Filmszene aus "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" - Achtung Berlin 2014 (Quelle: achtung berlin 2014)

10 Jahre "Achtung Berlin" - Das filmische Tor zur eigenen Stadt

Filmfestivals gibt es in Berlin wie Sand am Meer. Während die meisten sich aber als Tor zur Welt verstehen und das internationale Kino nach Berlin holen, will das "Achtung Berlin"- Filmfestival es genau andersherum machen: Vom 9. bis 16. April laufen hier nur Filme, die in Berlin produziert worden sind. Das Konzept geht auf, immerhin feiern die Macher in diesem Jahr ihr Zehnjähriges. Von Anna Wollner

Das Herzstück des Festivals, bei dem insgesamt rund 90 Filme gezeigt werden, ist der Wettbewerb: "Made in Berlin" - aufgeteilt in die Sektionen Spielfilm, Dokumentarfilm, Mittellange Filme und Kurzfilm. Die Verbundenheit zur Hauptstadt ist im Titel verankert. Wobei der Eröffnungsfilm "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" ein anderes Festival als Handlungsort hat - die Filmfestspiele in Cannes 2012. Die Regisseurin Isabell Šuba hat hier einen kleinen Rollentausch gemacht. Als sie mit einem Kurzfilm zu den 65. Filmfestspielen an der Croiexette geladen wurde, nahm die Schauspielerin Anne Haug ihre Identität an und Šuba filmte ihr neues Ich beim Festival. Eine eiskalte Beobachtung über das Haifischbecken Filmbusiness und ein filmisches Experiment.

Improvisation und europäisches Arthouse-Kino

Experimentierfreudig sei der ganze Wettbewerb, sagt Festivalleiter Hajo Schäfer. "Die Spielfilme zeugen von einer großen Spiellust der Regisseure und Filmemacherinnen am Improvisieren. Oft gibt es keine Drehbücher, sondern nur ein dramaturgisches Gerüst und Platz für die Schauspieler um sich auszutoben". Was auf dem Papier verkopft klingt, birgt oft eine wunderbare Situationskomik. Wie eben bei "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" oder der tragikomischen Familienaufstellung "Familienfieber" von Nico Sommer. Im Gegensatz dazu stehen Werke wie "Die Geschichte vom Astronauten", Handlungsort Mallorca, oder "Schwarzer Panther", angesiedelt in den Schweizer Alpen, die mit ihrem Look perfekt ins europäische Arthouse-Kino passen. Es sind Filme, die ihren Bildern vertrauen.

Dokumentarfilmwettbewerb mit radikalen Ansätzen

Genau wie der Dokumentarfilm, der per se breiter aufgestellt ist und Berlin und Deutschland oft verlässt um seine Geschichte zu erzählen. Wie etwa "The Visitor" von Katarina Schröter. Es sind zufällige Begegnungen in Mumbai, Shanghai und Sao Paolo, die die Regisseurin hier macht, vom Zufall durch eine Stadt getrieben, immer im Bild. Bei drei ganz unterschiedlichen Protagonisten bleibt sie hängen, lebt mit ihnen. Ein Taxifahrer, der in seinem Auto wohnt, ein Marketingmanager und ein Wanderarbeiter. Es ist ein radikaler Dokumentarfilmansatz.

Filmszene aus "Spirit Berlin" - Achtung Berlin 2014 (Quelle: achtung berlin 2014)
Berlin als spirituelles Zentrum Europas? Der Film "Spirit Berlin" geht dieser Frage nach.

Berlin in der Retrospektive

Berlin pur gibt es in "Spirit Berlin" und "Welcome Goodbye". Der eine Film geht der Frage nach, ob Berlin das spirituelle Zentrum Europas ist, der andere verhandelt die Berliner Touristenflut. Zwei Themen, die dem Publikum in Berlin Mitte am Herzen liegen dürften. Genauso wie der Schwerpunkt der Retrospektive: die eigene Stadt. "Achtung Berlin" schließt mit Filmen wie "Sperrmüll" von Helke Misselwitz, "Nachtgestalten" von Andreas Dresen oder "Berlin – Prenzlauer Berg" von Petra Tschörtner die filmische Lücke zwischen Mauerfall und der Jahrtausendwende.

Kein Festival ohne Stars

Hatte die Berlinale in diesem Jahr ein Schaulaufen mit Stars wie George Clooney und Bill Murray zu bieten, gibt es bei "Achtung Berlin" zwar auch einen roten Teppich, die Stars kommen aber gerne zu Fuß, mit dem Rad und vor allem unangekündigt.

"Das Festival ist wie ein Familientreffen. Wenn einer einen Film macht, kommen die Kollegen auch", lobt Hajo Schäfer die lockere Atmosphäre. Für ihn und sein Team sind die Gäste oft selbst eine Überraschung. "Da ruft dann vorher keiner an und sagt der kommt jetzt, der braucht 'nen Platz. Die kommen einfach. Und dann sitzen die plötzlich einfach so im Publikum neben den normalen Leuten." Das Publikum von "Achtung Berlin" hat keine Berührungsängste. Weder filmisch noch zwischenmenschlich. Autogrammjäger gebe es selten, so Schäfer. Und wenn dann doch mal einer Daniel Brühl oder Lavinia Wilson anspricht, so sei er nur ein Berlinbesucher, der die Spielregeln nicht kenne. In "Welcome Goodbye" kann er die Touristen-Etiquette lernen. Und sich dann im elften Festivaljahr an den Berliner Verhaltenskodex des Understatements halten.

Beitrag von Anna Wollner