Richter hält Anliegen für unbegründet -
Barlach zieht Klage gegen Suhrkamp-Chefin zurück
Im ausufernden Streit um den Suhrkamp-Verlag ist zumindest ein Kapitel abgeschlossen worden: Minderheitsgesellschafter Barlach zog am Dienstag seine Klage gegen Mehrheitsgesellschafterin Unseld-Berkéwicz zurück. Er wollte ihr verbieten lassen, über ihren eigenen Sanierungsplan abzustimmen. Doch der Richter machte ihm wenig Aussicht auf Erfolg.
Im Streit um den in Berlin ansässigen Suhrkamp-Verlag hat Miteigentümer Hans Barlach eine Klage gegen Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz zurückgezogen. Der 58 Jahre alte Medienunternehmer kam damit am Dienstag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt einer drohenden Prozessniederlage zuvor. Über das Ende der Insolvenz für den traditionsreichen Verlag ist aber noch nicht entschieden.
Barlach hatte der Verlagschefin nachträglich verbieten lassen wollen, über ihren eigenen Sanierungsplan für das angeschlagene Unternehmen abzustimmen. In der Berufungsverhandlung machte der Vorsitzende Richter Dietmar Zeitz nun deutlich, dass er Barlachs Anliegen für unbegründet hält. Um einer Niederlage zuvor zu kommen, zog Barlach seinen Antrag daraufhin von sich aus zurück.
Der von Unseld-Berkéwicz vorgelegte Insolvenzplan sieht vor, den Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Barlach, der derzeit 39 Prozent am Unternehmen hält, würde dadurch weitreichende Mitspracherechte verlieren.
Schon im vergangenen Herbst hatte er deshalb versucht, die Familienstiftung von Unseld-Berkéwicz von der Abstimmung über das Konzept ausschließen zu lassen. Das Oberlandesgericht hob jedoch schon damals eine entsprechende Entscheidung des Landgerichts vorläufig auf. Die Verlegerin, die 61 Prozent der Anteile hält, konnte deshalb bei der Gesellschafterversammlung am 22. Oktober mit über den Plan befinden. Er wurde mit klarer Mehrheit angenommen.
Barlachs Anwalt sieht in Konzept "Missbrauch des Insolvenzrechts"
Mit Blick auf diese Entscheidung erklärte Richter Zeitz am Dienstag, Barlachs Anliegen habe sich erledigt, ein nachträglich ausgesprochenes Zustimmungsverbot "ginge ins Leere".
Suhrkamp-Anwalt Hauke Witthohn sagte der Nachrichtenagentur dpa, damit habe das Oberlandesgericht erneut eine für Barlach zunächst positive Entscheidung wieder aufgehoben. Dessen Anwalt sieht dagegen in dem Sanierungskonzept einen "Missbrauch des Insolvenzrechts".
Seit Jahren tobt im Suhrkamp-Verlag ein Machtkampf der Gesellschafter. Unseld-Berkéwicz, Verlagschefin seit 2003, und Barlach haben sich mehrfach verklagt. So wehrt sich Barlach auch in weiteren Verfahren gegen seine Entmachtung. Ende Januar legte er Beschwerde gegen die gerichtliche Genehmigung des Insolvenzplans ein.
Geboren 1951 (nach anderen Angaben 1948) als Ursula Schmidt in Gießen (Hessen), macht dieTochter eines Arztes und einer Schauspielerinzunächst am Theater unter Regisseuren wie August Everding, Claus Peymann und Peter Zadek Karriere.
Später verlegt sie sich auf die Schriftstellerei. Ihr Erzähldebüt "Josef stirbt" (1982) wird viel gelobt. Als Suhrkamp-Autorin lernt sie nach einer ersten Ehe mit dem Regisseur Wilfried Minks den 25 Jahre älteren Verleger Siegfried Unseld kennen.
Dieser verlässt 1985 seine Frau Hilde und heiratet 1990 Berkéwicz. Nach Unselds Tod 2002 brechen im Verlag Machtkämpfe aus. 2003 übernimmt Berkéwicz die Geschäftsführung. 2010 setzt sie gegen viele Widerstände den Umzug des Verlags vom Traditionssitz Frankfurt am Main nach Berlin durch.
Hans Barlach
Barlach wird 1955 in Ratzeburg (Schleswig-Holstein) als Enkel des Bildhauers Ernst Barlach geboren, bricht mit 17 die Schule ab und macht zunächst eine Lehre als chemotechnischer Assistent.
Mit der Gründung mehrerer Galerien betätigt er sich fast 20 Jahre lang im Kunsthandel, daneben auch in Immobilienprojekten.
