"Mönch am Meer", Endzustand nach der Restaurierung (Quelle: Mösl/Schneider, Staatl. Museen zu Berlin)

Meisterwerke restauriert - Caspar David Friedrich in neuem Glanz

Es ist das berühmteste Bilderpaar der deutschen Romantik: Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" und "Abtei am Eichwald". Sie wirkten düster und bedrückend - bis jetzt. Denn die Alte Nationalgalerie hat die beiden Meisterwerke restauriert. Nun erscheinen die Gemälde in einem ganz neuen Licht. Von Maria Ossowski

Das berühmteste Bilderpaar der deutschen Romantik, es wirkt ohne Übertreibung auf den ersten Blick, als sei es eine Neuerwerbung. So sehr hatten wir uns an die düstere Stimmung, die Gewitterwolken, die Trostlosigkeit der grau-braunen Farben, die Einsamkeit und  Hoffnungslosigkeit gewöhnt, dass die zarten Rosa- und Gelbtöne, die Sonne, die vielen Möwen und die Schaumkronen auf den Wellen jetzt so heiter strahlen, als seien dies neue Bilder. 

Immer wieder fachunkundig retuschiert

Udo Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, ist hingerissen: "Das wirklich Sensationelle ist, dass wir die ersten Menschen seit Generationen von Kunstliebhabern und Kunstwissenschaftlern sind, die die Bilder so sehen, wie sie nur die unmittelbaren Zeitgenossen von Friedrich gesehen haben."

Zwischen 1808 und 1810 gleichzeitig entstanden, rührt der Mönch allein am Meer und die Abtei zwischen toten Bäumen an existentielle Fragen der Menschheit. Die unendlich stille Leere der Bilder hat Clemens von Brentano, Heinrich von Kleist und Kunstkenner aller Generationen fasziniert. Die Bilder sind ein Menschheitserbe, das leider immer wieder fachunkundig gekittet, retuschiert, übermalt und sieben Mal mit einer neuen Firnis überzogen wurde. Aus blau wurde grün, aus gold wurde braun.

Caspar David Friedrich, "Mönch am Meer", Vorzustand nach Restaurierung (Quelle: Kristina Mösl, Francesca Schneider, © Staatliche Museen zu Berlin)
"Mönch am Meer" vor der Restaurierung (Quelle: Mösl/Schneider, Staatl. Museen zu Berlin)

Nebelschwaden hat Friedrich nie gemalt

Und besonders schlimm: Für eine Ausstellung 1906 ließen die Kuratoren beide Bilder auf eine zusätzliche neue Leinwand ziehen. Diese Doublierung erfolgte mit Wachsklumpen, die die Leinwand ausbeulten. Sie wurden aufgebügelt, und zwar auch von vorn, die Abdrücke des Bügeleisens waren gut zu erkennen. Auch die Nebelschwaden hat Caspar David Friedrich nie gemalt.

Der Leiter der alten Nationalgalerie, Philipp Demandt: "So waren beim Mönch zum Beispiel diese vermeintlichen Nebelschwaden über dem Horizont nichts anderes als weißlich gewordene Strichel-Retuschen aus den 1920er Jahren. Und diese vermeintlich schweren Regenwolken über dem Mönch waren entstanden durch die Bereibung der Leinwand, wo eben die Grundierung nach oben kam und den Eindruck von Gewitterwolken erzeugte - ein Eindruck, der nachweislich nicht dem entsprach, was der Künstler eigentlich wollte."

"Abtei im Eichwald", Endzustand nach Restaurierung (Quelle: Mösl/Schneider, Staatl. Museen zu Berlin)

Ergebnis von zweieinhalb Jahren Arbeit

Zweieinhalb Jahre haben die Restauratorinnen Kristina Mösl und Francesca Schneider die starken Verfärbungen und die milchigen Schleier behutsam entfernt. Ihr Ziel: die Freilegung der Originalsubstanz. Das nie Erwartete: Beim Mönch waren 97 Prozent, in der Abtei 98 Prozent der originalen Malerei erhalten. Bei der Abtei sind viele Details der Mönchsprozession wieder zu erkennen, etwa die Kreuze oder Gebetbücher in den Händen der Mönche. Den Mönch am Meer umfliegen jetzt keine 16 Möwen, sondern 20, die Grashalme in den Dünen sind wieder so grün, wie Caspar David Friedrich sie gemalt hatte.

Ein wenig erinnert die Restaurierung an die Wiederherstellung  der Gemälde in der Sixtinischen Kapelle, nie hätte man vorher geahnt, wie bunt und heiter Michelangelo seinen biblischen Kosmos angelegt hatte. Und deshalb gilt es auch, manch besonders düstere Interpretationen dieser wohl am häufigsten beschriebenen Ikonen der Romantik zu hinterfragen. 

Caspar David Friedrich, "Abtei im Eichwald", Vorzustand vor Restaurierung (Quelle: Kristina Mösl, Francesca Schneider, © Staatliche Museen zu Berlin)
"Abtei im Eichwald", Zustand vor Restaurierung (Quelle: Mösl/Schneider, Staatl. Museen zu Berlin)

Hoffnung statt Trostlosigkeit

Müssen wir diese Gemälde und ihre Hinweise auf Wissen und Glauben, Diesseits und Jenseits, Leben und Tod neu interpretieren, Philipp Demandt? "Das ist das motivische Wiederaufscheinen von Hoffnung, von Verheißung und von Trost in dieser Landschaft die sich eben vor der Restaurierung als so endgültig, so abgründig und eben so trostlos dargestellt hat", sagt der Leiter der alten Nationalgalerie.

"Was wir jetzt sehen, ist nicht mehr die Landschaft, die wie ein Schlund gleichsam den Mönch zu verschlingen, zu erschlagen droht, denn da reißt jetzt der Himmel auf, da scheint möglicherweise die Sonne hervorzukommen. Der Tag, der da anbricht über dem Meer, ist ein besserer als der Tag, den wir in den letzten Jahrzehnten auf diesem Bild gesehen haben. Und auch bei der Abtei im Eichwald sehen Sie das zarte Gelb, das zarte Rosa am Abendhimmel, das spricht eben von der Zukunft, die Caspar David Friedrich in seiner Beschreibung des Bildes auch schon selbst gesprochen hat."

Im zweiten Stock der alten Nationalgalerie, die die größte Sammlung von Caspar-David-Friedrich-Gemälden weltweit besitzt, strahlen beide Meisterwerke in altem, neuen Glanz, gegenüber erklären Fotos die einzelnen Schritte der Restaurierung. Das Bilderpaar wird ein neuer Magnet für Besucher aus der ganzen Welt sein.

Beitrag von Maria Ossowski

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