Das Dichterpaar Eva und Erwin Strittmatter (vorn) während einer Lesung im Berliner Schloss Friedrichsfelde (undatiertes Archivfoto von 1980) (Quelle: dpa)

Nachlass in der Akademie der Künste - Einblicke in die "Werkstatt" von Erwin und Eva Strittmatter

Erwin Strittmatter war einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR. Kritisch diskutiert wurde auch immer wieder seine Rolle während des 2. Weltkriegs und seine Tätigkeit als SED-Funktionär. Seit Mittwoch zeigt die Akademie der Künste in Berlin den Nachlass des 1994 verstorbenen Bestsellerautors und seiner Ehefrau Eva, die 2011 verstarb.

Erwin Strittmatter zählte zu den bedeutendsten Schriftstellern der DDR. Nach der Wende wurde bekannt, dass er der Stasi zugearbeitet hat. Außerdem stellte sich posthum heraus, dass er im 2. Weltkrieg Mitglied einer Polizeieinheit war, die ähnliche Aufgaben wie die Waffen-SS zu erfüllen hatte.

Das höchst wechselhafte Leben des deutsch-sorbischen Bestsellerautors lässt sich zukünftig in vielen Facetten in Berlin erforschen: Mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder erwarb die Akademie der Künste das vollständige Archiv des Autors sowie den Nachlass seiner Frau Eva Strittmatter, die als Lyrikerin in der DDR Erfolge feierte und mit ihren Gedichtbänden Rekordverkaufszahlen erzielte.

Das Archiv gibt einen speziellen Einblick in die Besonderheit seines Schaffens: Erwin Strittmatter diktierte Fassungen seiner Romane in ein Mikrofon, schrieb selbst oder ließ diese Aufnahmen dann abschreiben. Literaturwissenschaftler und interessierte Leser können so durch die verschiedenen Fassungen mit Streichungen, Korrekturen und Ergänzungen in die Werkstatt des Schriftstellers schauen.

"Wir haben eigentlich im Nachlass alle Entstehungsstufen, von den Urschriften, vorigem Materialstudium bis hin zu Diktaphon-Aufnahmen", erläutert Sabine Wolf, die Leiterin des Literaturarchivs.

Auch die rund 400 Tagebücher Strittmatters zählen zur Sammlung, die "die wichtigste Quelle (sind), um die Selbstverständigung des Autors, das innere Ringen, zu beobachten - mit seiner Rolle im Krieg wie auch als Funktionär des Schriftstellerverbands", sagt Wolf.

Die andere Seite des Schriftsteller-Monuments

Zu Strittmatters 100. Geburtstag 2012 war durch eine neue Biografie (von Annette Leo) bekannt geworden, dass Strittmatter während des 2. Weltkiregs Angehöriger eines der SS unterstellten Polizeiregiments war, das in Slowenien und Griechenland Kriegsverbrechen verübte. In den 2012 im Aufbau Verlag erschienenen Tagebüchern von 1954-1973 "Aufzeichnungen aus meinem Leben" kommt Strittmatter auf die Kriegszeit immer nur in kurzen Andeutungen zu sprechen.

1947 trat Erwin Strittmatter in die SED ein, der er bis 1990 die Treue hielt, auch wenn er immer wieder auf Distanz zur als "Sekte" empfundenen Partei ging, wie sich aus seinen Tagebüchern herauslesen lässt. Doch er lavierte und taktierte - als Funktionär im Schriftstellerverband, gegenüber den Aufständen am 17. Juni, in Ungarn und der Tschechoslowakei, Abweichlern aus den eigenen Reihen, der Biermann-Ausbürgerung. Im Januar 1990 trat Strittmatter, der bis 1978 einer der Vizepräsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes war, nach 43 Jahren Mitgliedschaft aus der SED aus.

Die Dichterin Eva Strittmatter (dpa-Archivbild vom 12.08.1997)
Eva Strittmatter verstarb 2011

Archiv zu Lebzeiten angelegt

Bereits zu Lebzeiten hatte das Ehepaar Strittmatter auf dem Anwesen im brandenburgischen Bohsdorf ein gut sortiertes Archiv eingerichtet. "Es war also durchaus ein Bewusstsein für den Wert dieser Manuskripte und Hinterlassenschaften da", fasst Wolf zusammen.

Die Dichterin Eva Strittmatter (1930-2011) war die dritte Ehefrau des Autors. Ihr Archiv steht laut Akademie in engem Zusammenhang zum Erwin-Strittmatter-Archiv, sei aber zugleich "literarisch eigenständig".

Der Lyrikerin ist es auch zu verdanken, dass beide Nachlässe vom Archiv der Akademie erworben werden konnten, ergänzt Sabine Wolf. Von Eva Strittmatter sind als wichtigste Archivalien die Manuskripte der zehn Gedichtbände im Archiv, mit denen sie zu Lebzeiten die meistgelesene deutsche Lyrikerin wurde.

Nach dem Tod ihres Mannes, im Jahr 1994, hatte Eva Strittmatter damit begonnen, unveröffentlichte Texte von ihm herauszugeben. Ein besonderes Dokument ihres Wirkens sind auch die unzähligen Briefe an Leser, die sie im Laufe ihres Lebens schrieb und die nur zu einem kleinen Teil abgedruckt wurden.

Mit Informationen von Bernd Dreiocker