David Chipperfield (Bild: imago)
Audio: Inforadio | 27.11.2014 | Barbara Wiegand

Architekt David Chipperfield saniert Neue Nationalgalerie - Mit der Handschrift Mies van der Rohes

Mit "Sticks and Stones" präsentiert Architekt David Chipperfield derzeit die Abschlussausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Ein Wald voller deckenhoher Baumstämme strukturiert den Raum, den Mies van der Rohe säulenlos konzipiert hat. Chipperfield wird die Neue Nationalgalerie im kommenden Jahr sanieren. Wie er Barbara Wiegand im Gespräch verrät, will er dabei ganz im Sinne des Ursprungsarchitekten vorgehen.

Barbara Wiegand: Der Countdown läuft Ende des Jahres schließt die Neue Nationalgalerie  für die dringend notwendige Sanierung, die Sie und ihr Team planen. Vorher aber waren sie eingeladen, die letzte Ausstellung zu gestalten - eine überraschende Installation, die keine Auswahl aus ihren Entwürfen zeigt, sondern  Baumstämme, die unter dem Titel "Sticks and Stones" zum Dach der Neuen Nationalgalerie hinaufwachsen - also der Wald im Mies-van-der-Rohe-Bau zwischen Natur und Moderne. Kann man so die Idee dahinter umschreiben?

David Chipperfield: Unsere Idee war schon eine Ausstellung über Architektur hier zu machen und dabei auf jeden Fall den Mies van der Rohe und seine wirklich bedeutende Architektur einzubeziehen. So wie Mies van der Rohe ja auch Grundwerte und Grundsätze früherer Architekturen einbezogen hat. Also wir wollten jetzt nicht irgendeine Geschichte erzählen, sondern eine, die zu dem Gebäude und dem Erleben dieser Architektur passt.

Und dann kamen noch die Säulen ins Spiel, symbolisiert durch die Baumstämme.  Denn obwohl Mies van der Rohe mit der Neuen Nationalgalerie ein Gebäude geschaffen hat, das ohne Säulen funktioniert, für mich bedeuten Säulen viel. Sie sind nicht nur tragende Elemente, sie stehen im wahrsten Sinne für eine Architektur. Für die Verbindung von oben und unten, Säulen können einen Raum strukturieren, ohne ihn zu zerteilen. Und dadurch dass wir acht Meter hohe Baumstämme verwendet haben, ist es auch ein bisschen so, als stünde man im Wald.

In Berlin geht es nicht bloß darum, was wo gebaut wird. Vielmehr hat alles, was hier steht und was neu entsteht eine große Bedeutung über die bloße Architektur hinaus. Alles atmet Geschichte. Egal, wo Sie gehen und stehen.

David Chipperfield

Manche fragte ja schon - eher ironisch - ob das 1968 erstellte Gebäude so marode sei, dass man es schon mit Baumstämmen abstützen müsse ...

Ja, es geht hier um eine Art natürliche Säulen, die diese Konstruktion symbolisch stützen. Allerdings habe ich es nicht erlebt, dass die Menschen glaubten, das gehöre schon zur Sanierung oder sei eine Notmaßnahme. Was ich aber erlebt habe - und das finde ich auch ziemlich lustig -, dass manche Besucher gefragt haben, wo denn nun eigentlich die Ausstellung ist? Die haben dann, inmitten der Baumstämme stehend festgestellt, dass es eben keine Ausstellung im klassischen Sinne ist. Eher eine Intervention. Und ich habe festgestellt - die Leute mögen diese Art von Intervention. Und in der Tat, jetzt im Obergeschoss des Mies van der Rohe Baus zu stehen, zusammen mit 30, 40 anderen Besuchern, das ist jetzt ein ganz anderes Erleben dieses Raum - eine schöne Erfahrung.

Immerhin: In einem Interview sagten Sie, bei der Sanierung der Neuen Nationalgaiere sei es wie bei einem alten Auto - da gäbe es ganz schön was zu tun, um ihn wieder fit für die Straße zu Machen - wie kam es zu diesem Vergleich?

Naja, ich hab' nicht direkt gesagt:  Ich fühle mich wie ein Mechaniker. Ich habe vielmehr nach Worten gesucht, um meine Aufgabe hier zu beschreiben. Viele Leute haben ja gefragt, warum das überhaupt nötig sei, das Gebäude zu restaurieren. Es sieht doch noch gut aus. Und da ist mir der Vergleich mit einem alten Mercedes eingefallen. Baujahr 1968, wie die Neue Nationalgalerie. Der sieht auch toll aus, aber wenn man die Motorhaube aufmacht und auch sonst genau hinsieht, da sieht man im Zweifel, dass da doch einiges zu tun ist.

