Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler abfotografiert. (Quelle: imago | Hermann J. Knippertz)
Audio: Inforadio | 08.01.2016 | Harald Asel

Rimini Protokoll führt Hitlers Hetzschrift im "Hebbel am Ufer" auf - Flirt-Versuche mit "Mein Kampf"

Mit Hitlers Schrift "Mein Kampf" Frauen anzuflirten, gehört wohl eher zu den abwegigeren Möglichkeiten mit dem Buch umzugehen. Genau das macht aber der israelische Jurist Alon Kraus. Das erzählt er im Stück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" - aufgeführt vom Rimini-Protokoll im Theater "Hebbel am Ufer". Eine Kritik von Harald Asel.

Bis 1944 wurden mehr als 12 Millionen Exemplare von "Mein Kampf" gedruckt. Eine kommentierte Neuausgabe von Hitlers programmatischer Hetzschrift, wurde jetzt vom Institut für Zeitgeschichte München und Berlin herausgebracht. Auf der Bühne setzt sich das Produktionsteam "Rimini-Protokoll" mit dem Stoff auseinander. Am 7. Januar hatte das Stück im Theater "Hebbel am Ufer" (HAU) Premiere. Die Uraufführung von "Mein Kampf" war Anfang September beim Kunstfest Weimar, von dem auch der folgende Trailer stammt.  

 

In "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" sind die unterschiedlichsten Ausgaben des Buchs zu sehen:  von der Volksausgabe über den Edeldruck bis zu einer Ausgabe in Blindenschrift. Auch internationale Ausgaben haben ihren Aufritt, zum Beispiel ein wissenschaftliches Exemplar in Hebräisch oder ein japanischer Mangacomic.

Das Rimini-Protokoll spielt in der Aufführung "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" mit der körperlichen Anwesenheit eines vermeintlich unsichtbaren Buches. So wird beispielsweise ein Exemplar aus dem Internet ausgedruckt und sorgfältig gebunden – das Team stellt sich dann die Frage, ob "Mein Kampf" jetzt, nach Ablauf des Urheberrechts, einfach so einem Zuschauer in die Hand gedrückt werden darf – es wird also über die Frage der Volksverhetzung im Strafrecht räsoniert.

"Mein Kampf" als Weihnachtsgeschenk

Im HAU wird auch aus "Mein Kampf" gelesen, zum Beispiel die Stelle, an der Hitlers Erweckung zum Antisemitismus stilisiert wird. Im Vordergrund steht aber der Umgang der verschiedenen Zeiten mit dem kontaminierten Erbe der deutschen Vergangenheit.

Die Stärke des Abends besteht in den Geschichten, die die sechs Laiendarsteller aus ihrem eigenen Leben erzählen. So gelingen der Gruppe Begegnungen mit Menschen, die etwas völlig Neues erzählen können. Sibylla Flügge etwa wollte mit 15 Jahren herausfinden, was "Mein Kampf" so gefährlich macht, tippte kurzerhand eine Auswahl ab und schenkte sie ihren Eltern 1965 zu Weihnachten.

Auch den Israeli Alon Kraus lässt das Buch nicht mehr los. Als Student durchbrach er damit eine Schreibblockade. Heute provoziert er damit gerne, nutzt es zum Beispiel um in Israel mit deutschen Touristinnen zu flirten.

Bizarr bis erschütternd

Weitere Charaktere sind ein Buchrestaurator, ein Redakteur für Blindenschrift, eine Juristin und ein deutsch-türkischer Hip-Hopper. "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" ist ein räsonierendes Kreisen um die zombiehafte Anwesenheit eines tabuisierten Gegenstandes - mal erfrischend bizarr, dann wieder fröstelnd erschütternd.

Nichts Neues über die NS-Zeit

Leider sorgt die Materialüberfülle in der mehr als zwei Stunden dauernden Aufführung dann doch für dramaturgische Durchhänger. Neben den persönlichen Erfahrungen und Kenntnissen werden auch eine Menge Fakten mitgeteilt. Inzwischen hat die Debatte in der medialen Berichterstattung so viel Fahrt aufgenommen, dass vieles bekannt ist, zumindest für das Publikum, das ins HAU geht. Allerdings scheint die Erwartung, durch die Begegnung mit "Mein Kampf" plötzlich neue Erkenntnisse über den Nationalsozialismus zu erhalten, ohnehin illusorisch.

Der Abend tastet sich vorsichtig an sein Thema heran. Erst ganz zum Schluss wird die Nähe mancher Hitlerschen Vokabeln – zum Beispiel "lügenhafte Presse" - zur Gegenwart angedeutet. Das Publikum wird fast gar nicht auf seine Verführbarkeit abgeklopft. Das gaukelt vielleicht doch einen sicheren Abstand zu Hitlers Pamphlet vor, den die Gesellschaft wahrscheinlich noch nicht hat.

Beitrag von Harald Asel

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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