Blick über die Dächer von Berlin Prenzlauer Berg - Foto: imago
Video: "Meine Oderberger Straße" | 02.06.2015 | Freya Klier, Nadja Klier

rbb-Doku "Meine Oderberger Straße" - Auf immer ein Stück Heimat

Zu DDR-Zeiten war die Oderberger Straße im Prenzlauer Berg ein Biotop für unangepasste Künstler und Kreative im Schatten der Berliner Mauer. Auch die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier und ihre Tochter Nadja lebten zehn Jahre lang hier. Nun haben sich Mutter und Tochter für eine rbb-Doku auf Spurensuche begeben. Von Knut Elstermann

Ungläubig sehen Passanten in der Oderberger Straße auf die schwarz-weißen Fotos, die Nadja Klier ihnen zeigt. So sah es hier in Berlin-Prenzlauer Berg vor der Wende aus. Verrammelte Läden, bröckelnde Fassaden ohne Balkone, blinde Fenster. Der Wandel in dieser Straße, die heute zu den schönsten des Stadtteils gehört, mit vielen Cafés und schicken Läden, mit schmucken, auf Hochglanz polierten Häusern, war so gewaltig, dass nur noch schwer auszumachen ist, wo genau die alten Aufnahmen entstanden sein könnten.

Diese Szene steht am Anfang der rbb-Dokumentation  "Meine Oderberger Straße", die Nadja Klier zusammen mit ihrer Mutter, der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin und Regisseurin Freya Klier gedreht hat. Zehn Jahre lebten sie hier, bis zur Ausweisung der Mutter 1988. Es war für Nadja eine wichtige, prägende Zeit in dieser Straße, die von außen grau und verfallen wie die meisten in der Gegend aussah. Doch in den Wohnungen und auf den Höfen entfaltete sich ein buntes, widerständiges und kreatives Leben. Auch davon erzählt der lebendige und sehr persönliche Film, von den oppositionellen Künstlern, von den Unangepassten, die sich der tristen Realität im Lande entgegenstellten.

Eine Straße als Bühne der Geschichte

Warum tritt Freya Klier in diesem Film zurück, warum überlässt sie ihrer Tochter die Aufgabe, den Zuschauer als Erzählerin durch die Oderberger zu führen? "Unsere Generation hat sich doch schon sehr oft geäußert zu dem, was geschehen ist", sagt Freya Klier. "Ich finde es ganz wichtig, dass auch die junge Generation mal zu Wort kommt, dass sie aus ihrer Perspektive erzählen kann, wie sie es erlebt hat."

So geht man in der Dokumentation mit der erfrischend offenen Nadja, heute eine originelle Porträt-Fotografin mit sehr genauem Blick, durch diese Straße, erlebt Wiederbegegnungen mit alten Bekannten und Zufallsbekanntschaften. Man versteht durch Zeitzeugen und sorgfältig ausgewähltes Dokumentarmaterial, wie sehr diese Straße auch eine Bühne der Geschichte war, von der vibrierenden Gründerzeit bis zum Terror der Nazis, vom Krieg, der die Straße weitgehend verschonte, bis zum Bau der Mauer, an der die Oderberger endete. Der Film berichtet von einem Leben im Schatten der Mauer, von dramatischen Fluchtgeschichten und von den jubelnden Massen nach der Grenzöffnung in der einst so verschlafenen Straße.

Nadja Klier im Interview mit Rahman Satti (Quelle: © Nadja Klier)
Nadja Klier im Interview mit Rahman Satti

Wohnen mit löchrigem Dach und Außentoilette

Freya Klier kam 1978 mit ihrer Tochter nach Berlin, um Regie zu studieren. Nadja war damals fünf Jahre alt. Eine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Oderberger Straße Nummer 45 wurde ihnen zugewiesen, im Hinterhaus im vierten Stock gelegen, mit löchrigem Dach und Außentoilette. Der Film zeichnet wahrlich keine Idylle. Auch wenn er die besondere soziale Mischung preist, dieses Zusammenleben von Künstlern, Akademikern und Proletariern, verweist er auch auf eine hohe Kriminalitätsrate, Alkoholmissbrauch und Brutalität in vielen Familien.

Trauma der Ausbürgerung

Für Nadja war die Oderberger Straße auch der Ort einer traumatischen Erfahrung. Über Nacht musste die 15-Jährige das Land und damit die vertraute Umgebung verlassen - die Freundinnen, die Schule, die Verwandten - und ihrer Mutter in den Westen folgen. Im berührendsten Moment des Films schildert Nadja, wie sie nun selbst auf der Aussichtsplattform im Westen stand und hinüber in die Oderberger sieht und hinter einem Fenster ihre Freundin entdeckt. Unerreichbar.

"Ich glaube, dass eine solche Entwurzelung für jeden und in jedem Alter schlimm ist“, erinnerte sich Nadja Klier. "Aber wenn man sich in einer Phase befindet, wo man vom schutzlosen zum selbstständigen Menschen wird, dann ist das so, als ob jemand eine Kerbe in dein Leben haut, eine Lücke, die man wieder füllen muss.“ 

Freya Klier bei der Preisverleihung der Bundeszentrale für politische Bildung im Dezember 2014 (Quelle: © Freya Klier)
Freya Klier hat ihrer Tochter in der Dokumentation den Vorrang gelassen.

Düsternis und Leichtigkeit zugleich

Die Arbeit an diesem Film hat ihr dabei geholfen, mit dem Erlebten abzuschließen. "Die Zusammenarbeit  von Mutter und Tochter war nicht immer unkompliziert“, sagt Freya Klier. "Ich bin eine solche Arbeitsweise nicht gewohnt. Normalerweise ziehe ich allein mit einem Team los. Nadja hatte ihre eigenen Vorstellungen, ihre eigenen Bilder und ihre Perspektive. Das musste man erst einmal zusammenbekommen. Aber es ist uns gut gelungen.“

Bei allen Bedrückungen, allen düsteren, historischen Vorgängen, hat der Film eine schöne Leichtigkeit und einen sehr eigenen Humor. "Wir haben alte Freunde wiedergetroffen, mit denen wir wichtige Jahre unseres Lebens verbracht hatten. Auch wenn manches schmerzlich war - seither ist doch viel Zeit vergangen“, meint Freya Klier. "Für mich war es von der Atmosphäre her der leichteste Film, den ich bisher gemacht habe."

Alte Mieter sind gegangen

Natürlich verschweigt der Dokumentarfilm nicht, welchen hohen Preis für den so attraktiven Wandel nach der Wende gezahlt wurde. Nur wenige frühere Mieter leben noch hier, es gibt viele Ferienwohnungen und die bunte, soziale Mischung ist verschwunden. Nadja Klier vermisst vor allem die alten Menschen im Straßenbild. Doch trotz aller Umbrüche, doch trotz des tiefgreifenden Wandels, von dem der vielschichtige Film so anschaulich erzählt, bleibe die Oderberger für sie auf immer ein Stück Heimat.

Beitrag von Knut Elstermann

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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