Rolltreppen im ICC mit Neonlichtern und Fallblattanzeiger (Bild Sebastian Schöbel-Matthey)

Architekturexpertin fordert Denkmalstatus für ICC - "Berlin würde etwas verlieren"

Das ICC hat am Sonntag vorerst seine Tore für die Öffentlichkeit geschlossen. Nach 35 Jahren gehen damit im größten Kongresszentrum Europas die Lichter aus. Die Zukunft des riesigen Gebäudes ist ungewiss. Die Vorsitzende des Landesdenkmalrates, Kerstin Wittmann-Englert, fordert im Interview mit rbb-online, das ICC unter Denkmalschutz zu stellen.

Frau Wittmann-Englert, es gibt vermutlich nicht wenige Menschen in Berlin, die nicht traurig wären, wenn das ICC ab der kommenden Woche für immer geschlossen bliebe – oder gleich ganz abgerissen würde. Umstritten war es seit seiner Eröffnung im Jahre 1979. Sie sehen das jedoch anders?

Ja, ich würde natürlich sagen, dass Berlin etwas verlieren würde: einerseits ein prägnantes städtisches Wahrzeichen, ein wichtiges Zeugnis der Nachkriegsmoderne und - um in der Sprache der Architektur zu bleiben - auch ein Highlight der sogenannten "Hightech-Architektur", die sich an der Technik orientiert. Mit anderen Worten: Berlin verliert ein wesentliches Stück architektonisches Erbe, das bislang zumindest weitgehend authentisch erhalten ist.

Welche Bedeutung hat denn das ICC heute noch in der Welt der Architekturexperten und -fans?

Es hat insofern eine sehr große Bedeutung, dass es zu den wenigen "Gebäudemaschinen" gehört, die aus den 70er Jahren und der ersten Hälfte der 80er Jahre stammen. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang das bekannte Centre Pompidou in Paris, das Versicherungsgebäude Lloyds in London oder das Universitätsklinikum in Aachen. Diese drei Gebäude würde ich in einem Atemzug mit dem ICC nennen. Und das ICC ist das einzige Bauwerk unter ihnen, das nicht unter Denkmalschutz steht. Das Centre Pompidou dagegen ist als nationales Kulturgut unangefochten akzeptiert.

Wobei "Gebäudemaschine" nicht so freundlich klingt.

Ja, das ist immer so eine Frage. Man sagt ja auch "Brutalismus", wenn man an Sichtbeton denkt. Was ich eigentlich meine ist, dass es sich beim ICC um einen Vertreter der großdimensionierten Architektur handelt, bei der die Struktur des Gebäudes und die technikaffinen Elemente hervorgehoben werden. Das heißt: Technologie, die in einem Gebäude steckt, wird durch technische Elemente und konstruktive Details hervorgehoben. Das ICC war – und ist es meiner Meinung nach immer noch - ein markantes und in seiner Zeit bewusst gesetztes Zeichen des Fortschritts, der Modernisierung und der Internationalisierung. Die Frage ist natürlich: Wie stehe ich zur Maschine? Und wir arbeiten doch heute ausschließlich mit Maschinen, die würden wir doch auch nicht alle als negativ betrachten.

Diese sind nur in der Regel schön, schlicht, elegant einfach, wie Tablet-Computer zum Beispiel. Das ICC liegt dagegen wie ein riesiger Riegel in der Landschaft, an dem man vorbei muss.

Aber überlegen Sie mal, wo es liegt: Das ICC ist ein verkehrsorientiertes Gebäude, das über das übliche Maß mit dem Verkehr verbunden ist, eingebunden in ein Netz von Autobahntrassen und Stadtstraßen. Für diejenigen, die von der Avus kommen, ist es kein Riegel, sondern eher ein Stadttor. Was kommt zuerst in Sven Regeners Roman "Der kleine Bruder"? Das ICC, auf das sie zufahren. Das meine ich auch mit Wahrzeichen – und da sind wir noch gar nicht im Inneren angelangt. [lacht]

Das Erdgeschoos und Zwischengeschoss des ICC (Uwe Schramm)
Der Eingangsbereich des ICC mit dem "Boulevard" (Grafik Uwe Schramm)

Dann gehen wir mal rein. Denn während sich wenige Leute mit dem Äußeren des ICC anzufreunden scheinen, sieht das im Inneren anders aus. Denn manch einer mag dann doch die bunten Neonlampen und den Teppich mit Schachtelmuster. Retro-Chic, den heute Hipster wieder kultivieren, wenn auch nur bei Klamotten und Fahrrädern.