Und mit alter Architektur ist es so, wie mit alten Autos: Wenn Sie erstmal angefangen haben, entdecken Sie immer mehr, was dringend gemacht werden muss. Die Neue Nationalgalerie ist wie ein wunderschönes Auto - zu seiner Zeit technisch ganz weit vorne, aber jetzt ist dringend eine Inspektion fällig. Und wenn man den Daimler dann wieder flott gemacht hat, dann soll er aber trotzdem noch als Mercedes zu erkennen sein. Genauso ist es bei der Neue Nationalgalerie. Wenn wir diesen Oldtimer wieder zurück auf die Straße bringen, dann soll er danach auch genauso aussehen, wie vorher. Also, wir wollen die Neue Nationalgalerie so originalgetreu wie möglich sanieren, so dass man nachher die architektonische Handschrift von Mies van der Rohe darin erkennt - und nicht etwa die von David Chipperfield.  

Was ist zu tun in der Neuen Nationalgalerie? Was sollte man tunlichst vermeiden?

Da ist vor allem die Fassade, um die wir uns kümmern müssen. Das Glas bekommt durch die Abnutzung immer wieder Risse. Es gibt Kondenswasser, also da muss einiges getan werden. Wir werden es aber in jedem Fall so tun, dass die typische Konstruktion erhalten bleibt. Überhaupt ist das genau das, worin sich die Sanierung der Neuen Nationalgalerie von der Sanierung anderer Gebäude unterscheidet. Normalerweise werden in vielen Häusern über die Jahre Dinge eingebaut, die gar nicht zu den ursprünglichen Entwürfen passen. Die müssen dann erstmal raus. Hier, in der Neuen Nationalgalerie ist das nicht so. Es gab immer viel Respekt vor der Architektur. Also, wir müssen die Fassade sichern, neue Garderoben, ein neues Cafe und Sanitärräume einbauen. Aber nichts Grundsätzliches um- oder zurückbauen.

War es vielleicht einfacher, das Neue Museum wieder aufzubauen - das war ja schließlich eine Ruine, man hatte mehr Freiräume im Vergleich zur Restaurierung der Neuen Nationalgalerie?

Im Fall der Neuen Nationalgalerie handelt es sich ja um eine Ausbesserung, eine Reparatur. Und das ist normalerweise einfacher, als etwas zu restaurieren. Oder gar wieder aufzubauen, wie beim Neuen Museum. Sicher, diese Ausbesserung, diese Reparatur ist auch anspruchsvoll.  Aber beim Neuen Museum kam viel mehr zusammen. Das haben wir restauriert und zugleich rekonstruiert - und da spielen viel mehr Fragen mit rein. Ideologische, philosophische.

Bleiben wir beim Neuen Museum, das haben Sie rekonstruiert, und gerade entsteht nebenan die James-Simon-Galerie als zentrales Eingangsgebäude der Museumsinsel - auch nach ihren Plänen. Außerdem haben Sie den Neubau des Folkwang Museums in Essen entworfen das Literaturmuseum in Marbach am Neckar. Scheint so als liebten sie deutsche Museen?

Ja, und das Haus der Kunst in München nicht zu vergessen. Ja, wir lieben es, in Deutschland zu arbeiten. Und wir lieben es, an Öffentlichen Gebäuden zu arbeiten.  Und was Berlin betrifft, da bin ich und mein Team froh, nach dem Mauerfall dabei gewesen zu sein.

In Berlin geht es nicht bloß darum, was wo gebaut wird. Vielmehr hat alles, was hier steht und was neu entsteht eine große Bedeutung über die bloße Architektur hinaus. Alles atmet Geschichte. Egal, wo Sie gehen und stehen. Und das macht die Auseinandersetzung darum, wie und was errichtet wird, so spannend. Hier geht es nicht nur darum, was gebaut wird, sondern auch, was das bedeutet für die Stadt.

Außenansicht der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Quelle: dpa)
Das Gebäude von 1968 soll ab Januar saniert werden

Würden Sie da eigentlich gern noch einen drauf setzen? Und das Museum der Moderne bauen am Kulturforum, das dort für 200 Millionen Euro entstehen soll?

Also erstmal haben wir jetzt genug zu tun mit der Sanierung der Neuen Nationalgalerie. Und ohne arrogant erscheinen zu wollen: Wir wollen, dass da nichts schief läuft - und ich glaube, wir wissen wie man das anstellt. Was das geplante Museum der Moderne betrifft - sicher, das lässt mich natürlich nicht kalt. Schließlich soll es ja neben der Neuen Nationalgalerie entstehen. Mich interessiert das Kulturforum als Ganzes. Da liegt ja einiges im Argen. Und für mich ist es vor allem wichtig, dass wir das Besondere dieses Ortes nicht aufs Spiel setzen. Das Besondere, das sind die Staatsbibliothek, die Philharmonie und eben die Neue Nationalgalerie, drei der vielleicht bedeutendsten Gebäude des 20. Jahrhunderts, die alle an einem Platz stehen. Und diese drei Gebäude, sie müssen auch in Zukunft Vorrang haben. Zu Zeit tun sie sich da schwer.

