"Malerpoet" Kurt Mühlenhaupt 1996 in seinem Atelier in Berlin (Quelle: dpa)

Ausstellung: "Pulsierendes Leben, pulsierender Tod" - Berliner Malerpoeten in der Kreuzberger Marheinekehalle

Sie waren weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt: die Berliner Malerpoeten, 14 malende Schriftsteller und schreibende Maler. Zu der Gruppe gehörten Günter Grass, Christoph Meckel und Wolfdietrich Schnurre. 40 Jahre nach ihrer Gründung ruft eine Kreuzberger Ausstellung die Zeit der Berliner Bohème in Erinnerung. Von Maria Ossowski.

Grimmig schaut er unter seiner Kochmütze hervor, der kaschubische Schnurrbart ist akkurat gezeichnet und vor ihm liegt ein geköpfter Schwan. Brutal und schön ist das Bild, so wie sein Roman "Der Butt". Beides gehört zusammen, die Zeichnungen und das Buch. Günter Grass war der bekannteste Malerpoet dieser Gruppe, die die Künstlerin Aldona Gustas 1972 in Westberlin ins Leben gerufen hat.

Der Innenraum der Trinitatiskirche in Köln spiegelt sich 2012 in der Verglasung des Bildes "Selbst mit Ratte" aus dem Jahr 1985 von Günter Grass. (Quelle: dpa)
Er ist der wohl berühmteste Malerpoet: Günter Grass

Nur dort konnten die Malerpoeten entstehen, sagt die noch heute strahlend lebendige 82-Jährige: "Westberlin war ja eine Insel. Wir haben alle bis zum heutigen Tage Westberliner Inselhaftes in uns, das merkt man. Dadurch ist vielleicht auch diese Gruppe entstanden. Dieses Schreiben und Malen, dieses Ausbrechen - die Mauer mal verlassen."

Freitags male ich nur Fisch

Sie waren unendlich verschieden, nur die Hochbegabung in beiden Künsten - der bildenden und der schreibenden - hielt sie zusammen. Grass war episch, Schnurre schwierig, Hans Joachim Zeidler unglaublich witzig. "Freitags male ich nur Fisch", erklärt er oder: "Für die meisten Maler gilt das griechische Sprichwort: hat keine Ziege und verkauft doch Käse". Robert Wolfgang Schnell wiederum fürchtete um seine Poesie in den Anthologien. Aldona Gustas erinnert sich lachend: "Ich hatte ja immer wahnsinnige Angst vor Druckfehlern, dass da nicht statt 'Jacke' nachher 'Kacke' steht."

Alles Individualisten und Einzelgänger

Günter Grass drückte das so aus: das Papier muss befleckt, mit harter oder brüchiger Kontur belebt und mit Wörtern besiedelt werden. Aldona Gustas spürte bei ihren Künstlerkollegen die Doppelbegabung auf und holte Oskar Pastior, Wolfdietrich Schnurre, Christoph Meckel, Kurt Mühlenhaupt und einige andere namhafte Künstler in diesen Kreis.

Sie gaben gemeinsam Anthologien heraus, veranstalteten Lesungen sowie Ausstellungen und organisierten sich im Freien Berliner Kunstverein. Sie waren ernsthaft dabei, blieben aber echte Hardcore-Individualisten. Gruppenzwang jeder Art war verpönt: "Sie waren Einzelgänger. Ich habe auch darauf geachtet, dass es kein Gruppenfoto gibt. Das wäre eine Verfälschung", erklärt Aldona Gustas.

Sie lassen sich nicht festnageln

Es gab keine Dogmen für die Malerpoeten. Die harmoniebegabte Aldona Gustas hat jeden einzeln besucht und seinen Auftritt bei der nächsten Ausstellung oder Lesung besprochen. Sie hat die Gruppe in Deutschland und international bekannt gemacht. Mittlerweile sind acht der 14 Mitglieder verstorben. "Pulsierendes Leben, pulsierender Tod" nennt die in Litauen geborene Dichterin deshalb diese feine, bezaubernde Schau im ersten Stock der Marheineke-Markthalle.

Mehr als 20 Jahre nach ihrer letzten gemeinsamen Ausstellung hat sie jetzt hundert Werke zusammengestellt. Duscha Rosen vom Kreuzberger Mühlenhaupt-Museum sagt über die 14 malenden Schriftsteller und schreibenden Maler: "Die lassen sich nicht festnageln. Die sagen, je nachdem was mein Thema ist, was in mir steckt, nehme ich den Stift oder nehme ich den Pinsel. Es ist eigentlich egal, es kommt auf das Sujet und mein Gefühl an."

Einen Gedanken, der nicht zum Bild wird, kann man vergessen, sagte einmal der Maler und Dichter Hans-Joachim Zeidler. Hier nun werden auch Bilder zu Gedanken. Ein Spaziergang durch diese Ausstellung im Herzen des alten Westberlin beflügelt beides: Gedanken und Bilder.

Beitrag von Maria Ossowski