Nürnberger Platz um 1926, von oben gesehen (Quelle: vbb, Landesarchiv Berlin)

Neues Buch über Roman-Schauplätze - Auf den Spuren von Kästners Berlin

Ob "Emil und die Detektive", "Fabian" oder "Pünktchen und Anton" - Erich Kästner und Berlin gehören untrennbar zusammen. Zu zahlreichen Roman-Schauplätzen bietet Michael Bienert seit Jahren literarische Stadtführungen an. In einem Buch hat er sich nun erneut auf Spurensuche begeben.

Wer an Erich Kästner denkt, denkt unmittelbar auch an Berlin: Emil und seine Detektive, die durch Wilmersdorfs Straßen ziehen; Pünktchen und Anton, die im "alten" Berlin an der Weidendammer Brücke Streichhölzer verkaufen; oder Fabian, der haltlos durch die Bars und Bordelle der Stadt treibt – zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise, inmitten einer Stadt, die vom Verfall geprägt ist.

Berlin war Kästners große Liebe: Der Trubel, das Tempo, die Theater und Cafés. "Überall Theater! Überall Kabarett!", entgegnete er einst begeistert einem Reporter, "großartig und einzigartig!". Als junger Journalist zieht er im Herbst 1927 nach Berlin – mit dem Ziel, berühmt zu werden. Sechs Jahre später hat er es geschafft: Er ist berühmt. Kästner schreibt seine wichtigsten Werke in der Stadt und macht sie zur Hauptrolle in seinen Geschichten.

Von Kreuzberg ins "Industriegebiet der Intelligenz"

Michael Bienert führt Besucher seit 15 Jahren an die Schauplätze von Kästners Büchern: Er bietet literarische Stadtführungen an. Für sein Buch "Kästners Berlin" hat er sich nun auch auf die Spuren des Schriftstellers selbst begeben und Kästners Wohnorte in Berlin recherchiert. Bereits im Jahr 1921 verbringt Kästner – damals noch Student in Leipzig – seinen ersten Winter in der Stadt. Er wohnt vorübergehend in einem Zimmer in Kreuzberg. Sechs Jahre später nimmt er sich ein Zimmer im edleren Westen. Mit dem Ziel hier Karriere zu machen, begibt Kästner sich mitten ins "Industriegebiet der Intelligenz". Herum um den Kurfürstendamm befinden sich damals die meisten Literatenlokale, viele Autoren wohnen hier.

Die neue Heimat beflügelt den Autor offensichtlich. Er stürzt sich in die Stadt und begreift sie als Stoff. Meist sitzt er in Cafés, findet hier seine Charaktere und beginnt zu schreiben. Er erzählt davon, was ihn umgibt und was jeder kennt. Genauso hält er es auch mit den Schauplätzen seiner Bücher – er sucht sie in der Nachbarschaft. Seinen Wilmersdorfer Kiez wählt er für "Emil und die Detektive". Auch die Verfilmung von 1931 setzt Kästners Berlin ein Denkmal: An den Originalschauplätzen gedreht, folgt Emil dem Dieb quer durch den Kiez – bis zum Café Josty, einem damaligen Stammcafé von Kästner.

Berlin aus den Augen Erich Kästners

Sehnsuchtsort der Kindheit: Berlin

Ganze Generationen von Kindern wachsen mit diesem "Kästner-Berlin" auf. Einer von ihnen ist Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters. Heute wohnt er dort, wo Emil und seine Detektive einst durch die Straßen zogen. Schon als Kind sehnte sich der Junge aus Thüringen nach diesem Berlin. Doch kannte er die Stadt nur aus Kästners Büchern, bis er als 16-Jähriger mit seinen Eltern in die Stadt zog. Zwar war es mittlerweile ein anderes, ein zerbombtes Berlin, "aber in der Phantasie weiß man, es waren diese Straßen, es waren diese Plätze!", schwelgt Ludwig. "Wir fühlten uns sofort sauwohl, obwohl wir überhaupt niemanden kannten – wie ein Déjàvu, als wären wir nach Hause gekommen", erinnert er sich.

Zu Besuch in der Heimat

Mit der Weltwirtschaftskrise registriert Kästner, wie die Gegensätze größer werden. Die Republik steht am Abgrund, woraufhin Kästner wieder einmal das aufgreift, was um ihn herum passiert. Mit seinem Roman "Fabian" entwirft er ein Panorama des Verfalls: Die Hauptfigur, wie Kästner schreibt, treibt durch eine Stadt, in der "in allen Himmelsrichtungen der Untergang wohnt". Als das Buch erscheint, sind die Nazis schon zweitstärkste Partei. Doch noch schwimmt Kästner obenauf. Aber es ist unübersehbar, wie sich die Dinge verändern. "Er ahnte wahrscheinlich auch schon, dass ihn das die Existenz kosten wird", vermutet der Literaturdetektiv Michael Bienert. Und tatsächlich: 1933 werden Kästners Bücher verbrannt, während er dabei ist. Ein Schreibverbot hält ihn jedoch nicht davon ab, in der Stadt zu bleiben. Erst später, als Berlin in Trümmern versinkt, geht er fort und kommt nicht mehr zurück. Von da an ist er nur noch zu Besuch seiner einstigen Wahlheimat.

Bei einem dieser Besuche sieht Volker Ludwig Kästner im Publikum seines mittlerweile gegründeten Kabaretts sitzen und unterhält sich hinterher mit ihm. "Aber fröhlich wirkte er nicht, ein bisschen krank, ein bisschen verbittert", erinnert sich Ludwig.


Mit Informationen von Tim Evers
 

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

Studio Frankfurt

Vom Landkreis Oder-Spree bis zur Uckermark: Das rbb-Regionalstudio Frankfurt (Oder) mit Nachrichten, Reportagen und Hintergründen aus der Region.  

Mehr zum Thema

Innenansicht Erdgeschoss Bronzestatuette Hans Pels-Leusden (Quelle: Käthe-Kollwitz-Museum Berlin)

Ab 21. November: Erste Schau unter neuer Leitung - Kunst, Krieg, Leben - Neue Ausstellung im Kollwitz-Museum

Mütter, Menschen in Not, Armut - die Plastiken und Zeichnungen der Ostberliner Künstlerin Käthe Kollwitz haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Zu sehen sind sie im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin in der Charlottenburger Fasanenstraße. Nach immerhin 28 Jahren war dort im Februar Direktorenwechsel. Iris Berndt, die neue Leiterin, hat seither an der Neukonzeption der Dauerausstellung gearbeitet. Die Schau wirft einen frischen Blick auf das Werk der Künstlerin. Von Sigrid Hoff