Zahlreiche Menschen legen am 11.01.2016 in Berlin Schöneberg in der Hauptstraße 155, dem ehemaligen Wohnhaus des Musikers David Bowie in Berlin, Blumen, Bilder und Kerzen nieder. Bowie verstarb am 10.01.2016 an einem Krebsleiden (Quelle: Kay Nietfeld/dpa)

Interview | Musikproduzent Mark Reeder über Bowie in West-Berlin - "Berlin war Bowies Therapie"

1976 kam David Bowie nach Berlin - in keiner guten Verfassung. Die Jahre als Superstar und sein Drogenkonsum hatten ihn viel Kraft gekostet. Später sagte Bowie über seine Zeit in der Hauptstadt: "Berlin war meine Klinik". Wie die Stadt die Musiklegende rettete und ihn prägte, erzählt der britische Musikproduzent und Wahlberliner Mark Reeder im Interview.  

Herr Reeder, David Bowie hat zwei Jahre lang in Berlin-Schöneberg in der Hauptstraße 155 im ersten Stock gewohnt. Wie sehr hat ihn West-Berlin geprägt?

Was ich über David weiß, haben mir seine Freunde erzählt. Berlin war wie eine Therapie für ihn. Hier konnte er untertauchen und sich selbst finden. Bowie hatte hier Zeit, seine künstlerische Seite wiederzuentdecken. Er hat gemalt, ist durch die Stadt gefahren und die Leute haben ihn nicht erkannt. Er konnte einfach bei Bolle einkaufen gehen, niemand hat ihn angequatscht. Auch im Nachtleben von Berlin konnte er untertauchen und es zelebrieren. Das war für ihn ein sehr wichtiger Ort, um sich zu finden. Viele Musiker tun das heute noch.

Gab es einen West-Berliner Sound in Bowies Musik?

Bowie hat eine seiner wichtigsten Platten hier gemacht: "Low". Das Album ist stark vom Berliner Image geprägt. Für alle ist das eine heldenhafte Arbeit gewesen. "Low" spiegelt den Sound von Berlin wider, wie Bowie ihn damals empfunden hat. Wenn man die Platte hört, kann man sich vorstellen, wie Berlin in den 70er Jahren war. Das hat auch seine restliche musikalische Karriere geprägt.

Und umgekehrt – wie hat David Bowie West-Berlin geprägt?

Viele Leute leben natürlich von dem Mythos von Davids Aufenthalt hier. Auch für mich war das faszinierend, dass er damals in den 70er Jahren nach Berlin gegangen ist. Zu dem Zeitpunkt hat in England noch niemand über die Stadt gesprochen. Berlin war damals eine Art Enigma, ein Ort, den keiner kannte. Bowie hat hier gelebt und die Stadt durch seine Musik geprägt. Er hat Berlin auf die musikalische Landkarte gesetzt. Plötzlich war Berlin auch ein Ort für andere. Trotzdem ist nicht jeder aus England gleich hierher gefahren. Ich war einer von wenigen.

Was wird Ihnen besonders fehlen, da David Bowie nicht mehr lebt?

Nur eines: seine Musik. Ich habe mich tierisch über das neue Album "Blackstar" gefreut. Ich bin absolut erschüttert darüber, dass es das nicht mehr geben wird.

Das Interview mit Mark Reeder führte Leon Stebe für rbb Inforadio

Die Musikwelt trauert um eine Ikone

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