Nach der gescheiterten Rettung der "Hamburger Rundschau" kauft er von 1999 an nach und nach die angeschlagene "Hamburger Morgenpost", die er zeitweise auch redaktionell leitet.
2004 übernimmt er als Eigentümer und Herausgeber zudem die Fernsehzeitschrift "TV Today". Beide Blätter verkauft er 2006 wieder. Im selben Jahr erwirbt er Anteile am Suhrkamp Verlag - gegen den erklärten Willen von Unseld-Berkéwicz.
1933 - 1950
Auf Drängen von Schriftsteller Herman Hesse gründet Peter Suhrkamp einen Verlag und benannt ihn nach sich selbst - nicht zum ersten Mal.
Suhrkamp war 1933 in den S. Fischer Verlag nach Berlin gerufen worden, taufte ihn drei Jahre später in "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer" um. 1942 wird er von der Gestapo verhaftet, zum Tode verurteilt und in ein Konzentrationslager deportiert. Doch er überlebt.
Nach dem Krieg trennen sich die Verlage, ein Großteil der Autoren wechselt zu Suhrkamp.
1950
Suhrkamp beginnt von vorn mit Werken von Hermann Hesse, Rudolf Alexander Schröder, Hermann Kasack, T.S. Eliot und Bernard Shaw. Und von Bertolt Brecht, der einst schrieb: "Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten."
Die 50er Jahre
Die Reihe "Bibliothek Suhrkamp" wird 1951 ins Leben gerufen, schon bald eine der wichtigsten Buchserien in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie enthält einen Großteil der bedeutenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
1952 tritt Siegfried Unseld in den Verlag ein. 1957 wird er Gesellschafter und 1959, nach dem Tod Peter Suhrkamps, der alleinige Verleger.
Die 60er Jahre
1963 übernimmt Suhrkamp den Insel Verlag. Im selben Jahr wird die Reihe "edition suhrkamp" gegründet. Sie ist die Avantgarde des Suhrkamp-Programms: Literatur und Essays spiegeln die politische Situation in einer sich verändernden Welt.
"Bibliothek Suhrkamp und edition suhrkamp bilden zusammen die wichtigste deutsche Büchersammlung unserer Zeit", schrieb der Germanist Reinhold Grimm.
1969 zieht der Verlag in das Suhrkamp Haus in der Lindenstraße 29-35 in Frankfurt am Main.
Die 70er Jahre
1971 entsteht die Reihe "suhrkamp taschenbuch". Die erfolgreichsten Titel sind mit je über zwei Millionen verkauften Exemplaren Max Frischs "Homo Faber" und "Andorra" sowie Hermann Hesses "Der Steppenwolf" und "Siddhartha" mit je 1,5 Millionen verkauften Exemplaren.
Die Suhrkamp-Werke sind so präsent in den Bücherregalen der Deutschen, dass Kulturkritiker den Begriff "Suhrkamp-Kultur" prägen.
Die 90er Jahre
1990 übernimmt Suhrkamp den Jüdischen Verlag. Acht Jahre später wird die "Suhrkamp BasisBibliothek" ins Leben gerufen. Sie enthält edierte und kommentierte Hauptwerke aller Epochen und Gattungen. Dazu erscheint umfangreiches Material für den Schulunterricht.
Nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld gehen seine Anteile (51 Prozent) an eine Familienstiftung, geleitet von seiner Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz. 20 Prozent des Verlags gehören Unselds Sohn Joachim, der Rest (29 Prozent) dem Schweizer Investor Andreas Reinhart.
Unseld-Berkéwicz übernimmt die Geschäftsführung. Es gibt auf vielen Ebenen Streit um Kompetenzen.
Der Medienunternehmer Hans Barlach kauft den Anteil des Schweizer Investors gemeinsam mit dem Hamburger Investmentbanker Claus Grossner. Das Geschäft wird gegen den Willen der Verlagschefin ausgehandelt.
Joachim Unseld verkauft seine Beteiligung am Verlag. Sein 20-Prozent-Anteil geht zu gleichen Teilen an die Familienstiftung und Barlachs Medienholding.
Suhrkamp verlegt seinen Sitz von Frankfurt/Main nach Berlin.
Barlach verklagt die Geschäftsführung unter anderem, weil sie Firmengelder veruntreut haben soll. Er wirft Unseld-Berkéwicz vor, mit Geld des Verlags in ihrem Privathaus im Berliner Stadtteil Nikolassee Räume für Lesungen und Autoren zu mieten, ohne ihn als Mitgesellschafter zu fragen.
