Er wehrte sich vehement gegen die TV-Verwurstung von Filmen, war widerspenstig und unbequem in seiner Branche. Heute sieht er sich längst nicht mehr als Mitglied der A-Liga der Regisseure. Ein Zwischenbericht zum 75. Von Alexander Soyez
Es ist ein gutes Kinojahr für Volker Schlöndorff, um 75 zu werden. Er war mit zwei Filmen auf der Berlinale vertreten – mit seinem wieder freigegebenen Frühwerk "Baal" mit Reiner Werner Fassbinder in der Hauptrolle von 1970 sowie mit seinem neuesten Film "Diplomatie".
"Man ändert sich ja in 44 Jahren", so Volker Schlöndorff. "’Baal’ ist ein Film aus einer anderen Zeit meines Lebens. Vielleicht war er mein Geniestreich oder doch nur eine Jugendsünde. Es war vor allem ein Film, der von der Energie Rainer Werner Fassbinders gelebt hat und von der Energie von Margarete von Trotta, die ich dabei kennengelernt und später geheiratet habe. Aber insgesamt war das natürlich ein Experiment."
"Baal", der quasi den Startpunkt in Schöndorffs Schaffen markiert, steht dabei mit "Diplomatie", dem jüngsten Werk, in einer seltsamen Verbindung - einer Art wunderbarer Klammer seines Schaffens als Filmemacher und seines Lebens. "Und auf der anderen Seite steht dieser deutsch-französische Ausflug in die Vergangenheit des zweiten Weltkriegs, der auch die Frage in den Raum stellt: Was wäre passiert, wenn die Nazis Paris in die Luft gejagt hätten? - Dann wäre ich wahrscheinlich nie nach Frankreich gekommen, um französisch zu lernen und unter Umständen auch nie Regisseur geworden."
Bei Louis Malle im Frankreich der 50er Jahre
Dann wäre Schlöndorff in den 60er und 70er Jahren in Deutschland nicht mit Literaturverfilmungen wie "Der junge Törless", "Michael Kohlhaas – Der Rebell" oder "Die verlorene Ehe der Katharina Blum" berühmt geworden, dann hätte er nach seinem Oscar-Gewinn für "Die Blechtrommel" nicht mit internationalen Stars wie Jeremy Irons in "Die Liebe von Swann", mit Dustin Hoffman in der preisgekrönten Arthur Miller-Verfilmung "Der Tod eines Handlungsreisenden" oder mit Sam Shepard in "Homo Faber" gearbeitet, und dann hätte er nicht 2008 mit seiner Autobiografie "Licht, Schatten und Bewegung" auf sein bewegtes Leben und seine zwar nicht immer erfolgreichen, aber in jedem Fall spannenden Filmprojekte zurückschauen können.
Nach Frankreich kam Schlöndorff Mitte der 50er Jahre und in der Schule in Paris saß der in Hessen geborene Arztsohn auf einmal neben Bertrand Tavernier und unterhielt sich mit ihm wahrscheinlich schon damals über Filme. Schlöndorff studierte dann zwar zunächst Jura bis zum Staatsexamen, aber vor allem folgte er seiner Leidenschaft für Filme und arbeitete als Assistent von Größen wie Louis Malle, Jean-Pierre Melville oder dem kürzlich verstorbenen Alain Resnais. Diese Wanderjahre in Frankreich waren sicher die entscheidende Zeit meines Lebens, erinnert sich Schlöndorff: "Zwischen 15 und 25 da gewesen zu sein, zur Zeit der Nouvelle Vague, war eine mehr als prägende Erfahrung. Ich war unbekümmert. Ich hatte ja noch keine Verantwortung. Ich war immer nur Assistent, hatte aber auf der anderen Seite das Privileg, dazuzugehören. Das hat meinen Glauben an den Film so gefestigt, dass ihn nichts erschüttern kann."
Ein Euro für die Filmstudios Babelsberg
Dieser Glaube machte ihn zu einer Art deutsch-französischen Filmemacher, der später für die Franzosen das Studio Babelsberg führte (bevor es für einen Euro verkauft wurde), zum Oscargewinner für "Die Blechtrommel", der nur eine Zeitlang in Amerika arbeiten konnte und zum politischen Künstler im deutschen Herbst. Bis heute wird Schlöndorff mit seinen großen Literaturverfilmungen verbunden. Bernd Eichingers Constantin-Film machte ihn zum kunstpolitischen Verfechter des Kinos, feuerte ihn aus seinem eigenen Projekt "Die Päpstin", weil er sich gegen die "TV-Verwurstung" von Filmen aussprach.
"Ich habe ja nichts gegen die Traumfabrik, aber eine Wurstfabrik muss es nicht werden. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Filmgeschichte. Und davon habe ich mich persönlich getroffen gefühlt. Das geht auch zurück auf meine Anfänge in Frankreich. Film war fast Religion und Filme zu machen, das war als würde man einer Bruderschaft beitreten. Da gibt es eine Latte, die sehr hoch liegt nach über 100 Jahren Filmgeschichte. Und so etwas kippt man nicht einfach über Bord, weil man Filme leichter finanzieren kann, wenn man sie gleichzeitig auch als TV-Mehrteiler plant."
"Ich spiele nicht mehr in der A-Liga"
Zum Filmpolitiker und Geschäftsmann wird Schlöndorff allerdings nur, wenn es sein muss, wenn es der größeren Sache dient. Ansonsten ist er lieber nur der Kunst, der Literatur und dem Film verpflichtet – und fühlt sich dort mittlerweile am wohlsten. "Ich habe Glück gehabt. Ich habe ja auch viele Fehlschläge eingesteckt. Mit den Filmen, und auch mit anderen Sachen. Hier in Babelsberg zu leben und vielleicht kleinere Filme zu machen, wie in den letzten Jahren – wobei da sehr gute dabei sind – war für mich in gewisser Weise auch eine Bodenlandung im langen Ausritt meiner Karriere. Ich hatte auch manchmal das Gefühl, dass ich da nicht mehr im Galopp durch die Welt stürme."
Was sein eigenes Werk anbelangt, ist Schlöndorff ganz und gar geerdet - niemand, der sich und der Welt noch Wesentliches zu beweisen hätte. "In Sachen 'internationaler Karriere’ oder Filmwirtschaft spiele ich nicht mehr in der A-Liga, aber es macht auch so Spaß, auf dem Platz herum zu bolzen und ich fühle mich ganz wohl in dieser Position. Die ganz großen Ansprüche sind vielleicht vorbei, aber umso unbeschwerter kann man weiter arbeiten."



