Die Schauspielerinnen Ursina Lardi (vorn) und Consolate Siperius in dem Stück "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" von Milo Rau an der Berliner Schaubühne. (Quelle: imago/DRAMA-Berlin.de)
Audio: Inforadio | 17.01.2016 | Ute Büsing

Kritik | "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" an der Berliner Schaubühne - Eine Abrechnung mit der Mitleid-Industrie

Der Schweizer Milo Rau ist einer der gefragtesten Regisseure Europas. Streitbar sind seine politisch-realistischen Inszenierungen immer. An der Berliner Schaubühne wurde jetzt "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" uraufgeführt. "Stark!" findet das rbb-Kritikerin Ute Büsing.

Die Geschichte des Maschinengewehrs wird nicht erzählt. Vielmehr wird in diesem theatralen Essay abgehandelt, was es in den Händen entfesselter Mörderbanden anrichtet. Und "Mitleid", das meint uns hier im Herzen Europas unsere Empathiefähigkeit und ihre eng gesteckten Grenzen.

Ausgehend von dem syrischen Flüchtlingsjungen, der zwischen dem türkischen Bodrum und dem griechischen Kos ertrank, und der kontinentalen Mitleidwelle, die sein Foto auslöste, hinterfragt Milo Rau in dem nachdenklich stimmenden Anderthalbstünder die mangelnde Bereitschaft, uns mit den Millionen Opfern der Genozide in Zentralafrika, namentlich im Kongo, in Burundi und Ruanda, auseinanderzusetzen.

Massaker und Ödipus-Mythos

Er hält Narzissmus und Rassismus einen Spiegel vor, indem er die absolut überzeugende Schauspielerin Ursina Lardi in die Rolle einer unbedarften NGO-Mitarbeiterin schlüpfen lässt, die als jugendliche Hilfskraft im Kongo stationiert wird. Dies geschieht kurz vor dem Völkermord der Hutus an den Tutsi in Ruanda. Bald hört sie die titelgebenden Maschinengewehre sirren und die Schreie der Ermordeten. Eine Million Menschen flüchten in den Kongo - darunter auch die Milizionäre, die das große Schlachten angerichtet haben. 1.000 NGO's werden aufgeboten, sie zu betreuen. Dann marschiert die neue ruandische Tutsi-Armee ins Camp ein und mordet ihrerseits.

Aus der sicheren Distanz eines "Feldherrenhügel" beobachtet das die Ich-Erzählerin. Sie steht während der gesamten Aufführung in den verbrannten Trümmern des Lagers. Die Aussagen über ungehemmte Massaker und hilflose Helfer basieren auf Raus Recherchen. Für das Theater hat er sie mit dem Ödipus-Mythos zusammengeführt. Heraus kommt ein klassisches Aufklärungsdrama: Mitwisserschaft mündet in die tragische Einsicht der Mittäterschaft. Blank liegt der Zynismus der Mitleid-Industrie, die sich afrikanische und syrische Flüchtlinge zur Bestätigung des eigenen Gutmenschentums zunutze macht.

Authentizität statt Doppeldeutigkeit

Milo Rau rechnet auch ab mit Flüchtlings-Chören auf den Bühnen - und mit seiner Art, politisch-realistisches Theater zu machen. Er zeigt: Hinter dem Authentizitätseffekt verschwindet die notwendige Doppeldeutigkeit von Kunst. Die in Burundi geborene und bei belgischen Adoptiveltern aufgewachsene Schauspielerin Consolate Sipérius spielt hier im Prolog und im Epilog umwerfend authentisch tatsächlich sich selbst - und verdeutlicht so die beabsichtigte Brechung: Gute Absichten allein reichen nicht.  Am Ende, so heißt es, kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat. Stark!

Beitrag von Ute Büsing

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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