Eine Szene aus dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Quelle: Hebbel am Ufer)

Interview | Daniel Wetzel über "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" - "Es ist der Versuch, dem Buch ins Auge zu schauen"

Das Theater-Kollektiv Rimini Protokoll nähert sich auf der Bühne einem der monströsesten Bücher aller Zeiten, Hitlers "Mein Kampf". Am Donnerstag ist Berlin-Premiere. Co-Regisseur Daniel Wetzel erklärt im Interview, warum Hitlers Werk nicht als Zitatenschatz für Neonazis taugt - und was die geplante kritischen Neuausgabe zur Entmystifzierung beitragen könnte.

rbb online: Herr Wetzel, wieviel Zeit haben Sie mit der Lektüre von "Mein Kampf" verbracht?

Daniel Wetzel: Mehrere Wochen einerseits, andererseits aber auch nicht so viel: Die Lektüre bestand darin, dass wir uns mit zahlreichen Leuten immer wieder im Buch bewegt haben, bei Recherchen und Proben.  Aber alleine durchgelesen habe ich es nicht – und dazu habe ich auch keine Lust.

Welche Fragen haben Sie bei der Auseinandersetzung besonders beschäftigt?

Erst mal wollten wir wissen: Was steht da überhaupt drin? Woraus speist sich der Mythos der Ansteckungsgefahr? Inwieweit liefert der Text Nazis von heute Argumente, die sie benutzen könnten? Mit welcher Logik hat Hitler dort versucht, den Antisemitismus zu propagieren? Und eine weitere Frage war: Wie kann man sich mit diesem Text überhaupt auseinandersetzen?

Und zu welchen Antworten sind Sie dabei gekommen?

Unsere Antwort darauf, wie wir "Mein Kampf" lesen, ist das Stück selbst. Wir lesen es nicht alleine und zurückgezogen, sondern es ist Gegenstand einer öffentlichen Veranstaltung, bei der in den Text reingelesen wird, aber immer kontextualisiert. Ich glaube, es hat keinen Sinn, ihn als einen Text zu behandeln, der für sich steht. Vielmehr geht es darum quer zu lesen, zum einen in die Gegenwart: Bei Rassisten findet man immer wieder die gleichen Argumente, immer wieder die gleichen Winkelzüge. Auf der anderen Seite ist es auch ein historischer Text, der die Frage aufwirft, wie er einen Anteil an der “Nationalsozialistisierung” eines ganzen Landes haben konnte. Daran knüpft sich die Frage: Hätten es mehr Menschen lesen müssen? Und ernster nehmen? In der Linken reagierte man bei Erscheinen des Textes in den 1920er Jahren ja auch sehr abfällig und mit Spott. Das war offenbar zu kurz gegriffen. Es ist zwar kein Propagandatext, der den Leuten in einfachen Worten sagt, worum es gehen wird, sondern es ist ein langer und nicht leicht zu lesender Text, der vor allem auch innerhalb der “Bewegung” argumentiert. Aber alle Grundzüge des Kommenden sind benannt. Vor allem geht es auch darum, dass Hitler der richtige Führer sei, dass er der oberste Antisemit sei, dass Hass und Opfer legitime Mittel seien und aus seinem Kampf notwendig ein Kampf der Völker werden müsse.

Wie stellen Sie dieses komplexe Themenfeld auf der Bühne dar?

Man sieht erst einmal Leute, die mit dem Text umgegangen sind.  Man hört, was sie darin lesen, man hört die unterschiedlichen Facetten des Textes. Man hört auch Ausschnitte aus dem Text. Am Ende  wird man natürlich nicht mit schulmeisterlichen, abschließenden Antworten aus dem Stück entlassen. Aber wir versuchen schon, immer wieder Parallelen zu heute zu ziehen: Die Argumente, die heute vom rechten Lager benutzt werden, können dort schon gefunden werden. Das bedeutet aber nicht, dass "Mein Kampf" eine Ressource für Neonazis ist. Der Text spielt als Zitatenschatz gar keine Rolle, dazu ist er zu verquast.

Der Regisseur Daniel Wetzel vom Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll spricht am 21.04.2015 in Weimar (Thüringen) über seine Arbeit am Stück «Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2» (Quelle: dpa)
Daniel Wetzel bildet seit 2002 mit Helgard Haug und Stefan Kaegi das Autoren- und Regiekollektiv Rimini Protokoll

Sie selbst stehen nicht auf der Bühne, sondern sechs andere Männer und Frauen, die aus ganz verschiedenen Richtungen kommen. Was bekommen die Zuschauer da zu sehen?

Wir haben in einer ausschweifenden Recherche mit vielen Leuten gesprochen, die mit "Mein Kampf" Erfahrungen gemacht haben, als Text, als Buch, als Symbol: mit Historikern, Archivaren, Bibliothekaren. Uns hat aber beispielsweise auch die Frage interessiert, wie man das Buch als Israeli liest. Wir haben einen Mann kennengelernt, der mittlerweile als Anwalt arbeitet und dem Text begegnet ist, als er in Israel Literatur studierte. Er ist in den USA aufgewachsen und dort auch immer wieder mit dem straßenläufigen Antisemitismus großgeworden, ist auf dem Schulhof als "fucking Jew" beschimpft worden. Er hatte den ersten Teil des Buches, in dem beschworen wird, dass man zur Tat schreiten müsse, wie eine Art Motivationshilfe gelesen. Er wusste, dass er das Buch des Verbrechers liest, der seine Großeltern aus Österreich vertrieben hatte. Nichtsdestotrotz hat ihn interessiert, dass der Text eine Wirkungsbasis hat: Get things done, schreite zur Tat. Er hat sich über die Jahrzehnte hinweg weiter mit dem Text befasst. Aber er erzählt eben auch von dieser potentiell faszinierenden, motivierenden Ebene.

