Begräbnisszene mit Mumie im Ochsenfell (Quelle: Frobenius-Institut Frankfurt am Main)

"Kunst der Vorzeit" im Martin-Gropius-Bau - Vergessene Felsbilder aus der Urgeschichte der Menschheit

Kann das etwa Kunst sein? Malerinnen hockten monatelang in Höhlen und bannten frühzeitliche Zeichnungen vom Fels auf Papier. Die Bilder verschwanden jahrzehntelang in Kellern und auf Dachböden. Nun sind sie erstmals wieder im Martin-Gropius-Bau zu sehen. Maria Ossowski über eine zu Unrecht vergessene Kunstform.

Mit über 100 Bildern und Fotos aus der Sammlung Frobenius ruft die neue Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, eine lange in Vergessenheit geratene Kunstform in Erinnerung: Felsbildkopien. Die Felsbilder aus der Frühzeit der Menschheit wurden in monatelanger Arbeit von heute unbekannten Malerinnen auf Papier übertragen.

In den Zwanziger- und Dreißigerjahren begeisterten sie Millionen Besucher in europäischen Metropolen und in den USA. Doch danach gerieten die teils großformatigen Malereien in Vergessenheit, lagerten auf Dachböden und in feuchten Kellerräumen.

Den Wert der afrikanischen Kultur erhalten

Beauftragt wurden sie damals von Leo Frobenius, geboren in Berlin, wo sein Großvater übrigens Zoodirektor gewesen war. "Er machte ab 1904 große Expeditionen in den Kongo und später nach Westafrika, um die vermeintlich sterbende – durch den Kolonialismus und den Weltmarkt – afrikanische Kultur nochmals zu dokumentieren", erklärt Richard Kuba, der die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau kuratiert. Frobenius habe sich auf all diesen Expeditionen von Zeichnern begleiten lassen, die das alte Afrika anhand von Aquarellen und Zeichnungen für die Nachwelt auf Papier bannten: "Ab 1913 kamen dann die afrikanischen Felsbilder hinzu."

Wandjina (Quelle: Frobenius-Institut Frankfurt am Main)
Wandjina (Australien, Kimberley, Mount Hann, nach 1.800 v.Chr., Aquarell von Douglas C.Fox, 1938)

Sie malten bei Wind und Wetter in der Höhle

Abgemalt wurden sie von jungen Damen, höheren Töchtern, die an Kunstakademien ausgebildet worden waren, und die das Abenteuer reizte. Sie sollten die Felsmalereien wissenschaftlich dokumentieren und möglichst in Originalgröße kopieren. Für die damalige Zeit sei es ganz erstaunlich gewesen, dass es ausgerechnet Frauen waren, die wochenlang, teilweise monatelang unter widrigsten Bedingungen bei Wind und Wetter in den Savannen Simbabwes oder in der zentralen Sahara diese Bilder kopiert haben. "Es gibt wahrscheinlich keine Menschen, die solange vor Felsbildern gesessen haben wie diese Malerinnen. Deswegen haben sie wohl auch ein sehr gutes Gefühl für die Bilder bekommen", sagt Kuba.

Entstanden seien dabei eigene Kunstwerke, ergänzt Gereon Sievernich, Direktor des Martin-Gropius-Baus. "Die Künstlerinnen hatten weniger die Aufgabe, den Geist der Bilder wiederzugeben, sondern das Faktum der menschlichen Kreativität als Ausdruck des Menschseins zu erfassen. Frobenius war ein ethnologischer Romantiker und diese afrikanischen Felsbilder spielten auch für die afrikanische Identitätsdiskussion eine große Rolle."

Hand- und Fußsilhouetten (Quelle: Frobenius-Institut Frankfurt am Main)
Hand- und Fußsilhouetten (Indonesien, Westpapua, Abba, 500-1.500 n.Chr., Öl auf Leinwand von Albert Hahn, 1937-1938)

Weitreichende Einflüsse und ein gelungener Coup

Die Tradition der Felsmalerei hat die Maler der klassischen Moderne tief beeindruckt. Der Stuttgarter Künstler Willi Baumeister war fasziniert. Jackson Pollock reiste sogar selbst zu den Höhlen, um sich faszinieren zu lassen. Für Joan Miró befand sich die Malerei seit dem Höhlenzeitalter im Niedergang. Und Giacometti urteilte, da und nur da sei Bewegung gelungen. Die über 100 Bilder und die Fotos der Expeditionen erinnern an eine zu Unrecht vergessene besondere Kunstform.

Heute hat die Farbfotografie die Aufgabe übernommen, Felsmalerei abzubilden. Dabei fehlt jedoch die künstlerische Dimension der Malerinnen. Diese zeigt sich besonders im letzten Bild der Ausstellung: Ein riesiges Format mit Hunderten von Tieren, Pflanzen, Menschen und Landschaften – eine Art Wimmelbild, vor dem man Stunden stehen kann. Mit der Ausstellung dieser lange vergessenen Bildern der Sammlung Frobenius ist dem Gropiusbau ein Coup gelungen, der den Anspruch, ein Universalmuseum der Menschheits- und der Kunstgeschichte zu sein, eindrucksvoll unterstreicht.

Beitrag von Maria Ossowski

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