Deutsches Theater Berlin - Väter und Söhne (Quelle: dpa)

Mögliche Heimspiele beim Berliner Theatertreffen - Von Vätern und Söhnen - und anderen Favoriten

Am Mittwoch gibt die Jury des Berliner Theatertreffens ihre diesjährige Auswahl bekannt: die zehn Inszenierungen, die sie für die besten des deutschsprachigen Theaterjahres hält. Doch welche Inszenierungen aus Berlin haben Chancen, dabei zu sein? Eine Spekulation von Fabian Wallmeier

Dass Berlin auch die Theaterhauptstadt Deutschlands ist, lässt sich aus der Theatertreffen-Bilanz der fünf vergangenen Jahre nicht immer ablesen: 2015 und 2011 lud die Jury zwei Inszenierungen ein, 2013 und 2014 sogar nur jeweils nur eine. Lediglich im Jahr 2012 dominierten die Berliner Theatermacher mit vier von zehn eingeladenen Inszenierungen das Feld.

Und welche Berliner Inszenierung hätte es in diesem Jahr verdient?

DT: "Väter und Söhne" und "Affäre Rue de Lourcine"

Klassiker-Inszenierungen beherrschten lange Zeit das Theatertreffen. Auch wenn mittlerweile mehr Zeitgenössisches eingeladen wird, stehen die Klassiker immer noch hoch im Kurs. Ein klarer Berliner Favorit aus diesem Feld wäre in diesem Jahr eine Inszenierung am Deutschen Theater, die die Kritik einhellig verzückte: "Väter und Söhne" nach dem Roman von Iwan Turgenjew. Daniela Löffner hat dafür die Kammerspiele umbauen lassen. Die Bühne ist nun in der Mitte, rundum sitzen die Zuschauer – und auch die Darsteller, solange sie keinen Auftritt haben. Das schafft Nähe zum Geschehen – und am Ende des ungemein dichten, bei aller Schwere überraschend leichten, fesselnden und vom großen Ensemble phänomenal gespielten Theaterabends hat der Zuschauer gar nicht das Gefühl, ganze vier Stunden am DT verbracht zu haben.

Ebenfalls vom DT kommt eine Inszenierung von Karin Henkel, die zuletzt im vergangenen Jahr mit ihrem Hamburger "John Gabriel Borkman" zum Theatertreffen eingeladen war: Erst Mitte Januar verwandelte sie in der Schumannstraße die leichte französische Gesellschaftskomödie "Die Affäre Rue de Lourcine" in einen abgründigen Ritt ins menschliche Gedächtnis und seine Fehlleistungen. Absurd, rasant, enorm komisch, dank einiger Horror-Elementen zugleich erstaunlich unheimlich - und wiederum großartig gespielt. Schade nur, dass Komödien traditionell einen schweren Stand beim Theatertreffen haben.

Lars Eidinger als Richard III. bei den Proben des Stücks am 30.01.15 in der Schaubühne Berlin (Quelle: © Arno Declair)
Lars Eidinger als Richard III. in der gleichnamigen Inszenierung von Thomas Ostermeier

"Richard III." oder vielleicht doch "Fear"?

Erstaunlicherweise wurde die Schaubühne schon seit 2006 nicht mehr eingeladen – und das obwohl dort Jahr für Jahr zuverlässig Erstklassiges zu finden ist. Dass man es versäumt hat, Thomas Ostermeiers Lars-Eidinger-Show "Hamlet" einzuladen, könnte man nun wieder gut machen, indem "Richard III." eine Einladung bekommt – doch leider bleibt dieser Abend im Vergleich ein allzu kalkulierter Aufguss, trotz des für diese Inszenierung erstmals eingesetzten Globes, eines Halbrundes mit steil aufsteigenden Zuschauerrängen wie zu Shakespeares Zeiten. Der Globe kommt aber auch bei einem der witzigsten Schaubühnenabende jüngerer Zeit zum Tragen: dem vom Autor Marius von Mayenburg selbst inszenierten "Stück Plastik", einem vor Spielfreude, Albernheit und Abgründigkeit nur so strotzenden Boulevardtheaterereignis. Aber wie gesagt: Komödien haben es nicht leicht.

So sehr man es auch dem hoch geschätzten Falk Richter gönnen würde, endlich einmal wieder zum Theatertreffen eingeladen zu werden: "Fear" gehört bei Licht betrachtet zu seinen schwächeren Arbeiten. Der bei der Premiere sehr unfertig und fahrig wirkende Abend hat sich zwar sicherlich seine Meriten verdient – allerdings weniger durch das Stück und die Inszenierung selbst, als vielmehr durch den Skandal, den sie entfachten: Richters Abrechnung mit Pegida und AfD landete vor Gericht, die Schaubühne ging als Siegerin hervor. Man käme nicht umhin, eine Einladung von "Fear" zum Theatertreffen primär als politisches Signal zu werten: als ein Zeichen für die Kunstfreiheit.