Er berichtet selbst auf der Bühne davon?

Genau. Das ist auch ein Prinzip des Stücks: der Versuch, dem Buch ins Auge zu schauen.  Außerdem berichtet auf der Bühne zum Beispiel ein Musiker mit türkischem Familien-Hintergrund von seiner Erfahrung mit dem Buch. Er erzählt, dass er "Mein Kampf" gar nicht lesen kann, ohne dabei an Sarrazin zu denken. Er findet darin sehr viel von dem, was er im Alltag an permanenter "Entdeutschung" erfährt.  Wenn er sagt, er sei Deutscher und in Frankfurt geboren, sei der nächste Satz immer: Okay, aber woher kommst du eigentlich? Es gibt da so eine Art, Leute immer irgendwie zuordnen zu wollen. Die ist eigentlich nicht rassistisch, aber irgendwie dann doch. Damit hat er andauernd zu tun.

Das Institut für Zeitgeschichte will in dieser Woche seine wissenschaftlich kommentierte Neuausgabe von "Mein Kampf" vorstellen. Der Projektleiter Christian Hartmann hat gesagt, er hoffe, dass die Ausgabe zu einer Entmystifizierung des NS-Relikts "Mein Kampf" beiträgt. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Dasselbe hoffen wir auch von unserer Aufführung, allerdings ohne, dass das mit einer Normalisierung einhergeht. Wir werden immer wieder gefragt, ob wir wollen, dass das ein ganz normales Buch ist. Darum geht es uns überhaupt nicht. Die Frage ist: Wie antwortet die Gesellschaft auf so ein Buch? Wie weit kommt eine Gesellschaft mit Tabus? Wie weit lügt man sich in die Tasche, wenn man so tut, als gäbe es diesen Text nicht oder als wäre er verboten, obwohl er es nicht ist? Wer sich für ihn interessiert, kann ihn sich ja jetzt schon einfach besorgen, innerhalb von Sekunden im Internet oder auch antiquarisch. Wir freuen uns jedenfalls auch auf die kritische Ausgabe, deren erste Auflage ja leider schon vor Erscheinen vergriffen zu sein scheint. Es soll darin ja auch darum gehen, die Lügen, die darin stehen, aufzuzeigen. Dadurch wird der Text sehr stark entmystifiziert.

Können Sie ein konkretes Beispiel für so eine Lüge in "Mein Kampf" nennen?

Es gibt da zum Beispiel die bekannte Stelle, in der geschildert wird, wie Hitler aus der Kleinstadt Linz in die Großstadt Wien kommend sich einem Juden gegenüber sieht und darüber nachdenkt: Wenn das ein Jude ist, kann das auch ein Deutscher sein? Er führt dann dramatisch ein Hin und Her im Denken vor: Kann man einen Menschen anfeinden und ausgrenzen, nur weil er ein Jude ist? Seine Zweifel am Antisemitismus erscheinen dann als eine Krankheit, die er heroisch überwunden hat. Ein Experte vom Institut für Zeitgeschichte haben uns gesagt, dass das zum Beispiel historisch falsch ist: Hitler hat sich den Antisemitismus erst später in München als politisches Instrument angeeignet. In Wien dagegen hatte er sogar jüdische Geschäftspartner.

"Mein Kampf" wurde ja schon mehrfach künstlerisch bearbeitet. Der Künstler Serdar Somuncu etwa hat jahrelang landauf landab auf der Bühne aus dem Buch vorgelesen – was nicht zuletzt einen komischen Effekt hatte. Spielt das Lachen über Hitler auch in Ihrem Stück eine Rolle?

Man stößt immer wieder auf Stellen, die unfreiwillig komisch sind, allein schon stilistisch. Man merkt da, dass der Furor mit dem Autor durchgeht und er Metaphern derartig ineinander verschiebt, dass sie sich gegenseitig aufheben. Wir haben eigentlich damit gerechnet, dass wir bei den Proben eine höchst unangenehme Zeit haben würden, weil wir uns eben mit einem höchst unangenehmen und auch nicht empfehlenswerten Text befassen mussten. Dem war dann aber nicht so. Zusammen mit so interessanten und schlauen Leuten durch so einen Text zu gehen, ist eben ein Prozess, bei dem man auch viel lachen kann.  

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hätte gern, dass die kommentierte Neuausgabe im Schulunterricht eingesetzt wird. Auch die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres steht dem offen gegenüber. Halten Sie das für eine gute Idee?

Ja. Ich würde jetzt nicht das ganze Schuljahr drauf verwenden, aber es ist im Schulunterricht ja  sonst auch üblich, mit Auszügen aus Texten zu arbeiten. In den USA haben wir zum Beispiel gehört, dass im Anthropologie-Studium Auszüge aus "Mein Kampf" ganz selbstverständlich unter "German culture" vorkommen, weil das Buch ein Teil deutscher Geschichte ist. Hinzuschauen statt wegzuschauen müsste eigentlich auch eine besondere deutsche Tugend sein. Dass Schüler wenigstens ein bisschen darauf trainiert werden, neonazistische Argumente als solche zu erkennen und auch zu erkennen, dass diese Argumente mit anderen Worten schon in "Mein Kampf" stehen, kann nicht falsch sein.

Das Interview führte Fabian Wallmeier.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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