Tilman Rammstedt; Foto: Carsten Kampf
Audio: Kulturradio | 04.01.2015 | Interview Tilman Rammstedt

Interview | Tilman Rammstedt schreibt ganzen Roman in täglichen Häppchen - "Ein Buch, das ich sonst nie geschrieben hätte"

Einen ganzen Roman in täglichen Folgen will Tilman Rammstedt ab Montag schreiben. Frisch lektoriert können Abonennten dann drei Monate lang täglich lesen, was dem Autor eingefallen ist - oder auch nicht. Und können es kommentieren! Einen ersten Satz hat er bislang noch nicht formuliert. Langsam wird es eng.

rbb: Herr Rammstedt, Sie schreiben ab Montag einen Roman in täglichen Folgen, also quasi unter den Augen der Öffentlichkeit. Warum tun Sie sich das an?

Das frage ich mich auch sehr. Die Grundidee hatte etwas damit zu tun, dass ich meine Romane zuvor auch eher so geschrieben habe. Nur nicht unter den Augen der Öffentlichkeit. Aber ich habe sie immer recht schnell geschrieben: sehr hastig, sehr panisch, die Deadline immer vor Augen. Und dann kam die Idee: Ich könnte das doch auch zum Prinzip machen.

Gibt es denn ein Grundthema oder ist alles völlig offen?

Bisher weiß ich es noch nicht. Es wird eine Grundkonstellation geben. Ob das auch die ist, die sich bis zum Ende durchzieht in diesen drei Monaten ...? Aber mit irgendetwas muss ich ja anfangen, das ist vielleicht auch ganz gut so.

Sie haben sich wirklich noch keinen ersten Satz überlegt?

Ehrlich gesagt: Ich wollte wahnsinnig gerne schummeln. Ich hatte mir seit September vorgenommen, heimlich bereits tausende von Seiten fertig zu haben und jetzt nur noch auf irgendeiner Sonnenbank zu sitzen und jeden Morgen nur Texte einzuspeisen. Aber die Wahrheit ist: Ich bin gar nicht zum Schummeln gekommen. Ich bin in eine Art Schockstarre verfallen und habe dann gedacht, dass es ok ist, weil ich es so auch angekündigt habe. Kommenden Sonntag - weil Montagfrüh wird das Ganze erscheinen - muss ich irgendetwas haben und von da ab täglich.

Wird der extreme Druck sich auf das Schreiben auswirken, wird das eine andere Art des Schreibens sein?

Bestimmt. Und hoffentlich nicht nur ein schlechteres Schreiben. Eines dieser Dinge, warum mich dieses Projekt reizt - neben der Angst, die es auch vermittelt – ist, dass ich mir vorstelle, ein Buch zu schreiben, das ich auf andere Weise nicht geschrieben hätte. Ein Buch, das pausenlos ist. Wo ich wirklich wenige Möglichkeiten habe inne zu halten. Ein Buch, das wirklich weiter gehen muss, wo ich nicht drei Wochen lang aussetzen kann.  Was das mit dem Buch macht, weiß ich selbst noch nicht. Das wird vielleicht auch das Interessante. Nachdem diese drei Monate öffentlich schreiben abgeschlossen sind, habe ich noch ein bisschen Zeit, daraus dann wieder ein Buch zu machen, das in sich vielleicht geschlossener ist. Wo ich dann diese Ruhepausen etwas nachholen kann.

Der Titel ist doppeldeutig: "Morgen mehr". Also morgen gibt es mehr. Also neue Seiten. Gibt es ein bestimmtes Schreibpensum, was Sie sich vorgenommen haben?

Ich habe gedacht, dass zwei Seiten realistisch optimistisch sind. Ich habe zwei Tage in den letzten Monaten Probe geschrieben. Um zu sehen, wie das ist. Da habe ich gemerkt, zwei Seiten sind ok. Es wird sicherlich Tage geben, an denen es nur eine halbe Seite wird oder auch noch weniger oder vielleicht auch nur einen Satz. Dafür gibt es an anderen Tagen, euphorischen Tagen, dann auch fünf oder sechs Seiten, sodass sich dieser Durchschnitt ergibt.

Unter den Augen der Öffentlichkeit bedeutet, dass die Leser, die diese Seiten täglich bekommen, auch kommentieren können. Wird das Einfluss auf ihr Schreiben nehmen?

Das weiß ich noch nicht. Es war eine Überlegung, ob man diese Kommentarfunktion zulässt oder nicht. Der Verlag war sehr für Kommentare. Und auch für mich ergibt das eine weitere Spielwiese. Ich kann ja schließlich auch mit kommentieren: Als Autor, der den eigenen Text kommentiert. Als irgendein Alter Ego von mir selbst, der mich beschimpft oder lobt. Die Figuren können natürlich auch in den Kommentaren vorkommen, die können auch ihre eigenen Handlungen kommentieren oder ihnen widersprechen. Die Leser sollen das natürlich auch tun. Wenn sie nett zu mir sind, lese ich das natürlich gerne und wenn sie nicht nett zu mir sind, dann ignoriere ich das - hoffentlich.

Sie haben in einem Interview behauptet, das Schriftstellerei ein ziemlich einsamer Beruf ist. Ist das jetzt eine Möglichkeit aus dieser Einsamkeit auszubrechen, indem sie sich dem Publikum Tag für Tag stellen?

Das macht doch eigentlich noch einsamer. Wir wissen ja alle, dass man im Internet noch einsamer ist als allein im Kämmerlein. Es ist auch kein wirkliches Miteinander. Sondern ich stehe jeden Tag nur notdürftig bekleidet mit etwas Text da und Leute schauen mich an. Das ist nicht meine Idee von Einsamkeit.

Was möchten Sie mit diesem Projekt erreichen? Wenn Sie uns schon das Thema nicht verraten wollen…

Ich trenne auch für mich dieses Projekt in zwei Etappen. Das eine ist jetzt vom nächsten Montag bis Mitte April diese öffentliche Schreibphase. In der Phase können die Leute, die es verfolgen, mir ein wenig über die Schultern schauen. Man kann auch schauen wie entsteht so ein Roman. Und dadurch, dass ich das weiß, dass Leute mir über die Schultern schauen, werde ich das ganz anders machen als sonst. Und ich glaube, dass ich dort eine Art von Buch schreiben werde, die auf andere Weise nicht geschrieben werden kann. Ob das jetzt eine Art von Buch ist, das unbedingt gefehlt hat, das kann man leider erst am Ende herausfinden.

Das Interview mit Tilman Rammstedt führte Andreas Knaesche für Kulturradio. Dieser Text ist eine leicht gekürzte Fassung, das vollständige Gespräch können Sie im Audio oben im Beitrag hören.

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Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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