Das Kulturforum, so wie es heute aussieht ist überhaupt nicht überzeugend. Mit den Parkplätzen mit der ganz schlecht gemachten Verkehrsführung. Und ich habe immer gesagt: Man kann dieses Problem Kulturforum lösen, ohne neu zu bauen. Jetzt gibt es die Entscheidung für ein neues Gebäude. Aber wichtig ist, das, was immer geschieht, es muss mit viel Respekt geschehen vor diesen drei geradezu utopischen Architekturen. Und ein Museum der Moderne darf auf keinen Fall einfach ein weiteres Gebäude sein, es muss vielmehr Teil sein einer sehr bedachten Stadtplanung.

Wie könnte das denn aussehen in diesem Konglomerat mit der Philharmonie und der Staatsbibliothek und der Neuen Nationalgalerie?

Ich hoffe, es wird ein gutes Gebäude, geplant von guten Architekten. Es soll ja als Solitär vorne an der Potsdamer Straße entstehen, dieses Museum der Moderne. Kein Anbau hinten an der Sigismundstraße.  Und das ist eine ziemliche Herausforderung.

Wichtig ist, dass der Neubau nicht hervorsticht. Da darf sich kein Architekt profilieren, es muss sich integrieren in die Umgebung. Und  es gibt ja neben den Großen Drei auch noch die Gemäldegalerie und das Kunstgewerbemuseum, denen sollte ein Museumsneubau  zu mehr Geltung verhelfen. Also, dieser Neubau, der muss ganz schön viele Vorgaben erfüllen - und dazu muss er auch noch schnell fertig und möglichst preiswert sein! Aber, in dieser Herausforderung liegt auch eine große Chance. Aber die zu nutzen, das wird nicht einfach.

Um nochmal am Ende des Gesprächs den Bogen zurückzuschlagen zum Anfang - zur Installation "Sticks and Stones": Ist das möglicherweise der Link, Bäume - Natur und Neue Nationalgalerie? Oder ist es eher der Blick für das Wesentliche im Unspektakulären, der sie und Ihre Arbeit ausmacht?

Für mich und mein Team ist eines wichtig: Wir wollen nicht losgelöst von der Umgebung planen, sondern diese Umgebung miteinbeziehen. Also, wir geben mit unseren Entwürfen keine Statements ab, stellen nicht die eigene Idee in den Mittelpunkt.

Architektur bedeutet für uns eher, auf Ideenfang zu gehen, das, was drum herum war und ist zu berücksichtigen. Das ist, als wenn man beim Segeln den Wind einfängt, damit er einen vorwärtsbläst. Sicher gibt es Architekten, deren Entwürfe ganz für sich stehen können. Die sich sozusagen selbst genügen. Frank Gehry ist ein Architekt, der solche Gebäude entwirft. Aber normalerweise geht es in der Architektur darum, die Dinge miteinander zu verbinden. Denn am Ende besteht eine Stadt ja aus ihren Gebäuden, aber auch aus dem Stadtraum. Und deshalb sollte beides zusammen geplant werden. Sonst hat man einfach nur eine Ansammlung von Häusern. Und das alles zu beachten,  ist für mich eine wunderbare Herausforderung, die vielleicht mehr Erfüllung verheißt, als nur auf sich und sein Talent als Architekt fokussiert zu sein.

Bevor sie loslegen mit der Sanierung spielt die Band Kraftwerk im Januar an sechs Abenden - ein grandioser Schlussakkord?

Ja, sicher, ich werde versuchen noch Tickets zu bekommen! Nein, im Ernst, wenn ich es einrichten kann, werde ich auf jeden Fall da sein. Vor allem, weil der Auftritt von Kraftwerk klar macht, dass man diesen Glaskubus, von dem selbst Mies van der Rohe sagte, dass er schwer zu bespielen sei, doch hervorragend nutzen kann. Das haben auch schon vergangene Ausstellungen gezeigt. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass die zeitgenössische Kunst, die dort gezeigt wird,  ihr Publikum und die Umgebung heute viel mehr einbezieht. Die Neue Nationalgalerie ist damit zu einem  d e r Kunsträume der Stadt geworden. Hier kann alles passieren: hier können 144 Bäume wachsen, wie jetzt bei meiner Installation "Sticks and Stones", hier kann Kraftwerk auftreten - alles. Ja, die Neue Nationalgalerie ist ein sehr zeitgemäßer Ort für die Kunst.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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