Hausbesuch Europa © Rimini Protokoll / Illustration: María José Aquilanti
"Hausbesuch Europa" von Kollektiv Rimini Protokoll

Politisches vom Gorki oder aus kleinen Häusern

Das Gorki Theater begeisterte beim vergangenen Theatertreffen mit Yael Ronens "Common Ground", in dem das Ensemble sehr persönlich den Balkankonflikt aufarbeitete. Ähnlich furios hat sie sich nun dem Nahost-Konflikt gewidmet: mit "The Situation", einem berührenden, spritzigen Abend, der auf der Höhe der Zeit Geschichten von Flucht und Vertreibung erzählt. Wie gemacht für das Theatertreffen!

Auch auf kleineren Bühnen passierte in den vergangenen zwölf Monaten Beachtliches. Ebenso wie bei "The Situation" fällt hier vor allem der aktuelle politische Bezug auf. Denkbar wäre etwa eine Einladung für Milo Raus kontrovers diskutiertes "Kongo Tribunal", das unter anderem in den Sophiensaelen zu sehen war. Auch das Kollektiv Rimini Protokoll könnte eingeladen werden – nicht unbedingt für den etwas zäh geratenen, vom HAU koproduzierten Abend "Adolf Hitler: Mein Kampf Band 1&2", aber vielleicht ja für den "Hausbesuch Europa", eine Art Spieleabend, der in Berliner Privatwohnungen stattfindet.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin mit der Uraufführung des Stücks »der die mann« 18.02.2015, Regie und Bühne: Herbert Fritsch (Quelle: dpa)
"der die mann", inszeniert von Herbert Fritsch

Die Wiederkehr der Lieblinge

Und dann wären da noch einige Theatertreffen-Lieblinge der vergangenen Jahre: Susanne Kennedy zum Beispiel war 2014 und 2015 mit Münchner Inszenierungen eingeladen. "Fegefeuer in Ingolstadt" und "Warum läuft Herr R. Amok?" waren harte Brocken, in denen die Schauspieler wulstiglippige Masken trugen und alles Gesprochene vom Band kam. In "Orpheus", das im vergangenen Sommer zunächst auf der Ruhrtriennale und dann im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war, treibt sie das Spiel mit der Brutalverfremdung noch ein Stück weiter: Die Musik der zugrunde liegenden Monteverdi-Oper wurde in ihre Einzelteile zerlegt, auch die Handlung wurde skelettiert.

Statt einer klassischen Bühne gibt es nun verschiedene Räume, durch die die Zuschauer in Achtergruppen geführt werden. Auge in Auge mit den grotesk puppenhaften stummen Kennedy-Figuren zu stehen, das Ansehen und Angesehenwerden auszuhalten, auf selten erlebte Weise mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert zu werden – das gehört zu den intensivsten, durchrüttelndsten Theatererlebnissen der Saison. "Orpheus" ist allerdings eine Koproduktion der Berliner Festspiele, die auch das Theatertreffen veranstalten. Eine Einladung könnte also einiges Naserümpfen zur Folge haben. Hoffentlich lässt sich die Jury davon nicht beeindrucken.

Ein weiterer Liebling der Jurys des Theatertreffens war in den vergangenen Jahren Herbert Fritsch. Der vom Volksbühnenschauspieler zum Regisseur gewordene Klamottenkünstler war seit 2011 fünffach vertreten, darunter auch mit drei Volksbühnen-Inszenierungen. Im vergangenen Jahr ging er leer aus – vielleicht hatte sich doch ein bisschen zu viel Wiederholung eingeschlichen in seine Slapstick-Paraden. Dennoch könnte sich die Jury durchaus in seinen neuesten Berliner Streich "der die mann" nach Texten von Konrad Bayer verlieben.

Der Volksbühnen-Intendant Frank Castorf selbst war in den vergangenen beiden Jahren vertreten – wenn auch mit Regiearbeiten aus anderen Städten. In diesem Jahr könnte er mit seiner von den Wiener Festwochen und der Volksbühne koproduzierten Fassung von "Die Brüder Karamasow" eingeladen werden. Für den Sechseinhalbstünder nehmen die Zuschauer auf Sitzsäcken Platz, im entstuhlten und komplett asphaltierten "Grundraum" der Volksbühne, den der prägende Hausbühnenbildner Bert Neumann noch vor seinem Tod konzipiert hatte.

Die schönere Würdigung der Ägide Castorf/Neumann wäre aber eine Einladung für "Service / No Service", in dem René Pollesch, für seine Verhältnisse federleicht, philosophisch-diskursive Grundsatzbetrachtungen über im Grunde alles, im Speziellen aber auch über die Liebe und über die Bedeutung des Theaters  anstellt. Die Zuschauer sitzen dabei ohne Säcke auf dem Asphalt und üben sich schon einmal ein bisschen in Wehmut, wenn immer wieder der bevorstehende Abschied Castorfs (im Sommer kommenden Jahres) und damit wahrscheinlich auch Polleschs von der Volksbühne anklingt.

Oderbrücke in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb/ Haase-Wendt)

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