Es gibt aber auch ein großes Problem beim ICC. Ich habe mit Verantwortlichen der Messe gesprochen, die meinten, man komme problemlos in das ICC hinein. Aber wenn wir ehrlich sind, stimmt das nicht. Dabei öffnet es einem wirklich die Augen, wenn man mal hineingeht: Das ICC wurde als Gesamtkunstwerk geplant, alles stammt aus der Hand der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Bis zum Kongresssessel, die technisch kleinste Einheit, ist alles aufeinander abgestimmt. Das kann man aber auch als Problem sehen, denn wenn man etwas wegnimmt, dann nimmt man dem gesamten Bau etwas weg.

Welches Konzept haben sich die beiden Architekten denn für das Innenleben des ICC gedacht?

Alles im ICC ist als Einheit gedacht. Sie treten ein und kommen erst einmal auf eine lange Straße. Die Architekten selbst sprachen von einem Boulevard, also einer Prachtstraße. Von diesem Boulevard zweigen Treppen und Rolltreppen ab, vergleichbar mit Querstraßen in Hanglagen. Momentan wird ja viel darüber diskutiert, dass das ICC zu viele Verkehrsflächen und zu wenige Nutzflächen habe. Aber die Verkehrsfläche allein ist auch als Ruhezone mit Sitzgruppen für Pausengespräche gedacht. Es handelt sich also nicht um einen Bau mit viel freiem Raum sondern um einen Bau, der sehr intelligent die Möglichkeit bietet, große Kongresse oder Konzerte zu erleben, aber sich auch zu kleineren Gesprächen zurückzuziehen. Und all das in einer unglaublichen Ästhetik, in der alles aufeinander abgestimmt ist. Und dieser Fortschrittsglaube teilt sich bis in die Details hinein mit.

Die Hauptebene des ICC (Uwe Schramm)
Die Hauptveranstaltungsebene mit demr Brücke zur Messe (Grafik Uwe Schramm)

Manche Leute nenne das ICC auch "Raumschiff".

Genau. Aber nicht ein Raumschiff, dessen Zeit schon vergangen ist. Erlauben Sie, dass ich da noch einen weiteren Bau erwähne: Den Flughafen Tegel. Beide sind für mein Empfinden heute noch Bauwerke, die nicht nur vom damaligen Fortschrittsglauben künden, sondern uns das eigentlich auch heute noch mitteilen.

Aber wenn das ICC ein Gesamtkunstwerk ist, lässt es sich doch eigentlich kaum für eine zukünftige Verwendung anpassen, oder? Wer soll denn unter diesen Umständen dort eine Bibliothek oder Cafés reinbauen, wie es zuletzt im Gespräch war? Da kann man doch keinen einzigen Sessel entfernen.

Das wäre sicherlich die strengste Herangehensweise, der ich - wie Sie sich vorstellen können - auch noch anhänge. [lacht] Aber auch ich bin realistisch. Ich meine, jede spätere Nutzung sollte aus dem Bauwerk heraus entwickelt werden, nicht von außen in das Gebäude hinein. Eines ist das ICC nicht: Eine Multifunktionshalle, aus der man alles herausnimmt und dann überlegt, was wieder hineinkommt. Kulturelle Veranstaltungen, Konzerte, Kongresse, sind seit 35 Jahren bestens für das ICC geeignet. Ich würde immer der Kultur den Vorrang geben.

Eine Bibliothek scheidet für Sie aus?

Ja. Einen Lesesaal gänzlich ohne Tageslicht? Kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen. Heißt aber im Klartext, dass man die ganzen Seitenfronten aufreißen muss. Und damit nehmen Sie dem Bauwerk seinen wesentlichen Charakter.

Die Saalebene des ICC (Uwe Schramm)
Die beiden großen Säle des ICC (Grafik Uwe Schramm)

Sie haben den Denkmalschutz angesprochen. Gab es mal eine Zeit, in der das für das ICC infrage kam?