5. Dezember 2012
Die zerstrittenen Gesellschafter verlangen vor einer Handelskammer des Landgerichts Frankfurt/Main, sich gegenseitig auszuschließen. Sollte es dazu nicht kommen, müsse der Verlag aufgelöst werden, verlangt Barlach.
10. Dezember
Ulla Unseld-Berkéwicz wird per Gerichtsbeschluss als Geschäftsführerin des Verlags abberufen. Das Landgericht Berlin setzt damit einen Beschluss der Gesellschafterversammlung vom November 2011 rückwirkend in Kraft. Wegen der Anmietung von Räumen im Privathaus soll sie Schadenersatz an den Verlag zahlen. Sie legt Berufung ein.
17. Dezember
Es wird bekannt, dass der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann nach dem Wunsch der Familienstiftung im Streit vermitteln soll. Barlach lehnt ihn als Mediator aber ab. Suhrkamp zeigt sich trotzdem weiter gesprächsbereit.
30. Dezember
Barlach verlangt für eine Mediation den Rückzug der Familienstiftung aus der Geschäftsführung.
4. Januar 2013
Mehr als 160 Wissenschaftsautoren des Suhrkamp Verlags fordern eine gütliche Lösung im Gesellschafterstreit.
10. Januar
In einem Appell ergreifen mehr als 70 renommierte Autoren Partei für Verlegerin Unseld-Berkéwicz.
13. Februar
Das Landgericht Frankfurt/Main vertagt das Verfahren. Es verweist auf die außergerichtlichen Vermittlungsbemühungen und bestimmt den 25. September als weiteren möglichen Verhandlungstermin.
20. März
Das Landgericht verurteilt die von der Suhrkamp-Chefin geführte Familien-Stiftung zur Zahlung von knapp 2,2 Millionen Euro an Barlach. Es geht um den Bilanzgewinn von 2010 und die Erlöse aus dem Verkauf des Frankfurter Verlagsgebäudes und des Verlagsarchivs.
27. Mai
Der Verlag will seinen Bestand mit einem sogenannten Schutzschirmverfahren sichern. Es soll verhindern, dass der Gewinn an die Anteilseigner ausgeschüttet wird. Barlach kündigt rechtliche Schritte an. Kurz darauf meldet der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag Insolvenz an.
6. August
Das Insolvenzverfahren wird als letzter Akt des Dramas offiziell eröffnet. Damit behält die Geschäftsleitung die volle Kontrolle, ein so genannter Sachwalter übernimt eine Aufsichtsfunktion- bestellt wird er vom Unternehmer. Suhrkamp plant nun, seine Rechtsform in eine Aktiengesellschaft zu ändern.
6. September
Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eröffnet das Insolvenzverfahren. Auf Vorschlag von Unseld-Berkéwicz soll der Verlag von einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Barlach verlöre dadurch weitreichende Mitspracherechte.
10. September
Das Landgericht Frankfurt verbietet der Verlegerin in einer einstweiligen Verfügung, bei der Gläubigerversammlung ihrem eigenen Insolvenzplan zuzustimmen. Das Oberlandesgericht Frankfurt hebt diese Entscheidung im Oktober wieder auf.
26. September
Fast 200 renommierte Suhrkamp-Autoren drohen Barlach mit einem Ausstieg aus dem Verlag, sollte er "maßgeblichen Einfluss" auf das Haus behalten - darunter Sibylle Lewitscharoff, Hans
Magnus Enzensberger, Durs Grünbein und Uwe Tellkamp.
1. Oktober
Eine erste Gläubigerversammlung votiert weitgehend einvernehmlich für die Fortsetzung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung.
12. Oktober
Barlach kündigt an, auf Schadenersatz zu klagen, sollte der Verlag wirklich in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden.
22. Oktober
Eine zweite Gläubigerversammlung nimmt den Sanierungsplan mit klaren Mehrheiten in allen drei Gläubigergruppen an.
13. November
Unseld-Berkéwicz und Barlach scheitern mit dem Versuch, sich gegenseitig als Gesellschafter des Verlags auszuschließen. Das Landgericht Frankfurt weist zwei entsprechende Klagen zurück, stellt jedoch fest, dass beide Seiten erhebliche Treuepflichtverletzungen zum Nachteil des Verlags begangen hätten.
15. Januar
Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg billigt die geplante Umwandlung des Verlags von
einer Kommandit- in eine Aktiengesellschaft. Barlach legt Ende des Monats dagegen Beschwerde ein.
8. April
Barlach zieht seine Klage gegen Unseld-Berkéwicz zurück. Er wollte ihr verbieten, über ihren eigenen Insolvenzplan abzustimmen.