Heute wäre der Zeitpunkt dafür da. Ob es früher gegangen wäre, weiß ich gar nicht, weil wir ja hier über ein sehr junges Erbe reden, das gerade mal 35 Jahre alt ist. Dass das ICC zu einer historischen Epoche gehört, der Nachkriegsmoderne, sieht so keiner, wir nehmen es als aktuell und modern wahr. Der Denkmalschutz nimmt sich zwar jetzt auch Gebäuden der 60er und 70er Jahre an – aber das ICC ist eben auch ein Politikum.

Inwiefern?

Die Frage ist, ob man sich als Berliner Senat so einen Großbau leisten möchte. Und ich weiß aus Gesprächen, dass es nicht nur darum geht, was wir uns leisten möchten, sondern auch darum, was wir uns leisten können. Aber Ursulina Schüler-Witte hat immer gesagt, dass sich das ICC von Anfang an nicht finanziell getragen hat, denn das musste es auch nicht. Das wurde von diesem Bau auch nicht erwartet. Die Frage, die wir uns ehrlich stellen müssen, lautet: Wollen wir uns diese Architektur-Ikone leisten? Und kann man den Nutzen nur danach berechnen, was das Haus konkret einspielt? Denn Architektur hat auch einen Tourismusfaktor, ein Potential für Stadtmarketing.

Die Messe Berlin hat sich allerdings schon lange vom ICC verabschiedet und setzt auf den City Cube. Können Sie das verstehen?

Das kann ich nicht nachvollziehen, das gebe ich ganz offen zu. Die Deutschlandhalle [heutiger Standort des City Cube – Anm. der Red.] wurde für eine Messehalle abgerissen. Diese mutierte dann - so zumindest meine Wahrnehmung - zu einer Messe- und Kongresshalle und scheint damit das ICC nun überflüssig zu machen. Meines Wissens nach ist der City Cube im Bereich der richtig großen Kongresse weiter hinter dem ICC. Sofern ich über die Homepage richtig informiert bin, ist die Anzahl der Teilnehmer auf 5.000 Personen begrenzt. Das ICC bietet wesentlich mehr Personen in einem Raum Platz, wenn man die Säle 1 und 2 zusammennimmt. Wie viele Kongressbauten gibt es denn in Deutschland, die so ein Fassungsvermögen haben?

Gefällt Ihnen denn der City Cube architektonisch?

Mir gefällt das ICC besser.

Gut, das war zu erwarten. Aber bewerten Sie doch mal den City Cube.

Es ist kein so charaktervolles Gebäude wie das ICC. Und wenn Architektur auch über einen längeren Zeitraum den ästhetischen Ansprüchen standhalten soll, dann ist der City Cube so weit zurückgenommen, dass er nicht diese Wirkung ausstrahlen wird.

Die Plastik Ecbatane vor dem Berliner Funkturm gesäubert (Bild dpa)
Die Plastik "Der Mensch baut seine Stadt" von Jean Ipoustéguy

Gehen wir zum Abschluss noch einmal in das ICC hinein: Wenn Sie nur ein einziges Teil aus dem ICC retten dürften, was wäre das?

Ein Kongresssessel. [lacht] Die sind so umwerfend, dabei achtet da wahrscheinlich sonst niemand drauf. Das war aber eines der wenigen Dinge, die Ralf Schüler mit großer Akribie entwickelt hat. Es sind Sessel, in denen man hervorragend sitzt, und sie haben davor so eine Konsole, die uns zeigt, wie in der damaligen Zeit Technik und vor allem Kommunikation funktionierte. Da sind sogar kleine Aschenbecher und Gegensprechanlagen drin. Das ist in sich ein kleines, technisches Wunderwerk, das man erhalten sollte.

Außerdem schließt meine Vision für die Zukunft des ICC die Plastik "Ein Mensch baut seine Stadt" von Jean Ipoustéguy ein. Die ist heute in den Messehallen eingelagert, stand aber mal vor dem Gebäude. Die würde ich gerne wieder auf der Straße sehen.

Das Interview führte Sebastian Schöbel-Matthey

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